Fährmann, hol über: Seit 150 Jahren hallt der Ruf übers Wasser bei Caputh

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Gitta Krickow

Für Minuten bringt der durchdringende Ton des Signalhorns den Schiffsverkehr zum Erliegen. Ja, wenn auf der Havel zwischen Caputh und Geltow die Sirene der Seilfähre geht, werden Motoren gestoppt, Ruder eingezogen. Deutliche Zeichen: Die Seilfähre Caputh wechselt wieder einmal die Seiten. Beladen mit bis zu acht Autos. Ein Drahtseilakt - nicht ohne Risiko, übrigens! Vor wenigen Tagen ignorierte ein Motorbootbesitzer die Warnung - und verfing sich mit der Schraube seines Außenbordmotors in der 20 mm dicken Trosse. Das Stahlseil riss, "vier Stunden hatten wir Ausfall und viel harte Arbeit", erzählt Fährmann Karsten Grunow, zusammen mit seiner Mutter Ursel Inhaber der Fähren-Firma.

"Ich bin sozusagen die fünfte Generation. Mein Urgroßopa Wilhelm Bastian hat am 4. August 1853 mit dem Fährbetrieb begonnen," erzählt er sichtlich stolz. Damals funktionierte die Technik natürlich noch völlig anders. Zunächst wurde die hölzerne Wagenfähre mit Stakstangen oder Keulen in das Führungsseil gehängt. Aber schon bald wurde sie mit einem Spill versehen und konnte nun durch Drehen der Kurbel leichter betrieben werden. Einen Motor erhielt die Fähre 1928.

Im Caputher Archiv findet man u.a. viele alte Postkarten mit der Fähre als Motiv. Auf einer überquert Königin Victoria die Havel.

"Unsere jetzige Fähre hat einen Diesel-Motor mit 10 PS", schmunzelt Karsten Grunow. Seit 1998 ist sie in Betrieb. "Das Land Brandenburg und unsere Gemeinde Caputh haben dazu ein dickes Scherflein beigetragen. Insgesamt wurden 1,3 Millionen Mark investiert." Nur gut eine Minute dauert die Fahrt über die 80-Meter-Breite. Dafür geht es fast ständig hin und her. Unter dem Motto: "Fährmann hol über!" gibt es traditionsgemäß keine festgelegten Zeiten. Wer am Ufer steht, wird gefahren. Meist ist das kleine Schiffchen voll beladen. Pkw, Lkw, Fahrräder und Fußgänger reisen mit.

Im Motorhaus stecken an einer Wand Kundenheftchen. Vor allem von Betrieben, "alten und neuen", deren Autos ständig übersetzen. Stammgäste kommen aus Geltow, Glindow, Werder, Michendorf und natürlich Caputh. Auch viele Touristen und Ausflügler nutzen die Fähre. "Sonst müssten sie einen ganz schönen Umweg fahren, wenn sie von der Autobahn in Michendorf kommend nach Werder wollen. Weit und breit keine Brücke."

Im Winter sei es etwas ruhiger bei ihnen, aber die Arbeit oft auch schwieriger. "Da heißt es bei Eis auf die Auf- und Abfahrstellen und die Planken ständig Sand streuen. Und wenn der Frost das Stahlseil mit einem Eismantel überzieht, hilft nur noch heißes Wasser."

Einen späten Winterabend im Dezember 1998 werde er wohl sein Leben lang nicht vergessen. "Das Navigations-System eines Hamburgers hatte seinen BMW über die Fährrampe ins Wasser gefahren!" Er selber war mit der Fähre gerade auf der anderen Seite. "Die beiden Insassen wurden gerettet. Die Reaktion der internationalen Presse war Wahnsinn! Das Japanische Fernsehen und Sat 1 haben die Szene sogar nachgestaltet für ihre Berichte."

Schließlich gesteht Karsten, dass es an manchen Tagen bei ihm im Bauch heftig kribbele. "Immer wenn Spielfilm- oder Fernsehteams unsere Gäste sind." So hat er u.a. Iris Berben, Bernhard Wicki, Peter Bongartz und Heino Ferch erlebt. Kürzlich war die Fähre Kulisse für den Shanty-Chor. Am 9. August ab 20.15 in der ARD zu sehen. "Und wenn du dann vor dem Fernseher sitzt und erlebst deine Fähre, dann bekommst du eben dieses komische Gefühl."

Fährzeiten April-Nov. Mo-So 6 bis 22 Uhr Dez.-März Mo-Fr 6 bis 20 Uhr Fahrpreis: Pro Person 50 Cent