Die Steuerregeln für Bitcoin und andere Kryptowährungen könnten sich ab 2027 grundlegend ändern. Wie die Tageszeitung „WELT“ zuerst berichtete, werden die Pläne des Bundesfinanzministeriums für die Besteuerung von Kryptowerten konkreter. Bislang gilt: Wer Bitcoin, Ether oder andere Kryptowerte im Privatvermögen länger als ein Jahr hält, kann Gewinne aus einem späteren Verkauf grundsätzlich steuerfrei vereinnahmen. Bei einem Verkauf innerhalb eines Jahres wird der Gewinn dagegen mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert.
Nach den bekannt gewordenen Plänen soll sich das ab 2027 ändern. Gewinne aus neu erworbenen Kryptowerten sollen künftig als Kapitaleinkünfte behandelt werden. Die einjährige Haltefrist würde damit entfallen. Stattdessen soll wie bei Aktien die Abgeltungsteuer von 25 Prozent greifen. Entscheidend ist der geplante Stichtag: Betroffen wären dem Bericht zufolge nur Kryptowerte, die nach dem 31. Dezember 2026 gekauft werden. Für bestehende Bestände soll die bisherige Regelung weiter gelten.
Wichtig: Beschlossen ist die Reform noch nicht. Der Entwurf befindet sich erst in der Abstimmung innerhalb der Bundesregierung. Die geplanten Regeln können sich daher noch ändern.
Neue Krypto-Steuer ab 2027? „Die langfristigen Sparer werden benachteiligt“
Steuerberater Matthias Steger sieht in den Plänen vor allem einen Nachteil für Anleger, die Bitcoin langfristig halten. „Die langfristigen Sparer werden benachteiligt“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Clemens Steinmann, von der Steuerplattform Taxfix, kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: „Für Langfristanleger ist es eine Steuererhöhung, für Vieltrader mit hohem Einkommen kann es bei steuerpflichtigen Gewinnen faktisch eine Senkung sein.“

Der Grund: Wer Bitcoin heute länger als ein Jahr hält, kann einen Kursgewinn grundsätzlich steuerfrei realisieren. Nach dem neuen Modell würde dagegen auch nach mehreren Jahren eine Steuer fällig. Umgekehrt könnten kurzfristig handelnde Anleger profitieren. Ihre Gewinne werden aktuell mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert – der beispielsweise bei 42 Prozent liegen kann.
Sollte man Bitcoin noch vor 2027 kaufen? Profis geben Einschätzungen
Auch der geplante Bestandsschutz könnte Folgen haben. Werden tatsächlich nur Käufe ab 2027 von der neuen Regelung erfasst, entsteht ein Anreiz, geplante Investitionen noch vor Jahresende vorzunehmen. Auf die Frage, ob Anleger deshalb Käufe vorziehen könnten, antwortet Steger: „Auf jeden Fall. Der Bundesfinanzminister stärkt den Bitcoin-Kurs – das hätte ich nie vermutet.“ Er erwartet „eine größere Nachfrage aus Deutschland“. Eine konkrete Prognose für den Bitcoin-Kurs leitet er daraus allerdings nicht ab. Dafür seien die übrigen Einflussfaktoren auf den Kryptomarkt zu groß.
Beim möglichen Kurseffekt widerspricht zudem Krypto-Profi Dirk Heß vom Finanzdienstleister „Nxtassets“. Der Kryptomarkt sei global, steuerbedingte Transaktionen deutscher Privatanleger fielen kaum ins Gewicht. Auswirkungen auf die Kurse von Bitcoin oder Ether erwartet er deshalb nicht.

Etwas anders ordnet Ulli Spankowski von der Krypto-Börse Bison die Situation ein. Anleger, die bereits Kryptowährungen besitzen, sollten sich zunächst einen Überblick verschaffen, welche Bestände länger als ein Jahr gehalten werden und bei welchen die Haltefrist noch nicht erreicht ist. Anschließend gelte es zu prüfen, ob und wann im Rahmen der eigenen Anlagestrategie Handlungsbedarf besteht. Auch für Anleger, die bislang keine Kryptowährungen im Portfolio halten, könnte die geplante Neuregelung nach Einschätzung Spankowskis ein zusätzlicher Anlass sein, sich mit dem Thema zu beschäftigen.
Steinmann warnt dagegen vor Entscheidungen allein aus steuerlichen Gründen: „Wer allein wegen des Stichtags handelt, tauscht eine ungeklärte steuerliche Frage gegen ein Kursrisiko.“ Die einzige Maßnahme, die in jedem Szenario helfe, sei eine vollständige Transaktionshistorie und saubere Dokumentation.
Altbestände: Warum die Dokumentation wichtiger wird
Wer bereits Bitcoin, Ether oder andere betroffene Kryptowerte besitzt, sollte nach Einschätzung Steinmanns vor allem seine Unterlagen im Blick behalten. Für den Bestandsschutz kann entscheidend werden, wann Coins angeschafft wurden, was sie gekostet haben und wie sie anschließend zwischen Börsen und Wallets bewegt wurden.
Bitte beachten:
Aktien, Immobilien und andere Investments sind grundsätzlich mit einem Risiko verbunden. Auch ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals kann nicht ausgeschlossen werden. Ebenso können Kredite eine erhebliche finanzielle Belastung darstellen. Verbraucher sollten ihre finanzielle Situation sorgfältig prüfen und alle Kosten gründlich durchrechnen. Die veröffentlichten Artikel, Daten und Prognosen sind keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder Rechten und ersetzen keine fachliche Beratung.
„Wer Anschaffungszeitpunkt, Anschaffungskosten und Transaktionshistorie nicht belegen kann, muss damit rechnen, dass das Finanzamt die Besteuerungsgrundlagen schätzt“, sagt der Taxfix-Experte. Wer ab 2027 für Neubestände eine getrennte Wallet nutzt, schaffe eine klare Trennung und erleichtere die spätere Nachvollziehbarkeit. Nach geltendem Recht setze ein Transfer zwischen eigenen Wallets die Haltefrist grundsätzlich nicht neu in Gang. „Wie der neue Bestandsschutz mit solchen Transfers im Detail zusammenspielt, ist bislang offen“, so Steinmann weiter.
Experte zweifelt am Nutzen der neuen Steuerregel
Steger zweifelt zudem daran, dass die Reform dem Staat tatsächlich dauerhaft höhere Einnahmen bringt. „Für mich ist die entscheidende Frage: das Warum“, sagt er. Langfristige Anleger könnten ihre Bestände schlicht weiter halten, während kurzfristig Handelnde künftig möglicherweise weniger Steuern zahlen. Aus Stegers Sicht ist daher offen, ob die Rechnung für den Staat aufgeht.
Quellen:
Im Gespräch mit Matthias Steger Consulting Steuerberatungsgesellschaft im September 2026
Im Gespräch mit Dirk Heß, Geschäftsführer nxtAssets im September 2026
Im Gespräch mit Clemens Steinmann, Steuerexperte bei Taxfix im September 2026
Im Gespräch mit Ulli Spankowski, Geschäftsführer der Krypto-Börse Bison im September 2026



