Lügen gehört zum zwischenmenschlichen Beziehungen meist unausweichlich dazu: Sei es bei sozial erwünschten Komplimenten, Notlügen oder gar beim Affären und Seitensprüngen. Lügen, so heißt es, sei ein menschliches Grundbedürfnis. 200 Mal am Tag soll jeder von uns die Wahrheit beugen – eine Zahl, die so oft zitiert wird, dass sie längst als gesichert gilt. Doch woher kommt sie eigentlich? Der Psychologe Jerry Jellison von der University of Southern California soll sie einmal in den Raum geworfen haben. Eine grobe Schätzung, ohne harte Datenbasis – doch sie hält sich hartnäckig wie ein Mythos im Alltagsbewusstsein.

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Tatsächlich lügen Menschen sehr unterschiedlich häufig. Manche ständig, andere selten – manche behaupten sogar, nie zu lügen. Studien zeigen außerdem, dass Männer öfter lügen als Frauen. Allerdings, sagt Dr. Isabel Thielmann, Kriminologin und Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, hängen solche Ergebnisse stark vom jeweiligen Studiendesign ab. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen vom Technion Israel Institute of Technology wollte sie der Frage auf den Grund gehen: Ist Lügen vorhersagbar? Und: Gibt es so etwas wie eine stabile Neigung zur Unehrlichkeit?
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Lügen wissenschaftlich untersucht: Drei Experimente, ein Muster
Die Antwort lieferten sie mit einem seltenen methodischen Aufwand. In einer Langzeitstudie mit 1916 Teilnehmern untersuchten die Forscher das Lügen unter realitätsnahen Bedingungen – dreimal über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren. Die Probanden blieben anonym und konnten sich in eigens entwickelten Versuchsszenarien durch Lügen einen Vorteil verschaffen – mal ging es um Geld, mal um den Ausweg aus einer lästigen Aufgabe.
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So entstand eine Art Verhaltensspiegel: Wer log, tat dies freiwillig, ohne Konsequenzen. Zusätzlich veränderten die Forscher die Versuchsanordnungen: Aufgaben, Anreize, Belohnungen wurden variiert. Nur die Möglichkeit zur Täuschung blieb konstant.
Was die Forscher fanden, war bemerkenswert: Die meisten Menschen, die in der einen Situation logen, taten dies auch in der anderen. „Wer in einer Situation unehrlich ist, wird sich wahrscheinlich auch in anderen Situationen ähnlich verhalten“, fasst Thielmann die Ergebnisse zusammen. Das widerspricht der lange gepflegten Vorstellung, Unehrlichkeit sei immer kontextabhängig.
Ehrlichkeit vorbestimmt? Charakter ist ein „Lügendetektor“
Doch bei dieser Erkenntnis blieb es nicht. Die Forscher verknüpften die Lügentendenz mit Persönlichkeitsmerkmalen – und stießen auf ein überraschend klares Muster: Menschen mit hoher Ehrlichkeit-Bescheidenheit, einem Faktor des etablierten HEXACO-Persönlichkeitsmodells, logen deutlich seltener. Wer diese Persönlichkeitseigenschaft stark ausgeprägt hat, gilt als fair, aufrichtig, unbestechlich – und eben auch als wenig anfällig für taktische Unwahrheiten.
Umgekehrt: Wer in diesem Bereich schwach ausgeprägt ist, also eher als manipulativ, egoistisch und geltungssüchtig gilt, schummelt mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit. Auch so genannte dunkle Persönlichkeitsmerkmale wie Narzissmus oder Machiavellismus korrelieren auffällig mit wiederholter Unehrlichkeit. Der Charakter, so scheint es, lügt mit.
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Wie verlässlich sind solche Vorhersagen?
Können wir also vorhersagen, wer lügt – und wann? Nur bedingt, sagt Thielmann. Zwar helfe das Verhalten in der Vergangenheit, künftiges Handeln einzuschätzen. Doch jeder Kontext bringe neue Einflüsse mit sich: Versuchung, Angst, Gruppendruck. Perfekte Vorhersagen blieben daher auch in dieser Studie unmöglich.
Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Journal of Personality and Social Psychology“ erschienen – und stellt eine alte Frage neu: Sind wir ehrlich, weil wir es wollen? Oder nur, weil wir es gerade können?





