Im Osten nichts Neues, und was ist im alten West-Berlin so los? Mal wieder ins Café Keese gucken: Wo Frauen grellbunte Plastiktüten tragen, 50-Jährige den trotzigen Halbstarken-Blick pflegen und es auf der Toilette jede Menge Haarspray gibt..

Café Keese? Bist Du wahnsinnig? Was soll ich denn da?" Meine Freundin Miriam ist fassungslos. Dabei hat die Ober-Auskennerin in Szenefragen eben noch eine halbe Stunde lang geklagt, dass sich nichts mehr bewegt in der Stadt. Ob Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain - alles nur noch ein schaler Aufguss der wilden Jahre nach dem Mauerfall.

"Warum dann nicht den Westen wiederentdecken, das vergessene Berlin, den neuen Osten, wie die Mittebewohner sagen?", versuche ich Miriam meine Idee schmackhaft zu machen.

Obwohl die Verunglimpfungen meiner Heimatstadthälfte mir einen deutlichen Stich versetzen, registriere ich erfreut das plötzliche Leuchten in Miriams Augen. Verstaubter Plüsch, Schlager aus den Siebzigern, Damenwahl, ältere Herren in schlecht sitzenden Anzügen, die an rüstigen Rentnerinnen herumgraben - das, was man über das Café Keese so gehört hat, klingt wie von einem anderen Planeten und könnte, versehen mit ein paar angesagten DJs und den richtigen Leuten, vielleicht bald zur Kult-Location taugen.

"Viel . . . ähem . . . -, viel Spaß", wünscht uns der Taxifahrer-Student beim Aussteigen. Die Ironie ist nicht zu überhören. Und während G. G. Andersons Stimme leise aus der Tür des Keese perlt, melden sich bei Miriam und mir erste Zweifel an unserer Vorreiterrolle. Ist da immer Damenwahl? Was, wenn uns doch jemand zum Tanzen auffordert? Darf man ablehnen oder ist man den Flirtabsichten betagter Junggesellen hilflos ausgeliefert? Und wie beantwortet man zarte Annäherungsversuche über die berüchtigten Tischtelefone? So mulmig war mir das letzte Mal bei einem Ausflug in die Bronx.

Schlotternd in unseren dünnen H&M-Kleidchen schielen wir auf der zugigen Bismarckstraße zum Türsteher, der adrett in weißem Hemd und Anzughose auf die Gäste wartet. Haben wir uns passend zurechtgemacht? "Gepflegte, auch sportlich elegante Abendgarderobe " ist das Motto bei Keese - für uns Durchschnitts-Kneipengewächse um die 30 etwa so aussagekräftig wie eine Glückwunschkarte in Aramäisch.

Von weitem steuern drei Frauen Mitte fünfzig in glitzerndem Schwarz-bunt auf den Eingang zu. Ihre kunstvoll aufgesprayte Hochsteckfrisuren halten dem Abendwind stand, unter ihren paillettenbesetzten Kunstledermänteln blitzen weit schwingende Petticoats. So ist das also gemeint. "Wie Conny Froboess", entfährt es mir spontan. "Wie Conny Froboess' Großmutter", ätzt Miriam und deutet belustigt auf die grellbunten Plastiktüten, die neben Lackhandtäschchen von drei gut gepolsterten Handgelenken baumeln. "Könnte ein Trend werden, ähnlich wie Trainingsjacken zu Cocktailkleidern."

Als der Türsteher die Damen höflich lächelnd hereinbittet, schieben wir uns unauffällig mit vorbei.

Keine blöde Bemerkung, kein Gemäkel an unseren Klamotten, kein Eintritt. Schon kommt der nächste Mann in Schwarz-Weiß, nickt uns ein freundliches "Guten Abend" zu und führt uns quer durch den riesigen Saal. Roter Plüsch, Telefone, Nummernschildchen, Spiegelkugeln, goldene Sternzeichenembleme und Kitschbilder an den Wänden - alles wie erwartet. Verstaubt oder abgewetzt ist nichts, überall blitzt und glänzt es und sieht viel zu teuer aus, um auch nur ansatzweise "kultig" zu wirken. Einzig "Mumm's Musikwunschbox", der ältere Herr hinter dem DJ-Pult, der jetzt in grauem Vertretersakko und gelber Krawatte Rock-'n'-Roll-Klassiker auflegt, hätte vielleicht Platz in einem frühen Helge-Schneider-Film gefunden.

An den Tischen sitzt noch so gut wie niemand. "Det wird hier allet noch voll", entschuldigt sich der Platzanweiser, als wir etwas abseits bei Tisch Nummer 178 anhalten. Gleich nach uns bringt er ein Pärchen zur benachbarten Sitzecke. Die Frau hat ebenfalls eine Plastiktüte dabei und verschwindet auf der Toilette. Mit dem trotzigen Blick eines Halbstarken Mitte fünfzig schaut der Mann ins Leere. Er hat sich genau so in Schale geworfen, wie es 1959 angesagt war und sich seitdem eigentlich ganz gut gehalten. Das schwarze Hemd spannt nur ein winziges bisschen über der handtellergroßen Elvisgitarren-Metallgürtelschließe, die schwarzen Jeans sitzen knalleng. Nur bei der dichten, pechschwarzen Haartolle musste er etwas nachhelfen. "Mütze", flüstert Miriam grinsend, als der Ober kommt, um formvollendet die Bestellung aufzunehmen. Ganz stilvoll "Kröver Nacktarsch, halbtrocken", "Asti Spumante" oder doch lieber Chardonnay?

