Wenn die Dame des Hauses zum festlichen Dinner einlädt und nicht gerade Heerscharen von Küchenpersonal beschäftigt, kennt sie ihr Schicksal: Ab vormittags steht sie in der Küche und hantiert mit Gewürzen und Schneebesen. Das ist beim Dinner für 450 Personen nicht anders. Die Küchen-Mannschaft im Eckart Witzigmann Palazzo ist als erstes an Ort und Stelle, meist gegen 13 Uhr. Der eine schnippelt unablässig Gurken, ein anderer setzt in riesigen Kochbecken die warmen Speisen auf. Außerhalb der Küche liegt alles verwaist da. Der Palazzo schläft noch. Die Tische mit Spanplatten und Schaumstoff, die Stühle darauf gestapelt, kein Licht, kein Ton. Die Servicekräfte trudeln gegen 15 Uhr ein. Alles schlendert noch entspannt in Jeans und Pulli in den dunklen Palast. Auch hier hat ein jeder seine zugeteilte Aufgabe, alles läuft Hand in Hand. Frische, gestärkte Tischdecken und Servietten werden hineingeschleppt, polierte Gläser und Besteck gestapelt. Die Gläser zum Beispiel stehen sorgfältig aufgereiht im Hinterraum der Bar. Lange Gläser, bauchige Gläser, Weißweingläser, Rotweingläser, Sektgläser, Schnapsgläser. Das Klimpern des Bestecks in den großen Besteckkisten beschallt den Raum. Einer dreht die Anlage voll auf. Einer befreit die silbernen Platzteller im Takt wippend von den letzten Staubflusen. Die Gläser werden nur mit Handschuhen berührt. Wer schon einmal Gläser poliert hat, weiß, dass die kleinste Fingerberührung danach zu Tobsuchtsanfällen führen könnte. An einem Tisch sitzen drei Mädels und falten die Servietten zu langen "Würstchen", die nachher in die Gläser drapiert werden. Die Stimmung ist lustig, man freundet sich an, plauscht über den Tag. Auf den Tischen liegen Zettelchen mit lustigen Hyroglyphen: "2+2+2". Ein Spaßvogel, der hier mit "= 6" zu Hilfe eilen möchte. Mit diesen Zahlen weiß der Kellner, dass er je zwei Gedecke vorbereiten muss.

Während der Palazzo sich erwachend rekelt, ist der erste Gang in der Küche schon fast fertig. Auf den meterlangen Anrichte-Tischen sind die Vorspeisenteller hintereinander in Zweiergruppen aufgestellt, fehlt noch die Dekoration. Im Zelt geht es beim Aufstellen der blinkenden Kronleuchter um Millimeterarbeit, ein bisschen nach links, ein wenig nach rechts. Auf einmal bewegt sich etwas zwischen zwei Tischreihen. Zwei Füße mit Latschen wirbeln in der Luft - nanu? "Bewegungskünstler" Anatolyi Zalevsky macht ein paar Dehnübungen und hat offenbar Lust auf Gesellschaft. Er reckt sich, liegt auf dem Boden, schwingt die Beine hoch und macht eine 1-A-Kerze - ja, damals im Turnunterricht...

Gegen 16.30 Uhr ist das Spiegelzelt hergerichtet. Um 17 Uhr stärkt sich das Personal beim eigenen Mahl für den Abend. Das Zelt liegt jetzt fast verlassen da, nur das Gebläse der Heizung rauscht. Der Palazzo hat sich aufgerüscht und wartet nun geduldig.

Um 18 Uhr treffen sich die Servicekräfte - nun bereits umgezogen - zur Einsatzbesprechung. Manöverkritik über den vorherigen Abend. Und: Welche Gäste werden an diesem Abend erwartet, welche Geburtstage oder Geschäftsessen stehen an und was ist bereits bezahlt? Im hinteren Teil des Palazzo-Reichs - die Container beherbergen die Büros und Garderoben - regt sich nun auch einiges. Die Geräte und Kostüme der Künstler bilden ein stilles Chaos, während ihre Besitzer in Schlabberklamotten durch die Gänge schlendern. Einige kennen sich bereits, vor allem Russisch hallt durch den Palazzo. Dann beginnt die Verwandlung in die Variété-Figur: aufwärmen, schminken, umziehen. Um halb acht sind alle fertig, sitzen hier und da ein wenig zusammen. In der Küche steigt die Spannung. Die Vor- und Hauptspeisen sind in der letzten Phase. An der "Brot-Station" vor der Küche werden haufenweise Baguettes zerkleinert und in die Körbe gepackt. Wenn die Show beginnt, gibt es keinen Zufall. Vor dem Vorhang zur Bühne sind auf den Boden weiße Pfeile gemalt, ganz wie im Straßenverkehr. Hinein geht es nur auf der rechten "Bahn", aus dem Zelt hinaus nur links. Während der Show bekommt die Küche regelmäßig den Countdown "noch drei Minuten", "noch eine", damit die Speisen fertig zum Servieren bereit stehen. Startsignal für die Kellner. Sie stellen sich auf, räumen nach und nach die leckeren Speisen aus der Küche und bringen sie schließlich im Gänsemarsch zu den Gästen. Beim Hauptgang stellen sich die Köche gegenüber an den langen Tisch, auf zur Fließbandarbeit. Einer stellt die Teller hin, der nächste füllt die Sauce auf, der nächste das Fleisch, ein weiterer die Dekoration, am Ende säubern zwei die Tellerränder von eventuellen Essenspuren. Wenn sich ein Blech leert, liefert ein Koch das nächste. Nur der Patissier werkelt im Hintergrund. Wenn der letzte Teller rausgeht, bleiben knallrote Gesichter. So geht es dreieinhalb Stunden zu. In den Gängen hinter der Bühne ist man heiter, ein Artist nach dem anderen kommt von der Bühne und wartet auf den Schlussapplaus.

Nach der letzten Verbeugung heißt es weg mit der Schminke, hinein in die Wohlfühl-Klamotten. Nun geht's entweder nach Haus, oder zum Schwatz ins Vorzelt. Die Servicekräfte gönnen sich nun selbst ein frisch gezapftes Bier. Wenn solide Bürger in ihren Kissen schlummern, beginnt die Freizeit im Palazzo. Im Barbereich werden die Gläser gespült, die Kerzenleuchter zum "Entwachsen" in Körbchen gelegt. Der Palazzo fällt gegen ein Uhr langsam wieder in einen tiefen Schlaf.