Menschen mit starkem Übergewicht erleben im Alltag häufig, dass ihr Essverhalten besonders aufmerksam beobachtet oder bewertet wird. Schon ein gemeinsames Essen kann dadurch unangenehm werden: Ist der Teller zu voll? Wurde nicht der Salat gewählt? Nimmt man sich noch einen Nachtisch oder lieber nicht? Auch körperliche Beschwerden werden mitunter vorschnell allein auf das Gewicht oder vermeintlich fehlende Bewegung zurückgeführt. Dahinter stehen häufig Vorurteile, nach denen Menschen mit Adipositas oder Übergewicht weniger aktiv oder diszipliniert seien.

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Solche vereinfachenden Vorstellungen lassen außer Acht, dass starkes Übergewicht von vielen Faktoren beeinflusst wird. Zugleich können bewertende Blicke, Kommentare und Vorurteile das Wohlbefinden beeinträchtigen. Manche Menschen erleben dadurch Stress, Scham oder Ängste und ziehen sich aus bestimmten Situationen zurück. Auch die Bereitschaft, medizinische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, kann darunter leiden.
Das Essen wird zudem nicht nur durch körperlichen Hunger beeinflusst. Auch Stress, Sorgen, Einsamkeit oder andere Gefühle können eine Rolle spielen. Wird ein Mensch aufgrund seines Gewichts abgewertet oder fühlt er sich mit seiner Situation allein, kann Essen vorübergehend Trost oder Entlastung bieten. Langfristig können sich daraus belastende Verhaltensmuster entwickeln.
Psychische Belastungen entstehen daher nicht allein im Zusammenhang mit dem Körpergewicht, sondern auch durch den gesellschaftlichen Umgang damit. Eine respektvolle, wertfreie Kommunikation ist deshalb ein wichtiger Bestandteil einer unterstützenden Gesundheitsversorgung.
Einflussfaktoren bei Adipositas
Auf den ersten Blick scheint Adipositas leicht erklärbar: Wer über längere Zeit mehr Energie aufnimmt, als der Körper verbraucht, nimmt zu. In der Praxis ist das Thema jedoch deutlich komplexer. Adipositas ist nicht nur eine Frage des Körpergewichts, sondern ein langfristiges, vielschichtiges Gesundheitsthema. Genetische, biologische, soziale und psychische Faktoren können dabei zusammenwirken.
Zur Einordnung: Ein Body-Mass-Index (BMI) ab 25 kg/m² wird als Übergewicht eingeordnet, ab 30 kg/m² spricht man von Adipositas. Der BMI kann eine erste Orientierung geben, bildet die individuelle gesundheitliche Situation aber nicht vollständig ab. Auch Faktoren wie Fettverteilung, körperliche Fitness, Begleitbeschwerden und Lebensqualität sind relevant.
Zu den möglichen Einflüssen gehören genetische Veranlagung, Stoffwechsel- und Hormonprozesse, Schlaf, bestimmte Medikamente, das soziale Umfeld und die persönlichen Lebensbedingungen. Auch Ernährungs- und Bewegungsmuster sowie psychische Belastungen können eine Rolle spielen.
Wenn Beschwerden bestehen, ist ein ärztliches Gespräch sinnvoll. Dabei sollte der ganze Mensch betrachtet werden, statt Symptome vorschnell allein auf das Körpergewicht zurückzuführen.
Verschiedene psychologische Faktoren können bei der Adipositas oder Übergewicht an der Entwicklung des Gewichts beteiligt sein. Die Psyche spielt bereits bei der Entstehung von Übergewicht eine Rolle, das Sichern des Erfolgs beim Abnehmen und das Abnehmen an sich werden ebenfalls von ihr beeinflusst – und dadurch zur Herausforderung werden. Im Einzelfall können die psychischen Belastungen sogar eine der Hauptursachen für die Probleme beim Abnehmen oder dem Halten des Gewichts sein.

Das Zusammenspiel von Körper und Psyche
Das Stück Schokolade als Trost nach einem aufgeschlagenen Knie, das Eis als Belohnung nach einem gelungenen Vokabeltest oder ein Snack gegen Langeweile: Schon in der Kindheit kann Essen mit Trost und Belohnung verknüpft werden. Auch im Erwachsenenalter kann es zeitweise beruhigen oder von belastenden Gedanken ablenken.
Durch das Essen werden seelische Belastungen erträglicher und depressive Verstimmungen durch zu viel (oder zu wenig) Nahrung häufig gelindert.
Mögliche Auslöser für solch emotionales Essen sind Stress, Einsamkeit, Trauer, Ängste, Langeweile, Konflikte oder Schlafmangel. Das bedeutet nicht automatisch, dass eine Essstörung vorliegt. Unterstützungsbedarf kann dann entstehen, wenn Essen dauerhaft zur wichtigsten Strategie für den Umgang mit Gefühlen oder das Essverhalten als belastend empfunden wird.
Daraus kann sich leicht eine Art Spirale entwickeln: Durch das vermehrte Essen nimmt man zu, das eigene Körperbild verschlechtert sich, sodass psychische Störungen auftreten können. Ist die Psyche betroffen, wird auch die Gewichtsreduktion beeinflusst: Schlafstörungen und -mangel fördern eine Gewichtszunahme, ein gefühlt niedriger sozialer Status kann zu Ernährungsfehlern und auch Essstörungen führen, sodass die Aufnahme der Kalorien unkontrollierbar wird. Des Weiteren sind Hormonstörungen bekannt, die eine Gewichtszunahme bedingen können, dazu die Nebenwirkungen von einigen Medikamenten, darunter Antidepressiva, Cortison, die Pille und Medikamente bei Diabetes.

