Eine der mächtigsten und für das Klimasystem wichtigsten Meeresströmungen der Erde verliert laut einer Studie französischer Klimaforscher deutlich mehr an Kraft als bislang angenommen. Die Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation (AMOC), zu der auch der Golfstrom gehört, könnte sich bis zum Jahr 2100 um 50 bis 65 Prozent verlangsamen, schreibt das Team von Valentin Portmann vom Inria-Forschungszentrum Bordeaux Sud-Ouest. Nach Einschätzung von Experten liegt dieser Wert nahe an einem Kipppunkt. Ab diesem Punkt halten Forscher ein Abreißen der Strömung für unausweichlich. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, einer der weltweit führenden AMOC-Experten und Professor für Physik der Ozeane, nannte die Ergebnisse „ernst und besorgniserregend“.

Die AMOC, die umgangssprachlich und wissenschaftlich nicht ganz korrekt als „Golfstrom“ besser bekannt ist, gilt als eine der wichtigsten Komponenten des Erdsystems. Dieses System von Meeresströmungen transportiert 30-mal so viel Wasser wie in allen Flüssen der Erde zusammen. Die Wärmeleistung der Strömungen umfasst nach Berechnungen so viele Kilowatt, wie theoretisch zwei Millionen Atomkraftwerke zusammen produzieren könnten.

Ein System vieler Strömungen

Die Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation (AMOC) ist ein System aus verschiedenen Meeresströmungen im Atlantik. Der Golfstrom entsteht im Golf von Mexiko aus mehreren anderen Strömungen. Das warme Wasser treibt entlang der Ostküste der USA, bis es in den offenen Atlantik abbiegt und nach Osten in Richtung Europa driftet.

Im Nordatlantik wird der Golfstrom zum Nordatlantikstrom. Ein Teil verzweigt sich als Azorenstrom und mündet schließlich in den Kanarenstrom, der entlang der afrikanischen Westküste nach Süden fließt. Von dort gelangt das Wasser über den Nordäquatorialstrom in die Karibik, wo es über verschiedene Wege wieder im Golfstrom landet. Der andere Teil des Nordatlantikstroms fließt nach Grönland, Skandinavien und Irland. Hier nimmt er Einfluss auf das europäische Klima.

Das wichtigste Merkmal der AMOC: Die Strömung ist eine gigantische Umwälzpumpe, eine Art Fernheizung, die das Klima ganzer Kontinente reguliert: Sie sorgt in Westeuropa für milde Winter, beeinflusst Niederschläge über Afrika und Amerika und wirkt sich auch auf den globalen Meeresspiegel aus. Wie ein riesiges Förderband transportiert die AMOC über Tausende Kilometer warmes Oberflächenwasser in Richtung Nordatlantik und Europa. Dort kühlt das Wasser ab, sinkt in die Tiefe und fließt als Kaltstrom zurück in den Süden. Das Absinken des kalten Wassers im Nordatlantik zieht wärmere Wassermassen aus dem Süden nach und treibt so eine großflächige Strömungsbewegung an.