Durch die Fabrikhalle von Daimler in Mettingen, östlich von Stuttgart, rollt ein Kasten. Das Vehikel enthält nicht etwa Teile für die Fertigung oder Werkzeug, sondern ein Fitnessgerät. Mit dem „Kraftwerk Mobil“ können die Arbeiter ihren Rücken stärken. Ein Trainer ist dabei. Er erklärt den Mitarbeitern, wie das Gerät funktioniert. Daimler hat mit der Entwicklung des mobilen Fitnessgeräts auf das Hauptleiden seiner Mitarbeiter reagiert – die Rückenschmerzen. Es ist die häufigste Einzeldiagnose bei den Fehlzeiten der Mitarbeiter.

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Nicht nur bei Daimler kümmert man sich verstärkt um die Gesundheit der Belegschaft. „Die große Mehrheit der Firmen ist sensibilisiert, dass die Anstrengungen beim Gesundheitsmanagement verstärkt werden müssen“, sagt Robin Freitag, Geschäftsführer von Aktivital, einer Firma, die Unternehmen beim betrieblichen Gesundheitsmanagement berät.

Bei Daimler und Audi sind ein Drittel der Mitarbeiter älter als 50 Jahre

Die Gründe für die zunehmenden Investitionen in diesem Bereich sind vielfältig. Zum einen liegen sie in der demografischen Entwicklung: Deutschland wird immer älter – das spiegelt sich auch in den Betrieben wider. Bei den Autobauern Daimler und Audi sind heute ein Drittel der Mitarbeiter über 50 Jahre alt. Der Krankheitsstand ist bei der Belegschaft in diesem Alter höher – ein Problem für viele Firmen.

Ein attraktives Gesundheitsangebot kann aber auch die Mitarbeiter an das Unternehmen binden. „Neue Mitarbeiter fordern zunehmend ein ausgefeiltes Gesundheitsmanagement von ihren neuen Arbeitgebern“, weiß Freitag. Aufgrund der faktischen Vollbeschäftigung in so mancher Branche habe der Bewerber gute Aussichten, seine Forderungen durchzudrücken. Auf Jobbörsen hätten weiche Faktoren wie das Gesundheitsmanagement eine große Bedeutung.

Rückenschmerzen sorgen für viele Krankmeldungen

So versucht auch der Daimler-Konzern, der bisweilen mit Fachkräftemangel zu kämpfen hat, mit einem ganzen Bündel an Programmen und Initiativen potenzielle Mitarbeiter zu überzeugen. Der Konzern wirbt mit Ergonomieberatung in der Produktion und im Büro, mit Fitnesscentern auf dem Werksgelände und mit Werksärzten, die Mitarbeiter kostenlos beraten. Den von der Konzernleitung unterstützten Sportverein, den SG Stern, haben die Mitarbeiter schon 1962 gegründet.

Daimler gibt seine Krankheitsquote nicht bekannt. Aber dass Rückenschmerzen oft zu Krankmeldungen führen, belegen auch Zahlen der Techniker Krankenkasse (TK). Der größte Anteil der Fehlzeiten entfällt mit 2,91 Tagen pro Versichertem auf Muskel-Skelett-Erkrankungen. Es scheint sich allerdings etwas zu bewegen. Die TK hat in ihrem Gesundheitsreport 2016 einen Rückgang der Fehlzeiten um 1,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr festgestellt.

Der Aufwand muss gering und das Angebot niedrigschwellig sein

Welchen Beitrag dazu das Gesundheitsmanagement der Unternehmen leistet, lässt sich nicht ausmachen. Ohnehin bedeutet ein Angebot nicht automatisch, dass sich die Mitarbeiter auch für die sportlichen Aktivitäten begeistern lassen. Es sei wichtig, dass der Aufwand gering und das Angebot niedrigschwellig ist. Wie etwa beim Kraftwerk Mobil. So könnten die Beschäftigten schnell eine Verbesserung erfahren und würden animiert, den Sport zu Hause fortzusetzen. An vielen Daimler-Standorten gibt es deshalb eigene Gesundheitszentren direkt auf dem Werksgelände, andere haben Kooperationen mit Einrichtungen in unmittelbarer Nähe.

Auch Daimler-Rivale BMW versucht seine Angebote so zu gestalten, dass sie leicht zugänglich sind. BMW setzt zudem darauf, neben den Führungskräften auch „Gesundheitsbotschafter“ zu schulen, damit diese als Vorbilder und Multiplikatoren auftreten. In vielen Unternehmen hingegen lassen Vorbilder zu wünschen übrig.

In punkto Gesundheit sind Vorgesetzte für die meisten Deutschen kein Vorbild

Wie eine Studie der Krankenkasse Pronova BKK zeigt, sehen mehr als drei Viertel der deutschen Arbeitnehmer in ihren direkten Vorgesetzten kein Vorbild, wenn es um gesundheitsbewusstes Arbeiten geht. Das setze viele Angestellte unter Zugzwang, so die Studie. Nur vier von zehn Angestellten würden sich deshalb jeden Tag die Zeit für eine Mittags- oder Erholungspause nehmen.

Ein ausgefeiltes Gesundheitsmanagement ist längst nicht Standard in Deutschland. Der kleinste gemeinsame Nenner ist laut Gesundheitsberater Freitag die Erfüllung der Arbeitsschutzgesetze. „Minimal besser ist ein Unternehmen, das Betriebsausflüge organisiert und auf den Konferenztisch Wasser statt Limonade stellt oder einen Sportkurs anbietet.“

In vielen Unternehmen gibt es einen Gesundheitstag pro Jahr

Laut Beratern wie Freitag investieren viele Unternehmen nicht durchgehend im Jahr in die Gesundheitsvorsorge, „so manche Firma startet lieber eine Vertriebsoffensive, als Gesundheitsschulungen durchzuführen“, sagt Freitag. Oder das Angebot beschränkt sich auf einen Gesundheitstag im Jahr.

Insbesondere kleine Firmen hinken hinterher. Dem Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHK) zufolge benötigen diese Firmen verstärkt praktische Unterstützung und Handlungsanleitungen – und eine engagierte Personalabteilung. So wie beim Familienunternehmen Isabellenhütte, mit Sitz im hessischen Dillenburg. Der Zulieferer für die Elektronik- und Autoindustrie hat 860 Mitarbeiter und macht jährlich 132 Millionen Euro Umsatz. Personalchefin Nicole Grill hat den Gesundheitsbereich kräftig ausgebaut.

Fördergelder bleiben häufig ungenutzt

Diverse Kurse, etwa Rückenschule, Gesundes Sehen, Raucherentwöhnung, Stressmanagement und Entspannungstraining werden angeboten. Die Kosten für die Kurse werden übernommen. Zudem hat die Firma Indoor-Cycling-Räder gekauft, die die Mitarbeiter in Kursen nutzen können. „Die Kurse werden sehr gut angenommen“, sagt Grill.

Achim Dercks vom DIHK vermutet, dass viele kleine Unternehmen über Unterstützung nicht Bescheid wissen: „Dies gilt etwa für den 500-Euro-Steuerfreibetrag für Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung.“ Gesundheitsberater Freitag sieht dies ähnlich. „Viele Firmen wissen nicht, dass die Krankenkassen über Fördergelder zur Gesundheitsvorsorge verfügen.“ Es besteht Aufklärungsbedarf.