Mehrmalige Waschrituale, ohne die das Haus nicht verlassen werden kann. Stundenlanges Haare ausreißen, bis der Kopf von kahlen Stellen übersät ist. Oder der Drang, Dinge wiederholt zählen zu müssen:
Zwangsstörungen
äußern sich sehr unterschiedlich. Der Leidensdruck Betroffener ist dabei immens. Oft schämen sie sich für ihr irrationales Verhalten.

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Schätzungen zufolge sind etwa
ein bis drei Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens von einer Zwangsstörung betroffen.
Die Dunkelziffer dürfte nach Meinungen von Expertinnen und Experten sogar noch höher sein. Wegen der
Corona-Pandemie
warnen sie nun davor, dass weit mehr Menschen Zwangshandlungen entwickeln könnten.
„Kritische Ereignisse, die bei Menschen zu viel Unsicherheit führen, stellen ein immenses Risiko dar, Zwangsstörung zu entwickeln“, sagte der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Tobias Freyer unserer Redaktion. Das gelte auch für gesunde Menschen.
Unsicherheit
bildet einen Nährboden für Zwangshandlungen, erklärt der ärztliche Direktor der Oberberg Parkklinik Wiesbaden. Aktuell geltende Hygieneempfehlungen seien hingegen weniger ausschlaggebend.
Corona verstärkt Zwangsstörungen: Es beginnt mit Gedanken und Gefühlen
Doch ab wann gelten Handeln und Denken überhaupt als zwanghaft? Eine klinisch relevante Zwangsstörung, erklärt die psychologische Psychotherapeutin Lena Jelinek vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf unserer Redaktion, besteht sowohl aus Zwangsgedanken als auch Zwangshandlungen. Also aus wiederholten Verhaltensweisen, die nach bestimmten Regeln stattfinden. Wobei sich Betroffene gezwungen fühlen, diese auszuführen.
Laut Freyer beginne die Störung häufig mit Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen, gegen die sich Betroffene nicht wehren könnten. Beispielsweise mit der Angst vor Keimen. Versuchen sie, dagegen anzukämpfen, erzeuge ihr Widerstand eine immer stärker werdende, innere Anspannung.
Wiederholte Handlungen sollen ihnen schließlich dabei helfen, diese abzubauen. Zum Beispiel, indem sich Betroffene mehrfach ihre Hände waschen. „Die meisten wissen, dass das übertrieben und unsinnig ist. Sie können aber nicht anders, weil sie sonst durchdrehen“, sagt Freyer.
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Zwangsstörung: Wann Gedanken und Handlungen behandlungsbedürftig werden
Ein wenig Zwanghaftigkeit steckt in vielen Menschen. Kleine Marotten, wie etwa mehrmals Kontrollieren zu müssen, ob die Haustür wirklich abgeschlossen ist, oder harmlose Rituale, die einem Aberglauben geschuldet sind, sind in der Regel aber noch keine
Symptome
einer Zwangsstörung.
„Von Zwang spricht man, wenn der Betroffene selbst oder sein Umfeld extrem darunter leidet“, erklärt Freyer. Beispielsweise dann, wenn Zwangshandlungen täglich mehrere Stunden in Anspruch nehmen, was einen unkomplizierten Tagesablauf unmöglich macht.
„Wenn eine Handlung, ein Gedanke, oder beides, mindestens eine Stunde am Tag und über die Dauer von zwei Wochen anhält, die Betroffenen belastet und im Alltag einschränkt, sollten sie eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen“, rät Antonia Peters. Sie ist Vorstandsmitglied der „Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e. V.“ und selbst Betroffene.
Zwangsstörungen erzeugen Schamgefühle
Bereits mit elf Jahren habe Peters angefangen, sich zwanghaft die Haare auszureißen. Diese
Störung der Impulskontrolle
wird Trichotillomanie genannt. Dass sich ihre Zwangsstörung bereits im Kindesalter bemerkbar machte, ist dabei nicht ungewöhnlich. 80 Prozent aller Zwangsstörungen entwickeln sich laut Freyer zwischen dem zwölften und 25. Lebensjahr.
Dabei können sowohl eine entsprechende genetische Veranlagungen als auch ungünstige Bedingungen während des Erwachsenwerdens eine Rolle spielen. Kritische Lebenssituationen, wie etwa das Ende einer Partnerschaft, der Auszug aus dem Elternhaus oder eben der Ausbruch einer Pandemie können eine Zwangsstörung auslösen. „Auch Vereinsamung kann ein Trigger sein“, so Jelinek.
Peters weiß aus eigener Erfahrung: Selbst wenn Menschen bereits wissen, dass ihre Handlungen und Gedanken zwanghaft sind, vergehen mitunter bis zu zehn Jahre, bevor sie sich professionelle Hilfe suchen. Denn ihre Scham ist oft extrem groß. „Ich selbst habe 30 Jahre geschwiegen und gelogen.“
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