Unsere Neu-Berliner

Viele Berliner wandern ab. Immer noch ziehen jährlich Tausende mehr ins Umland als von dort in die Stadt kommen - aber der Trend kehrt sich um. Eine neue Landflucht nach Berlin setzt ein. Das sagen die Demographen. Und Zoologen und Ornithologen stimmen zu. Josef Reichholf, einer der renommiertesten Tierforscher des Landes, konstatiert eine Landflucht vieler Tierarten. Insbesondere die Vögel sind es, die mehr und mehr in die Metropole ziehen. Dies ist zwar ein allgemeines Phänomen urbaner Gebiete. Doch allen Städten voran hat sich Berlin in den vergangenen Jahrzehnten zum Paradies der gefiederten Welt gemausert.

Meisen, Finken, Schnäpper aller Art, Seeadler, Habichte, Falken - die Avifauna Berlins besteht beileibe nicht nur aus Spatzen und Tauben. 126 Vogelarten brüten regelmäßig zwischen Spandauer Forst und Müggelbergen, keineswegs nur in Wald und Flur, sondern vermehrt auch in Häuserschluchten, Fabrikgeländen, Kirchtürmen. Vogelzählungen Mitte der 90er-Jahre ergaben 500 Brutpaare pro Quadratkilometer. Und gegen den heutigen Trend vermehrten Wohnungsleerstandes baut und bezieht alles, was fliegen kann, seine Nester in Briefkästen, Mauerritzen, Fensterhöhlen, Gesimsen und Balkonen.

Es dürfte ziemlich schwierig sein, anderswo in Europa eine solche Vogelvielfalt in so großen Beständen zu finden. Nicht einmal Naturschutzgelände bieten mehr, behauptet Reichholf. Auch Klaus Witt, Vogelschützer beim Naturschutzbund Deutschlands (Nabu) schreibt in der Zeitschrift «Vogelwelt», der im ehemaligen West-Berlin ermittelte Bestand sei etwa dem in großen bayerischen Feuchtgebieten vergleichbar.

Dröhnende Autobahn nebenan, surrende S-Bahn hinter den Bäumen, Maschinengeräusche aus der nahen Halle, und inmitten dieses Ambientes hängt am Zaun ein Briefkasten mit dem unübersehbaren Hinweis an den Postboten, er möge keine Post hineinwerfen, weil dort Meisen wohnen. Die Angestellten der Renault-Werkstatt auf einem Schöneberger Fabrikgelände schützen ihre Vögel, die das stabile, wetterfeste Heim allen Nestern und Nistkästen vorziehen. «Die Meise wohnt seit vielen Jahren schon da drin», sagt stolz der Meister.

Alle zwei Minuten kommt der Vogel angeflogen, um dem piepsenden Nachwuchs mit einem Wurm die Kehle zu stopfen. Weder lässt er sich von den umstehenden Menschen abhalten noch vom Straßenlärm. Weit muss er nie fliegen, die brachliegende Wiese nebenan bietet genug Nahrung.

Die Briefkasten-Meise ist nur sichtbarer Vertreter der Meisen-Familie, von der sich in der Nachbarschaft viele Mitglieder niedergelassen haben. Vielfacher Unterschlupf in den Hecken, Gärten mit Rasen und abwechslungsreichen Pflanzenarten, all das bietet größere Nahrungssicherheit für die Vögel als die artenarme, überdüngte und mit Pestiziden bearbeitete Landwirtschaft im Umland der Städte. Und vielfach eben auch bessere Lebensbedingungen als der monokulturelle Forst im Stadtwald. Der Amselbestand beispielsweise, so schreibt Reichholf, sei in den Städten auf das Zehnfache der ursprünglichen Siedlungsdichte im Wald angestiegen, der heute zur Holzplantage degeneriert ist.

Doch es sind nicht nur der gestiegene Chemieeinsatz oder der großflächige monokulturelle Anbau auf den Feldern, die die Tiere in die Stadt trieben. Oft war es auch die Situation in der Stadt selbst, die immer attraktiver wurde für die Vögel. Nicht nur Druck von außen gab es, sondern auch einen Sog der Innenstadt. Wie höhlen- und nischendurchsetzte Felswände wuchsen die Häuser in den Orten, sonnenbeschienen und von innen beheizt, speichern sie die Wärme und strahlen sie ab, wodurch sich attraktive Nistbedingungen ergeben. Und eine bessere Nahrungsversorgung für einige Arten: Die Wärme zieht Luft aus der Umgebung an, lässt sie aufsteigen und wirbelt vieltausendfach kleine Insekten in die Höhe - Luftplankton, wie Reichholf es aus dem Blickwinkel hungriger Schwalben und Mauersegler bezeichnet, die deshalb viel lieber unter Hausdächern nisten als in der rauen Natur.

