• Warum die Hürde für Sportwetten immer weiter sinkt
  • Wer besonders häufig spielsüchtig wird
  • Welchen Ausweg ein Psychologe Betroffenen und Angehörigen nahelegt

Der junge Mann wirkt verloren. Im Fußballstadion jubelt die Menge, er bleibt ruhig. Im Bus, umringt von Fußballfans voller Vorfreude, blickt er melancholisch aus dem Fenster. Er wirkt einsam. Dann erscheinen rote Buchstaben auf dem Bildschirm: „Glaub dran und es wird wahr.“

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Wer sich in den vergangenen Tagen ein Spiel der Fußball-WM angeschaut hat, kennt diese Szenen aus einem Werbespot eines großen Sportwettenanbieters. Der Clip kann den Eindruck erwecken, ein Gewinn sei keine Frage von Glück, sondern der Einstellung. Warum diese Denkweise zum Problem werden kann, erklärt Dr. Tobias Hayer. Er leitet die Abteilung Glücksspielforschung an der Universität Bremen und beobachtet Werbung für Wettanbieter während Fußballspielen mit Sorge. Denn: Sportwetten bergen ein hohes Suchtpotenzial.

Lesen Sie auch

Werbung für Sportwetten: Experte kritisiert falsche Versprechen

„Werbung vermittelt das Bild, dass Wetten zum Sport dazugehört“, sagt der Psychologe. Vor allem junge Menschen kommen durch Werbung zum ersten Mal mit Sportwetten in Kontakt. Für manche sind die ein harmloser Zeitvertreib, doch zeigen Studien, dass es sich bei Sportwetten um eine der riskanteren Formen von Glücksspiel handelt. Etwa jede vierte Person, die an einer Live-Wette teilgenommen hat, erfüllt laut Glücksspiel-Survey 2025 die Kriterien einer Glücksspielsucht.

Um neue Kundinnen und Kunden anzusprechen, werben Anbieter von Sportwetten häufig mit Boni oder geschenktem Guthaben, sagt Hayer. Häufig suggeriere Werbung, Sportfans hätten aufgrund ihrer Expertise besonders gute Gewinnchancen. Das stimmt jedoch nicht – Sportwetten bleiben Glücksspiel. Außerdem, so Hayer, spricht Sportwettenwerbung vor allem junge Männer an. Doch bei ihnen ist das Risiko, abhängig von Sportwetten zu werden, besonders hoch.

Auch interessant

Süchtig nach Sportwetten: Vor allem junge Männer betroffen

Den typischen Sportwettenabhängigen beschreibt Tobias Hayer folgendermaßen: „jung und männlich“. Vor allem junge Menschen tendieren dazu, sich auszuprobieren und Grenzen zu überschreiten, erklärt der Wissenschaftler. Deshalb fühlen sie sich von riskantem Glücksspiel angezogen. Dass Männer mehr wetten als Frauen, erklärt Hayer damit, dass Sport, vor allem Fußball, noch immer als männliches Hobby gilt. Außerdem würden Männer eher zu kompetitivem Verhalten neigen als Frauen. „Eine sportwettensüchtige Frau ist die Ausnahme“, sagt der Experte.

Tippen bis zur Sucht: Das Risiko von Sportwetten und wo es Hilfe gibt
Sportwetten finden heute kaum noch im Wettbüro, sondern vermehrt online statt. Dadurch steigt das Suchtpotenzial. (Symbolfoto)© Christian Ditsch

Der Sportwettenmarkt hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten stark verändert, erklärt Tobias Hayer. Dadurch habe sich auch das Suchtpotenzial deutlich erhöht. Vor dem Jahr 2000 sei das Angebot „überschaubar“ gewesen, ebenso die Suchtgefahr. Damals war vor allem das Sportwetten-Toto verbreitet, bei dem Spieler per Wettschein auf den Ausgang verschiedener Fußballspiele tippen. Mit der Verbreitung des Internets begannen Sportwetten, online statt im Wettbüro stattzufinden. Zuletzt sind Live-Wetten populär geworden, bei denen Spielerinnen und Spieler während eines Spiels Wetten platzieren können.

