Atemlos

Nora sehen wir kommunistisch." Ganz selbstverständlich gibt Anne Tismer diesen Satz zu Protokoll. Tatsächlich steht im Kommunistischen Manifest, die Bourgeoisie würde "kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig lassen als die gefühllose bare Zahlung". Es sei dahingestellt, ob Henrik Ibsen das Pamphlet von Marx und Engels kannte, als er "Nora" 1879 schrieb. Doch spielt Geld in dem Stück eine Hauptrolle. Und am Geld zerbricht letztlich Noras Ehe.

In der Schaubühne ist Anne Tismer die Nora (Regie Thomas Ostermeier): Auf den ersten Blick eine Society-Barbie im Designer-Chic. Doch entpuppt sich das Weibchen als Frau mit bitterernsten Ansprüchen jenseits von Prada und Penunze. Übermächtig ihr Verlangen nach Herzensglück; sie wird krank, als es ausbleibt.

Anne Tismer ist eine Schauspielerin, deren Figuren sich traumverloren entrücken können und trotzdem imstande sind, nüchtern Realitäten zu kalkulieren. Tismer ist eine Schauspielerin für enorme Spannungsbögen und faszinierende Ambivalenzen. Was auch mit ihrer Herkunft zu tun haben mag: 1963 in behütete Wohlhabenheit hineingeboren, war es ihr frühzeitig wichtig, nicht auf diese Sicherheit zu bauen, sondern selbst für "festen Boden unter den Füßen" zu sorgen: "Ich habe zwei Semester Jura und Sinologie absolviert, um Diplomatin zu werden und reisen zu können. Ich wollte unter Leute; schon während der Hamburger Schulzeit empfand ich das ewige Alleinsein am Schreibtisch beim Lernen als zermürbend."

Dennoch keimten Zweifel an einer Diplomaten-Zukunft. "In meiner Schülertheatergruppe hatte ich eine Freundin, die Schauspielerin werden wollte und schon einige Aufnahmeprüfungen hinter sich hatte. Ich fragte, ob sie mit mir Rollen einstudiert. Dabei dachte ich nie, dass mich irgendeine Schule nimmt. Ich dachte nur, es ist auf jeden Fall genau das Gegenteil von "allein am Schreibtisch sitzen'".

Also Schauspielerei. Eine Bewerbung weit weg von Hamburg in Wien am Max-Reinhardt-Seminar. Heimlich. Hat gleich geklappt. Dann der Berufseinstieg: An einem 99-Plätze-Theater in der Wiener Drachengasse. Später das Herumziehen in der deutschen Provinz. Als Muse von Jürgen Kruse, einem Skandal-Regisseur mit surrealen Bühnen-Séancen. Im Kruse-Theater zwischen Freiburg und Bochum galt sie als "Oberhexe des Manierismus" (Kritiker). Immerhin, das Hochraffinierte, das Kapriziös-Exorbitante, das Nixen- und Nymphenhafte zählt auch zu Tismers Talenten. Doch sie weiß, wann Schluss sein muss mit Manien. Also auf zu neuen Ufern.

Wieder zog Anne Tismer ein Jahrzehnt lang herum. Doch jetzt im Festspiel-Starbetrieb zwischen Wien, Zürich, Salzburg mit berühmten, aber immerfort wechselnden Regisseuren (Bondy, Castorf, Marthaler, Stein) und Kollegen (Lohner, Sander, Voss). Und in schönen, großen Rollen.

Alles bestens, müsste man meinen. Wären da nicht die zwei Seelen, ach, in Tismers Brust: Die ums Gesicherte besorgte, die aufs Ungesicherte neugierige. Dazu die Befürchtung, sich im einen oder anderen zu verlieren. Etwa im Herumziehen. In der unstimmigen Balance zwischen Ruhe und Bewegung, Vertrautheit und Fremdsein. "Ich stieß mich daran, an irgendeinem Theater immer "die von Draußen' zu sein."

Also festen Boden, festes Dach. Also Berlin. "Hier lassen mich die Nachbarn in Ruhe, ich mag Distanz, bin Einzelgängerin." Die Metropole und die Kreuzberger Kiezigkeit. "Berlin ist meine Stadt. Hier habe ich das Gefühl, angekommen zu sein." Schon wegen der Schule für die halberwachsene Tochter von Ehemann Robert Hunger-Bühler. Vor allem aber wegen der Schaubühne. "Als ich ein paar Arbeiten von Thomas Ostermeier gesehen hatte, wollte ich nirgendwo anders hin. Vollkommen geplättet war ich von seiner Inszenierung "Personenkreis', einem drastischen Report über sozial Deklassierte. Doch nie hätte ich mich getraut, mich selbst zu bewerben." Sagt eine, die von Peter Stein auf Händen getragen wurde. "Als dann Ostermeiers Angebot für ein Engagement kam, sagte ich sofort "ja'. Damit bin ich sehr glücklich." - Glücklich mit der Einheitsgage, jenem Rest kollektivistisch-revolutionärer Romantik, mit der Schaubühnen-Vorliebe für kommunistische Theorie sowie der Lust, immer wieder Ideale oder Utopien auszuforschen.

Kritiker schreiben über die Glückliche, auf der Bühne sei oft etwas Unheimliches um sie. Man wisse nie, was sie als nächstes tun wird. Für ihre Nora, eingeladen zum Berliner Theatertreffen, kriegt sie den Schauspiel-Preis 2003 des Deutschen Kritikerverbandes.

Anne Tismer sagt, es ginge in "Nora" um die "unmenschliche Ordnung", in der auch wir heute leben. Dabei ist es die ewige menschliche Unordnung. Daran geht Nora, eine verstörend Naive, knallharte Extremistin, anrührende Idealistin in einem rasenden Crescendo zugrunde: In der Wut über ihre Geld- und Gefühlsverhältnisse stürzt sie sich - entsetzlich komisch - in ein Großaquarium mit Goldfischen, steckt wassertriefend eine Pistole in den Mund, um sie - blitzschneller Sinneswandel - auf ihren ihr fremd gewordenen Mann zu richten. Peng, peng! Er fällt tot zu Boden, sie fällt in sich wie ein nasser Sack.

Dieses Aufbäumen und wie von Sinnen immer tiefer Stürzen in Ausweglosigkeit, diesen Zerfall von Lebenslust in Zerstörungsfrust spielt die Tismer wie außer Atem in zwei Stunden voller Schrecken und Schönheit. Angesichts solcher Wirkungsmacht - jede Vorstellung ist ausverkauft - befremdet, dass diese Schauspielerin sich selbst eher für "schwer", "unfrei", "autistisch" hält. Immer diese Selbstzweifel, nicht zu genügen. Und dann doch immer wieder Großartigkeit.

Vermutlich sind es diese Erdungen in Skepsis und Angst, innere Widerhaken, über die Anne Tismer hinaus muss. Um zu jener souveränen Leichtigkeit zu finden, mit der sie abgründigste Brüchigkeiten ihrer Figuren offenbart. Und uns unheimlich fest ans Herz fasst.

So sind die Wunder der Schauspielkunst.