Je höher, desto lieber: Als der Wohnungsbau in den 60er-Jahren auf das Hochhaus kam, im Märkischen Viertel oder in der Gropiusstadt, entstand zwischen dem Beton viel größerer Freiraum, als er bei der traditionellen Berliner Traufhöhe möglich war. Der schüttere, steppenartige Pflanzenbewuchs, bemerkt Ornithologe Witt, habe sich beispielsweise als attraktiv für die Haubenlerche herausgestellt, die lange Zeit erhaltenen Brachen im Neubaugebieten von Marzahn und Hellersdorf seien von Rebhuhn und Steinschmätzer besiedelt worden. Allerdings beklagt Witt auch, dass die Umwandlungen solcher Freiflächen in parkähnliche Areale die Bedingungen inzwischen wieder verschlechterten. Es ist daher sicher die Frage, ob sie sich heute noch zum Zuzug dorthin entschließen könnten. Da sie nun aber da sind, ziehen sie erst einmal nicht wieder weg - solange es genug zu essen gibt.

Manchem Vogel bieten gerade Parks eine reich gedeckte Tafel. Da sie von arglosen Säugetieren wie Kaninchen bewohnt werden, kommen verstärkt Raubvögel, die im Stadtwald wohnen, zu nächtlichen Luftangriffen vorbei. Im Münchner Stadtgebiet nistet inzwischen sogar der Uhu - eine Art, der lange Zeit keine Überlebenschance gegeben wurde. Insgesamt leben 50 Säugetierarten wild in Berlin, 43 von ihnen pflanzen sich auch im Stadtgebiet fort - unterhalb von Fuchs und Wildsau befindet sich ein reichhaltiges Nahrungsangebot für den Vogel Greif.

Schon im alten West-Berlin setzte die Vogelvielfalt die Ornithologie in Erstaunen. Nach der Maueröffnung stellte sich heraus: Der Osten mit seinen Plattenhäusern, deren vorgefertigte Teile oft schon im Neubau große Fugen, Spalten und Nischen aufwiesen, und die deshalb auch mehr Wärme an die Umgebung abgaben, bot noch besseres Bauland für Vogelbehausungen, Zentralheizung inklusive.

Nicht nur die erwartbaren Arten wie Spatz und Taube ziehen die dichte Bebauung dem Stadtwald vor, auch die Haubenlerche, der Hausrotschwanz, die Elster, der Turm- und Wanderfalke sind nach der Aufstellung von Witt inzwischen zu selbst ernannten Völkern von Haustieren in den Innenbezirken avanciert. Gehen wir nur ein wenig nach außen, in die flachere Bebauung, so betreten wir schon dort die heute typischen Vorortbewohner: Meise, Amsel, Star, Specht, Klappergrasmücke, Zilpzalp, Heckenbraunelle, Girlitz - und wie sie alle heißen.

Der Mensch trägt nicht nur dazu bei, dass seine eigene Entwicklung hin zum fest Behausten jetzt von mancher Vogelart nachvollzogen wird. Er erhöht für manche Spezies auch die Nahrungssicherheit. Zufallsfunde von Essensresten spielen da eine Rolle, und ebenso die gezielte Fütterung vor allem im Winter. Sie hat, gemeinsam mit günstiger Klimaentwicklung, auch schon manchen Zugvogel zur Sesshaftigkeit gebracht. Wenn es kalt wird, rücken sowieso alle zusammen. Wissenschaftler Witt drückt es so aus: Die winterliche Verteilung der Vögel lässt den städtischen Raum als Konzentrationsbereich erkennen, vermutlich wegen der günstigen Bedingungen für erfolgreiche Überwinterung.

Vogelzähler Witt warnt zwar in seiner vor zwei Jahren verfassten Bestandsaufnahme, bei einigen Stadtvögeln seien Bestandsrückgänge zu verzeichnen, so zum Beispiel bei der Lerche, der Dohle - auch der Taube aufgrund städtischer Geburtenkontrolle - sowie einigen anderen. Bei den übrigen aber, der Mehrheit, seien die Populationen stabil bis zunehmend.

Für den Zoologen Reichholf ist der Zug der Vögel in die Stadt Anlass, im Naturschutz umzudenken. Auch den Begriff der ökologischen Nische, an die sich die Arten immer defensiv und per Auslesemechanismus anzupassen hätten, will er nicht mehr gelten lassen, jedenfalls treffe er auf höherentwickelte Tiere wie die Amsel nicht mehr zu. Sie beweise gerade heutzutage ihre Unabhängigkeit in Wohn- und Nahrungspräferenzen, könne eben, wenn es sich als vorteilhaft herausstellt, von Würmern und Insekten auf Kirschen und Erdbeeren umstellen.

Das Idealbild der natürlichen, freien Landschaft, die allein artgerecht zu sein habe für alles, was kreucht und fleucht, ist im Zeitalter der flächendeckend hocheffizienten Landwirtschaft schlicht überholt. Deswegen müssen wir auch unseren Respekt vor den Tieren neu justieren. Unsere heutige Haltung zur Kreatur, wie sie Reichholf beschreibt, bedarf einer dringenden Revision: Wenn ein Uhu einen alten Baum bewohnt, finden das alle toll. Wenn er jedoch in einer modernen Werkhalle sitzt, dann gilt der Uhu gleich als irre.