Adipositas und psychisches Wohlbefinden
Zwischen Adipositas und psychischen Belastungen bestehen komplexe, häufig wechselseitige Zusammenhänge. Studien zeigen beispielsweise einen Zusammenhang zwischen Adipositas und Depressionen, so erkranken Menschen mit Adipositas häufiger an Depressionen als Menschen ohne Adipositas. Auch Angststörungen und die Binge-Eating-Störung treten bei Menschen mit Adipositas öfter auf. Die Binge-Eating-Störung ist eine anerkannte Essstörung. Dabei kommt es wiederholt zu Essanfällen, bei denen innerhalb eines begrenzten Zeitraums eine große Menge gegessen und ein Verlust der Kontrolle über das Essen erlebt wird. Anders als bei Bulimie folgen in der Regel keine regelmäßigen ausgleichenden Maßnahmen wie selbst herbeigeführtes Erbrechen oder exzessive Bewegung. Die Essanfälle können mit Scham, Schuldgefühlen und einem erheblichen Leidensdruck verbunden sein. Daraus lässt sich jedoch nicht pauschal ableiten, dass das Körpergewicht dafür allein die Ursache ist.
Jedoch können psychische Belastungen gesundheitsfördernde Verhaltensweisen weiter erschweren. Umgekehrt können körperliche Beschwerden, eingeschränkte Mobilität oder belastende Erfahrungen mit gesellschaftlicher Stigmatisierung das psychische Wohlbefinden beeinträchtigen. Umso wichtiger ist es, die individuelle Situation zu betrachten und passende Unterstützung anzubieten.
Strenge Diäten und wiederholte Gewichtsschwankungen (der bekannte Jojo-Effekt) können den Umgang mit Essen zusätzlich belasten. Ein langfristiger, individuell abgestimmter Ansatz kann dabei helfen, das Essverhalten und das Wohlbefinden nachhaltig zu unterstützen. Es kann hilfreich sein, gemeinsam mit Fachpersonen alternative Strategien zu entwickeln, um ins seelische Gleichgewicht zurückzukehren. Dazu können beispielsweise Bewegung, Entspannungsverfahren, soziale Kontakte, ein geregelter Schlaf oder psychotherapeutische Unterstützung gehören.

Den ganzen Menschen betrachten
Eine ganzheitliche Begleitung berücksichtigt sowohl körperliche als auch psychische und soziale Faktoren. In einem vertrauensvollen ärztlichen Gespräch können unter anderem folgende Fragen geklärt werden: Welche körperlichen oder psychischen Beschwerden bestehen? Welche Medikamente werden eingenommen? Gibt es Essanfälle oder belastende Erfahrungen rund um das Essen? Welche bisherigen Behandlungen und Erfahrungen gab es? Welche Rolle spielen Stress, Stimmung und Schlaf? Welche persönlichen Ziele, Wünsche und Ressourcen sind vorhanden?
Eine ganzheitliche Adipositastherapie geht damit über die Empfehlung hinaus, weniger zu essen und sich mehr zu bewegen. Ernährung und Bewegung bleiben wichtige Bausteine, werden jedoch individuell an die Lebenssituation und die persönlichen Möglichkeiten angepasst.
Weitere mögliche Bausteine sind die haus- und fachärztliche Begleitung, Ernährungsmedizin und alltagstaugliche Ernährungsberatung, psychotherapeutische Unterstützung, individuell angepasste Bewegungstherapie, Schlafdiagnostik und Stressmanagement, eine ärztlich begleitete medikamentöse Adipositastherapie oder auch operative Behandlungsmöglichkeiten.
In der psychologischen Betreuung von Menschen mit Adipositas oder Übergewicht können diese über ihre Probleme offen sprechen, sich selbst besser kennenlernen und auch erfahren, was man eigenverantwortlich gegen die unkontrollierte Gewichtszunahme tun kann. Psychotherapeutische Unterstützung kann unter anderem dabei helfen, einen hilfreichen Umgang mit emotionalem Essen, Essanfällen, Depressionen oder Ängsten zu entwickeln. Sie kann außerdem den Umgang mit Stress stärken und dabei unterstützen, neue Strategien zur Gefühlsregulation aufzubauen.




