Nur einen seiner Einträge las sie. Es war sein letzter, das Tagebuch lag offen da. „Christine verbreitet Optimismus am Krankenhausbett. Und wenn sie rausgeht, weint sie“, stand dort. Sie fühlte sich ertappt. Wollte sie doch zuversichtlich bleiben, Mut machen. „Das schaffen wir. Morgen ist auch noch ein Tag.“ Auf diesem Weg hatte sie bisher jede Krise durchgestanden: ein schwer krankes Kind großgezogen und jetzt den Krebs besiegt.

Und so antwortete sie, als ihr Mann kurz vor seiner zweiten Operation sagte, er wolle nicht in einem kalten Grab liegen: „Ach was, du wirst in einem Bett aufwachen, wo sonst?“ Über den Tod sprachen sie nie, weil sie ein fröhliches Paar waren. Ihre Freunde bestätigen das. Erkki Bernhard arbeitete als Notar in Augsburg. Er war Präsident in Clubs, Mitglied in Gesellschaften. Er förderte und spendete und setzte sich ein für diese Stadt, die er brauchte, wie sie ihn.

Diagnose: Schwere Depression mit Suizidgefahr

Dreieinhalb Jahre später steht Christine Bernhard im sechsten Stock an der Fensterfront ihres neuen Büros. Dort hinten die Maximilianstraße, die Kirchtürme und ihre Gemeinden, sie zeigt in die Ferne. Denkt nach. Was hätte sie erfahren, wenn sie nachgefragt hätte? Vielleicht hätte er sich gewünscht, dass seine Asche verstreut wird. Die 61-Jährige hebt entschuldigend die Hände hoch. Führt zu nichts, sagt ihre Geste.