Dass Medikamente, die eigentlich gegen Viren wirken, auch das Gehirn schützen können, klingt zunächst ungewöhnlich. Doch genau das hat ein Forschungsteam der University of Virginia jetzt untersucht: Ihrer Studie zufolge erkrankten Menschen, die sogenannte NRTIs (nukleosidische Reverse-Transkriptase-Hemmer) einnehmen – Medikamente zur Behandlung von HIV und Hepatitis B –, seltener an Alzheimer.

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Das Ergebnis: Mit jeder zusätzlichen Einnahme über ein Jahr hinweg sank das Risiko laut Studie um vier bis dreizehn Prozent. Die Ergebnisse stammen aus einer groß angelegten Analyse von Gesundheitsdaten von mehr als 270.000 Menschen in zwei US-Datenbanken. Die Schutzwirkung zeigte sich in beiden Datensätzen – je länger die Medikamente eingenommen wurden, desto stärker war der Effekt.
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Alzheimer: Wie die Krankheit das Gehirn verändert
Alzheimer ist die häufigste Form von Demenz. Allein in Deutschland leben etwa 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung, wobei die meisten von ihnen von der Alzheimer-Krankheit betroffen sind. Die bisherigen Therapien zielen meist auf sogenannte Plaques im Gehirn – Eiweißablagerungen, die mit der Erkrankung in Verbindung stehen.
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Denn die Plaques können im Gehirn Entzündungsprozesse auslösen: Sie können sogenannte Inflammasomen aktivieren, die wie Alarmsysteme in den Gehirnzellen funktionieren. Bei Alzheimer schlagen sie jedoch Alarm, obwohl keine echte Gefahr besteht. So lösen sie eine Kettenreaktion aus: Chronische Entzündungen entstehen, die nach und nach Nervenzellen schädigen und das Fortschreiten der Krankheit beschleunigen. Hier setzen die NRTIs an: Anders als klassische Alzheimer-Medikamente greifen sie nicht direkt die Plaques an, sondern unterdrücken die überaktive Entzündungsreaktion, die durch die Inflammasomen ausgelöst wird.
Studie: Erste Hinweise auf Wirkung von HIV-Medikamenten im Gehirn
Das Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Jayakrishna Ambati hatte bereits in Laborexperimenten beobachtet, dass NRTIs diese „Fehlalarme“ stoppen können. In der aktuellen Studie verglichen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über 50-jährige Patientinnen und Patienten mit HIV oder Hepatitis B – einige hatten NRTIs über längere Zeit eingenommen, andere nicht.

Um Verzerrungen zu vermeiden, berücksichtigte das Team zahlreiche Einflussfaktoren: Alter, Geschlecht, chronische Krankheiten, Depressionen, frühere Hirnverletzungen und mehr.
Noch ist es aber zu früh, um die Medikamente in der ärztlichen Praxis zur Vorbeugung von Alzheimer einzusetzen. Die Studie zeigt lediglich einen Zusammenhang – keine eindeutige Ursache-Wirkung. Doch eine erste kleine Studie mit Alzheimer-Patientinnen und Patienten, die das NRTI Lamivudin erhielten, lieferte vielversprechende Ergebnisse: Entzündungsmarker im Gehirn gingen nach sechs Monaten zurück.
Die Medikamente können ernste Nebenwirkungen haben
Allerdings sind NRTIs nicht nebenwirkungsfrei. Manche verursachen in seltenen Fällen ernsthafte Komplikationen wie eine Übersäuerung des Blutes. Doch moderne Varianten sind deutlich verträglicher, und Forscherinnen und Forscher arbeiten bereits an Wirkstoffen, die die schützenden Eigenschaften ohne die Nebenwirkungen haben.
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Ein großer Vorteil: Die Medikamente sind bereits zugelassen. Das könnte die Entwicklung neuer Alzheimer-Therapien deutlich beschleunigen – im Gegensatz zu völlig neuen Wirkstoffen, deren Zulassung oft Jahre dauert. Sollten sich die Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen, könnten NRTIs oder verwandte Substanzen in Zukunft gezielt zur Vorbeugung oder Verzögerung von Alzheimer eingesetzt werden.









