„Iss weniger und bewege dich mehr!“ Diesen Satz hören viele Menschen mit starkem Übergewicht oder Adipositas noch immer häufig. Adipositas ist ein Thema, zu dem viele Menschen eine Meinung haben. Gleichzeitig halten sich bis heute viele vereinfachte Vorstellungen. In der öffentlichen Debatte geht es oft vor allem um Disziplin, Ernährung oder Bewegung. Tatsächlich ist Adipositas jedoch deutlich komplexer: Viele verschiedene Faktoren wirken zusammen.
Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick. Welche Aussagen stimmen wirklich? Und welche Mythen halten sich hartnäckig, obwohl sie dem heutigen medizinischen Verständnis nicht gerecht werden?
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Adipositas einfach erklärt?
Auf den ersten Blick scheint Adipositas leicht erklärbar: Wer über längere Zeit mehr Energie aufnimmt, als der Körper verbraucht, nimmt zu. In der Praxis ist das Thema jedoch deutlich komplexer. Denn Adipositas ist nicht nur eine Frage des Körpergewichts, sondern ein langfristiges, vielschichtiges Gesundheitsthema, das durch genetische, biologische, psychische und soziale Faktoren beeinflusst wird.1
Zur Einordnung: Ein Body-Mass-Index (BMI) ab 25 kg/m² wird als Übergewicht eingeordnet, ab 30 kg/m² spricht man von Adipositas. Der BMI kann eine erste Orientierung geben, bildet aber nicht die ganze individuelle Situation ab.2
Bei Adipositas geht es um weit mehr als um das äußere Erscheinungsbild. Sie kann mit verschiedenen gesundheitlichen Belastungen verbunden sein. Hinzu kommt häufig gesellschaftlicher Druck: Vorurteile und Stigmatisierung prägen für viele Menschen mit starkem Übergewicht den Alltag. Gerade diese vereinfachenden Mythen tragen dazu bei – obwohl sie wissenschaftlich nicht haltbar sind.
Mythos 1: Starkes Übergewicht ist nur eine Frage der Willensschwäche
Fakt: Adipositas wird heute international als komplexes, chronisches Gesundheitsthema verstanden. Dennoch wird sie gesellschaftlich oft noch als selbstverschuldetes Lifestyle-Thema missverstanden. In Deutschland sind Millionen Erwachsene betroffen; nach Angaben der Deutschen Adipositas Gesellschaft zufolge 19 Millionen.3
Tatsächlich ist Adipositas keine Frage fehlender Selbstdisziplin. Aus medizinischer Sicht kommen viele und individuelle Einflussfaktoren infrage. Dazu zählen unter anderem genetische Veranlagung, hormonelle und stoffwechselbezogene Prozesse, psychische Belastungen, Schlafmangel, bestimmte Medikamente sowie das soziale und alltägliche Umfeld. Auch Stress, Schichtarbeit, finanzielle Belastungen oder ein eingeschränkter Zugang zu gesunden Lebensmitteln und Bewegungsangeboten können eine Rolle spielen.1
Das bedeutet nicht, dass Ernährung und Bewegung unwichtig wären – im Gegenteil: Sie sind wichtige und grundlegende Bausteine einer ganzheitlichen Behandlung. Aber Adipositas allein auf die Willenskraft zu reduzieren, wird der Realität nicht gerecht.

Mythos 2: Iss doch einfach weniger oder beweg dich mehr
Fakt: Ernährung und Bewegung sind grundlegende Bestandteile der Behandlung von Adipositas. Sie allein erklären jedoch nicht, warum die Regulation des Gewichts für viele Menschen so schwierig ist – besonders langfristig.
Die Ursachen von Adipositas sind individuell und komplex.1 Viele Einflussfaktoren entziehen sich zumindest teilweise der direkten Kontrolle des Einzelnen. Deshalb lässt sich Adipositas nicht auf die Formel „weniger essen, mehr bewegen“ reduzieren. Meist ist eine ärztliche Begleitung sinnvoll.
Nach einer Gewichtsabnahme reagiert der Körper häufig mit biologischen Anpassungen: Hunger- und Sättigungssignale können sich verändern, der Energieverbrauch kann sinken und das Bedürfnis zu essen kann zunehmen. Das ist Teil der körpereigenen Regulation – kein Zeichen von persönlichem Versagen. Deshalb reichen kurzfristige Diäten oder Programme oft nicht aus. Erfolgversprechender ist ein langfristiger, individuell angepasster Ansatz. Dazu gehören als Basis Ernährungsberatung, Bewegungstherapie, psychologische Unterstützung und Verhaltenstherapie. Je nach persönlicher Situation kann eine medikamentöse Behandlung oder eine operative Maßnahme als Teil einer ganzheitlichen Adipositas-Therapie infrage kommen.2
Eine erste Anlaufstelle sind Hausärztinnen und Hausärzte sowie Fachärztinnen und Fachärzte, die bei Bedarf an spezialisierte Stellen wie Endokrinologie, Innere Medizin, Ernährungsmedizin oder an Adipositas-Zentren überweisen können. Dort ist eine umfassende und interdisziplinäre Begleitung möglich.
Mythos 3: Starkes Übergewicht ist nur ein ästhetisches Problem
Fakt: Adipositas ist keine Frage von Schönheit oder Aussehen. Sie kann mit verschiedenen gesundheitlichen Belastungen verbunden sein und betrifft oft mehrere Lebensbereiche gleichzeitig. Mit zunehmendem Körpergewicht kann auch das Risiko für weitere gesundheitliche Beeinträchtigungen4 steigen.
