Der «Inselälteste» von Schwanenwerder

Die Insel Schwanenwerder ist eine der nobelsten Adressen Berlins. Ein Fabrikant begründete Ende des 19. Jahrhunderts die Villenkolonie auf dem einstigen Weideland. An den Toren zu den vornehmen Anwesen mit Havelblick stehen keine Namen. Die Bewohner achten auf distinguierte Distanz. Der ehemalige Polizeipräsident Georg Schertz wurde vor 67 Jahren auf der Insel geboren und lebt noch heute dort. Er kennt sich aus. Unsere Reporterin Elisabeth Schwiontek hat ihn getroffen.

Ein Hauch von Riviera an der Havel: Schwanenwerder ist ein Inselparadies, und keiner kennt es so genau wie Georg Schertz. Der «Inselälteste» ist 67 Jahre alt, und ebenso lange lebt er schon in dem Haus an der Inselbrücke, das sein Vater gebaut hat. «Unser Grundstück ist mit 300 Quadratmetern das kleinste hier», sagt Schertz. Schwanenwerder sei nun mal «kein Kiez mit dem kleinen Laden vor der Haustür und der Kneipe gleich um die Ecke». Die nächste Einkaufsmöglichkeit liegt kilometerweit entfernt, und die meisten Bewohner schätzen in Bezug auf ihre Nachbarn distinguierte Distanz.

An den schmiedeeisernen Toren, hinter denen sich herrschaftliche Villen verbergen, stehen keine Namen. «Und wenn doch, dann sind es immer nur die der Gärtner», sagt Georg Schertz, der 1987 bis 1992 Polizeipräsident von Berlin war.

Eine einzige Straße, die Inselstraße, führt ringförmig über die rund 25 Hektar große Insel. Sie verbindet das rosafarbene Schloss eines Schokoladenfabrikanten mit dem Zeltlager von Jugendlichen aus Steglitz-Zehlendorf, dicht an dicht gebaute neue Stadtvillen ohne Blick aufs Wasser mit den Einfahrten zu privaten Parks mit luxuriösen Anwesen. Bei einem Spaziergang mit Georg Schertz entlang der knapp eineinhalb Kilometer langen Inselstraße erfährt man, was den «soliden Teil» der Inselbewohner von Zuzüglern unterscheidet: «Die einen genießen die Lage am Wasser, die anderen versuchen, sich an der Adresse Schwanenwerder hochzuhangeln.»

Die Insel hat sich von der einstigen Kuhweide zur Sommerfrische des Großbürgertums und zu einer der vornehmsten Wohngegenden Berlins entwickelt. Und Schertz kennt hier nicht nur jeden Stein, sondern zu jedem Stein auch eine Geschichte.

Die Entwicklung Schwanenwerders zur Villenkolonie begann 1882, als der Berliner Petroleumfabrikant und Kommerzienrat Friedrich Wilhelm Wessel die Insel für 27 000 Mark erwarb. «Damals war die Insel noch ohne Verbindung zum Festland», erzählt Schertz. Wessel ließ einen Straßendamm mit Brücke anlegen. Außerdem entstanden ein Wasserturm und ein Maschinenhaus zur Wasser- und Energieversorgung sowie Aussichtspunkte zur Erbauung der Bewohner. Schertz: «Auf dem höchsten Punkt, an der Inselstraße 37, ließen die Wessels den Schwanenhof errichten, heute das älteste Gebäude der Insel.» Die hieß damals noch Cladower Sandwerder. «Aber da die Wessels etwas von Marketing verstanden, sorgten sie für die 1901 erfolgte Umbenennung in das elegantere Schwanenwerder», sagt Schertz.

Zur Zeit des Kaiserreichs war die Insel ein Refugium Berliner Industrieller und Bankiers, in der Weimarer Republik ließen sich vor allem wohlhabende jüdische Familien auf Schwanenwerder nieder.

