Weltweit konsumieren mehr als 200 Millionen Menschen Cannabis – das geht aus aktuellen Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation hervor. In den USA zählt die Substanz längst zum Alltag: Laut einer Studie unter der Leitung der Epidemiologin Lifang Hou von der Northwestern University hat beinahe die Hälfte der US-Bevölkerung schon einmal Cannabis konsumiert. Auch in Deutschland ist das Bild eindeutig: Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gaben rund zehn Prozent der Erwachsenen und knapp sieben Prozent der Jugendlichen an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate mindestens einmal konsumiert zu haben. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

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Trotz der weiten Verbreitung ist noch immer unklar, welche langfristigen Spuren Cannabis im Körper hinterlässt – jenseits von Rauschwirkung und Suchtpotenzial. Genau hier setzt eine neue Studie unter der Leitung von Lifang Hou an. Die Forscherinnen und Forscher wollten wissen: Hinterlässt der Konsum Spuren in unserer DNA?

Langzeitfolgen von Cannabis: Was die Wissenschaft über das Erbgut sagt

Um dieser Frage nachzugehen, griffen die Forschenden auf Daten der sogenannten CARDIA-Studie zurück – einer langfristigen Gesundheitsuntersuchung, die seit den 1980er-Jahren rund 1000 junge Erwachsene begleitet. Bei Studienbeginn waren die Teilnehmenden zwischen 18 und 30 Jahre alt, viele von ihnen also in einem Alter, in dem der erste Kontakt mit Cannabis typisch ist. Über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg wurden sie regelmäßig zu ihrem Konsumverhalten befragt – und gaben zu mehreren Zeitpunkten Blutproben ab.

Diese Proben nutzte das Team, um sogenannte epigenetische Marker zu analysieren, insbesondere DNA-Methylierungsmuster, die als molekulare Schalter fungieren: Sie bestimmen, welche Gene in einer Zelle aktiviert werden – und welche nicht. Die genetische Information selbst bleibt dabei unverändert. Man kann sich diese Marker vorstellen wie Hervorhebungen in einem Text: Einige Passagen sind unterstrichen, andere durchgestrichen – die Geschichte bleibt dieselbe, doch ihre Lesbarkeit und Betonung verändern sich. 

Epigenetische Marker durch Marihuana: Messbare Veränderungen im Blut

Auf Grundlage dieser epigenetischen Lesespuren analysierte Hou und ihr Team die Blutproben im Detail – mit auffälligen Ergebnissen insbesondere bei jenen, die regelmäßig oder langfristig Cannabis konsumiert hatten. In den Proben nach 15 Jahren identifizierten die Forschenden 22 Methylierungsstellen, die mit dem aktuellen Konsum zusammenhingen, sowie 31 Marker, die auf die kumulierte Cannabiserfahrung der Betroffenen hinwiesen. Fünf Jahre später – also nach 20 Jahren Beobachtung – war das Bild noch klarer: 132 epigenetische Marker standen mit dem jüngsten Konsum in Verbindung, 16 mit dem langfristigen.

Besonders bemerkenswert: Einige dieser epigenetischen Veränderungen sind bereits aus der Tabakforschung bekannt. Die Wissenschaftler stießen auf einen spezifischen Marker, der bislang fast ausschließlich mit Nikotinkonsum in Verbindung gebracht worden war. Hou vermutet deshalb eine „mögliche gemeinsame epigenetische Regulation“ bei Tabak- und Marihuanakonsum – ein Hinweis darauf, dass beide Substanzen womöglich ähnliche molekulare Reaktionen im Körper auslösen.

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Cannabis und Krankheiten: Hinweise auf neurologische Risiken

Die Forscher betonen, dass ihre Studie keine Kausalzusammenhänge beweist. Mit anderen Worten: Die festgestellten epigenetischen Veränderungen lassen keine direkten Rückschlüsse darauf zu, ob Cannabis für bestimmte Krankheiten verantwortlich ist. Dennoch fanden sich mehrere Marker, die bereits in früheren Studien mit Prozessen wie Zellwachstum, Hormonsignalisierung, Entzündungen und neurologischen Störungen in Verbindung gebracht wurden – darunter auch mit Erkrankungen wie Schizophrenie, bipolaren Störungen oder anderen Formen von Substanzabhängigkeit.

Drew Nannini, Mitautor der Studie, spricht von einem wichtigen ersten Schritt: „Diese Forschung liefert neue Einblicke in die epigenetischen Mechanismen, die mit Cannabiskonsum verbunden sein könnten.“ Nun gelte es zu prüfen, ob sich diese Zusammenhänge auch in anderen Bevölkerungsgruppen und unter verschiedenen Bedingungen bestätigen ließen.

Auch Hou sieht die Ergebnisse als Ausgangspunkt weiterer Forschung. Man habe bereits zuvor beobachtet, dass Cannabis mit epigenetischen Alterungsprozessen in Verbindung stehe. Nun sei es an der Zeit, die gesundheitlichen Konsequenzen langfristig zu untersuchen. Dabei müsse vor allem eine Frage im Zentrum stehen: Welche Rolle spielen diese molekularen Spuren für die Gesundheit im Alter – und für kommende Generationen?

Während die Debatte um die Legalisierung von Cannabis in vielen Ländern politisch voranschreitet – in Kanada ist der Konsum bereits erlaubt, in Deutschland wurde der Besitz kleiner Mengen entkriminalisiert – öffnet sich auf zellulärer Ebene ein neues Kapitel: eines, das jenseits von Rausch, Abhängigkeit und Strafrecht liegt.

Die Studie von Hou und ihrem Team wirft kein moralisches Urteil über den Konsum. Aber sie zeigt, dass Cannabis nicht spurlos am Körper vorbeigeht. Die epigenetischen Veränderungen, die in den Blutproben nachgewiesen wurden, könnten sich – so die Annahme – auf Gesundheit, Krankheitsverläufe und möglicherweise sogar auf nachfolgende Generationen auswirken. Denn epigenetische Marker können prinzipiell vererbt werden.