Adipositas steht mit verschiedenen Begleit- und Folgeerkrankungen in Zusammenhang, darunter Typ-2-Diabetes4, Herz-Kreislauf-Belastungen4, Gelenkbeschwerden4, Arthrose4, Fettstoffwechselstörungen4, Schlafapnoe5, Lebererkrankungen wie MASH6 sowie bestimmte Krebsarten4. Umso wichtiger ist es, Adipositas medizinisch ernst zu nehmen und ganzheitlich zu betrachten.
Auch die psychische Belastung sollte nicht unterschätzt werden. Essen ist nicht nur von Hunger geprägt, sondern kann mit Stress, Sorgen oder emotionaler Belastung zusammenhängen. Gleichzeitig erleben viele Menschen mit Adipositas Vorurteile und Ausgrenzung. Das kann das Selbstwertgefühl belasten und einen Rückzug aus dem sozialen Leben fördern.7
Umso wichtiger sind ein respektvoller Umgang, eine gute medizinische Begleitung und ein Umfeld, das unterstützt statt bewertet.

Mythos 4: Gene spielen bei Adipositas überhaupt keine Rolle
Fakt: Die genetische Veranlagung kann einen wichtigen Einfluss darauf haben, wie der Körper Stoffwechsel, Hunger- und Sättigungsgefühl sowie die Fettspeicherung reguliert. Adipositas ist daher keine reine Verhaltensfrage.1
Wissenschaftliche Studien, etwa mit Zwillingen und Adoptivkindern, zeigen, dass genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. So wie jemand mit einer bestimmten Augenfarbe geboren wird, kann auch eine Tendenz zu starkem Übergewicht genetisch mit beeinflusst sein. Gleichzeitig wirken immer mehrere innere und äußere Einflüsse zusammen. Das bedeutet: Gene können die Veranlagung beeinflussen, sie bestimmen aber nicht allein den Verlauf.1
Beim Essen senden Magen und Darm Signale an das Gehirn, die uns Hunger oder Sättigung spüren lassen. Nach einer Gewichtsabnahme können sich diese Signale jedoch verändern – gleichzeitig verbraucht der Körper oft weniger Energie als zuvor.8 Das erklärt, warum es vielen Menschen so schwerfällt, ihr neues Gewicht dauerhaft zu halten. Da Adipositas eine chronische Erkrankung9 ist, lässt sie sich in der Regel nicht durch kurzfristige Maßnahmen auf eigene Faust dauerhaft in den Griff bekommen. Eine ärztlich begleitete Behandlung ist deshalb wichtig, um individuell passende und langfristig wirksame Lösungen zu finden.
Forschung und Medizin arbeiten kontinuierlich daran, die biologischen Mechanismen der Gewichtsregulation besser zu verstehen und Menschen mit starkem Übergewicht gezielt zu unterstützen. Ziel ist es, Behandlungsmöglichkeiten weiterzuentwickeln und individuelle Wege im Umgang mit Adipositas zu verbessern.
Plattformen wie www.ÜBER-GEWICHT.de können Betroffenen als erste Anlaufstelle dienen, um Informationen zur Erkrankung und Adipositas-Spezialisten und -Spezialistinnen in ihrer Nähe oder online zu finden. Wer nachhaltig sein Gewicht reduzieren und halten möchte, braucht mehr als allgemeine Ratschläge. Auf über-gewicht.de finden Betroffene verlässliche Informationen rund um Adipositas, Übergewicht, Gewichtsabnahme und auch ärztliche Unterstützung.
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Referenzen
- Wright, S. M. & Aronne, L. J. Causes of obesity. Abdom. Imaging 37, 730–732 (2012).
- Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) e.V. S3-Leitlinie Adipositas - Prävention Und Therapie. verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/050-001 vol. Version 5.0 https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/050-001 (2024).
- Deutsche Adipositas Gesellschaft. MEDIENLEITFADEN ADIPOSITAS. (2018)
- Guh, D. P. et al. The incidence of co-morbidities related to obesity and overweight: A systematic review and meta-analysis. BMC Public Health 9, 88 (2009).
- Gami, A. S., Caples, S. M. & Somers, V. K. Obesity and obstructive sleep apnea. Endocrinology and Metabolism Clinics of North America vol. 32 869–894 Preprint at https://doi.org/10.1016/S0889-8529(03)00069-0 (2003).
- Meyhöfer, S. et al. Semaglutide improves liver enzymes and fatty liver index in patients with obesity and cardiovascular disease - results from the SELECT trial. Hepatology. Conference: The 75th Liver Meeting, TLM 2024. San Diego, CA United States 80(Supplement 1), S457–S459 (2024).
- Hilbert, A., Ried, J., Zipfel, S. & de Zwaan, M. Stigmatisierung bei Adipositas. Adipositas - Ursachen, Folgeerkrankungen, Therapie 07, 150–153 (2013).
- Sumithran, P. et al. Long-Term Persistence of Hormonal Adaptations to Weight Loss. New England Journal of Medicine 365, 1597–1604 (2011).
- World Health Organization. Obesity and Overweight Factsheet no. 311. Verfügbar unter: http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs311/en/. (2020).