Doch dann begann die «braune Ära». 1936 kaufte Propagandaminister Joseph Goebbels das Landhaus an der Inselstraße 8 - 10 als Sommerwohnsitz, zwei Jahre später erwarb er auch noch das Nachbargrundstück dazu und zahlte einen unangemessen niedrigen Kaufpreis für den jüdischen Besitz. Auf Schwanenwerder setzte Goebbels ein Familienidyll in Szene, das er in Wochenschauen verbreiten ließ. Auch, um damit die Affäre zu vertuschen, die er mit Lida Baarova hatte, einer Schauspielerin, die mit dem Filmstar und Regisseur Gustav Fröhlich in der Nachbarschaft lebte. Als Junge hat Schertz die Schulbank mit dem gleichaltrigen Goebbels-Sohn Hellmut gedrückt. An der Schwanenwerderbücke im Südosten der Insel, einen Steinfwurf von Schertz' Elternhaus entfernt, plante der Ingenieur Hans-Heinrich Kummerow 1942 ein Attentat auf den NS-Progagandaminister.

Schertz: «Als Angler getarnt, wollte er eine Sprengladung unter der Brücke montieren und sie zünden, wenn Goebbels darüber fuhr. Doch Kummerow wurde enttarnt und hingerichtet.»

Hitlers Arzt Theodor Morell wohnte auf der Insel, sein Generalbauinspektor Albert Speer kaufte ein Grundstück, und an der Inselstraße 38, in der «Reichsbräuteschule», belegten die Verlobten von SS- und NSDAP-Funktionären Koch- und Säuglingspflegekurse, um «tüchtige Hausfrauen» zu werden.

Heute befindet sich an der Inselstraße 10 das auf den Grundmauern des Goebbelsschen Anwesens errichtete Aspen Institut, eine Internationale Begegnungsstätte für Politiker, Wissenschaftler, Künstler und Publizisten.

Georg Schertz erlebte auf der Insel Bombennächte und Tiefflieger-Angriffe: «In den letzten Kriegstagen wurde Schwanenwerder von russischen Soldaten besetzt, am 4. Juli 1945 ging die Inselverwaltung an die Amerikaner über.»

Hohe amerikanische Militärs bereiteten auf dem Anwesen des Chemie-Industriellen Baginski, Erfinder der Spalt-Tablette, die Potsdamer Konferenz vor. Später wohnte in der Villa an der Inselstraße 16 Lucius D. Clay, der «Vater» der Luftbrücke. Diese wurde 1948 von Schwanenwerder aus nicht nur logistisch geplant, dort befand sich auch eine wichtige Landestation. Faszniert beobachtete der damals 13-jährige Georg die Landungen, fühlte sich in seinem Elternhaus wie in einem Tower und notierte akribisch genau die «Rumpfkennungen» der Wasserflugzeuge.

In den 50er-Jahren wuchs Schertz der Landsitz an der Inselstraße 27/28 besonders ans Herz: «Dort habe ich meine Frau kennen gelernt.» Als zukünftige Diakonieschwester verbrachte sie ein hauswirtschaftliches Jahr in dem Gebäude, das die Evangelische Kirche nach dem Krieg als Fortbildungsstätte übernommen hatte. «Zuerst war sie ein bisschen spinös», erinnert sich Schertz an seine ersten Annäherungsversuche, die dann aber doch von Erfolg gekrönt waren.

«Licht, Luft und Sonne» tanken können auf der Insel schon seit Jahrzehnten auch Berliner Kinder. Nach dem Krieg stellte das Land Berlin den Bezirken ungenutzte Grundstücke zur Kinder- und Jugenderholung zur Verfügung.

Beim Inselrundgang trifft Schertz Lothar Duclos, den Leiter des Stadtrandheims Schwanenwerder des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Es entspinnt sich ein Gespräch nach Schwanenwerder-Art: Kopfschütteln über einen protzigen Neubau «von bemerkenswerter Scheußlichkeit», Austausch über einen Nachbarn, der als älterer Herr noch einen Villen-Neubau plant, weil man «die Bediensteten heutzutage schließlich nicht mehr in der Besenkammer unterbringen» könne.

Duclos hat andere Sorgen. Angesichts der Berliner Finanznot fürchtet er den Vermarktungsdruck, der auf dem attraktiven Wassergrundstück samt Landhaus der Jahrhundertwende lastet. Er will das Gelände für die Jugenderholung erhalten.

«Aber leider haben wir hier nicht nur nette, solide Nachbarn, sondern auch durchgeknallte Reiche mit langem Atem, die ein Auge auf das Grundstück geworfen haben», seufzt Duclos und blickt mit Georg Schertz auf weiße Segel und grün gesäumte Ufer im flimmernden Sonnenlicht.