Heute ist das Tippen bequem über Apps auf dem Smartphone möglich. „Das ist die höchstmögliche Form von Verfügbarkeit“, sagt Hayer. Sinkt der Aufwand, sinke auch die Hemmschwelle, Sportwetten auszuprobieren. Dazu kommt, dass zum Online-Wetten kein Bargeld notwendig ist. „Das Gefühl für Geld geht zunehmend verloren“, so der Psychologe. Zudem lässt sich das Wetten per Smartphone besser vor dem Umfeld verheimlichen als der Gang zum Wettbüro. All diese Faktoren tragen dazu bei, dass Online-Wetten immer beliebter geworden sind – und junge Männer vermehrt Suchtgefahren ausgesetzt sind.

Expertin hilft Betroffenen

Sportwettensucht: So finden Betroffene und Angehörige Hilfe

Wie können Angehörige erkennen, dass ein lieber Mensch ein problematisches Spielverhalten an den Tag legt? „Sie können das von außen nicht erkennen“, sagt Hayer. Zu oft würden Betroffene ihr Spielverhalten verheimlichen, etwa, weil sie sich schämen, bereits hohe Summen verspielt zu haben. Eine „krankhafte Leugnung“ sei typisch für die Wettsucht. „Wenn Warnsignale sichtbar werden, ist die Krankheit schon manifest“, sagt der Experte. Trotzdem gibt es Hilfe für Betroffene und Angehörige.

Süchtige können sich mit dem Tool „OASIS“ („Onlineabfrage Spielerstatus“) für Sportwetten und andere Glücksspiele sperren lassen. Sind ihre Daten dort hinterlegt, können sie sich nicht mehr bei legalen Wettanbietern einloggen. Hayer empfiehlt zudem, eine Suchtberatung in Anspruch zu nehmen. Die könne oft der erste Schritt zu einer ambulanten oder stationären Therapie sein. Nach einer Therapie können Selbsthilfegruppen dabei helfen, Rückfälle zu vermeiden. Auch Angehörigen von Spielsüchtigen empfiehlt er, sich Hilfe zu suchen: Sie können ebenfalls die Suchtberatung kontaktieren oder eine Selbsthilfegruppe besuchen.

Beratungsstellen helfen bei Suchterkrankungen

Sie leben mit einer Abhängigkeitserkrankung oder haben den Verdacht, süchtig zu sein? Sie sind Angehöriger eines Menschen mit Abhängigkeitserkrankung und suchen nach Hilfe? Suchtberatungsstellen in Deutschland bieten vertrauliche Hilfe bei allen Fragen rund um das Thema Sucht.

• Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Die DHS ist die zentrale Dachorganisation der Suchthilfe in Deutschland. Auf ihrer Website finden Sie eine Liste von regionalen Suchtberatungsstellen und Fachkliniken: www.dhs.de

• Sucht & Drogen Hotline: Die Hotline ist rund um die Uhr unter der kostenlosen Rufnummer 01806 313031 erreichbar und bietet telefonische Beratung für Betroffene und Angehörige.

• Bundesweite Online-Sprechstunde der Suchthilfe: Über das Portal des Fachverbands Sucht können Sie eine Online-Beratung in Anspruch nehmen. Die Beratung erfolgt anonym, sicher und datenschutzkonform.

• Anonyme Selbsthilfegruppen: Verschiedene Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker (AA) oder die Narcotics Anonymous (NA) bieten Treffen für Betroffene an, um sich untereinander auszutauschen und zu unterstützen. Informationen zu Treffen finden Sie auf den jeweiligen Websites.

Zusätzlich können Sie auch bei Ihrem Hausarzt, beim Gesundheitsamt oder bei psychiatrischen Kliniken weitere Unterstützung erhalten.