Nach der Kleiderordnung der nächste Kulturschock: "Heute is Gedeck", erklärt der bullige Mann im gestärkten Hemd. Die Drinnen-Variante des Wirtschaftswunderklassikers "draußen nur Kännchen". Ein Glas Saft oder Wasser, dazu etwas Alkoholisches, zusammen für etwa zehn Euro, sind am Anfang Pflicht.

"Det is hier so üblich", erklärt uns Rosemarie, die uns gleich als Neulinge erkennt, "dafür gibt's keinen Eintritt."

Die geschiedene Rechtsanwältin ist öfter hier, allein. "Aber nicht, was ihr denkt . . .", wiegelt sie ab. "Hier isses einfach jeden Abend voll mit netten Leuten." Zumindest heute mit auffallend vielen Paaren, die sich mittlerweile an den Tischen um die Tanzfläche aus Edelparkett geschart haben. Man kennt sich, begrüßt sich mit Handschlag und Küsschen. Eine bunte Mischung aus gealterten Conny-Froboess- und Peter-Krauss-Lookalikes, angejahrten Turniertänzerinnen mit Brikettfrisur, Vorruheständlern in Clubsakkos und, zu unserem Erstaunen, nicht wenigen Frauen unseres Alters. Auch sie haben, wie die meisten Damen hier, Plastiktüten dabei, tragen Tanzstundenchic und sind mit grauhaarigen Herren da. Gehen Väter hier etwa mit ihren Töchtern hin, um ihre Jugend wieder aufleben zu lassen? Nein, kein Vater knutscht bei "Rock around the clock" mit seinem Nachwuchs. Dafür haben offensichtlich einige Mütter ihre fünfzigjährigen Töchter ausgeführt. Entweder es wird als Frau-Frau-Paar getanzt, oder "es ergibt sich was, ganz zwanglos", wie Rosemarie sagt.

Die wenigen Herren, die heute allein da sind, tigern unruhig durch den Raum oder sitzen ein wenig traurig an ihren Tischen. Erbarmt sich denn da keiner per Tischtelefon?

"Die funktionieren zwar alle, sind aber mehr ein hübscher Gag", klärt uns Rosemarie auf, um gleich darauf zu zeigen, dass selbst im Café Keese in manchen Dingen die Neuzeit eingekehrt ist. Selbst bewusst setzt sie sich neben einen Mann im roten Sakko an die Bar.

Miriam und ich beklatschen derweil "Rocket 88", vier ältere Herren, die soeben die Bühne betreten haben und jetzt zu ihren Instrumenten greifen. "Früher oder später finden alle zur wahren Musik", betont der ergraute Sänger, als er in Kellnersakko und Röhrenjeans den ersten Rock'-n'-Roll-Titel ankündigt.

Während jung, alt und noch älter ausgelassen übers Parkett wirbeln, bedauern Miriam und ich plötzlich die Anti-Tanzschulen-Trotzphasen unserer Teenagerzeit. Seltsam verunsichert entdecken wir in uns den Drang, einfach mitzutanzen. Aber völlig ungekonnt?

"Da musste einfach lockerlassen, die führen dich schon", ermuntert uns Rosemarie, die von ihrem Abenteuer an der Bar zurückgekehrt ist. "Die übliche Meine-Frau-versteht-mich-nicht-Nummer, da bin ich gegangen", seufzt sie.

Bevor ich mich das mit dem Lockerlassen traue, muss ich mal kurz weg und habe auf der Toilette ein weiteres außerplanetarisches Erlebnis. Hübsch aufgereiht neben den Waschbecken finden sich zwischen Grünpflanzen und Porzellanhäschen blitzsaubere Haarbürsten, Deo- und Haarsprays zur freien Verfügung für die Dame mit Stil. Verlegen erkläre ich dem Toilettenangestellten im weißen Kittel, dass ich kein Geld dabei habe und verspreche, beim nächsten Mal das Doppelte mitzubringen. Der schlägt mir charmant sächselnd vor, meine Jacke in Zahlung zu nehmen, lässt mich dann aber doch gehen.

Dann ist unsere Chance. Rocket 88 spielt: "I can't help falling in love with you"! Engtanz können alle, auch wir. Vorsichtig drücken wir uns an der Seite aufs Parkett und beginnen, als ein Frauenpaar von mehreren, uns im Takt zu wiegen. Um uns herum überall fröhliche Gesichter von Menschen, die sich für den heutigen Abend so richtig fein gemacht haben, ganz egal wie. Die tatsächlich einfach zusammen Spaß haben und sich nicht wegen eines seltsam sitzenden Toupets oder ein paar Jahren mehr schräg angucken.

Und plötzlich finden wir das Café Keese ziemlich sympathisch, genau so, wie es ist und sind sehr, sehr froh, dass es zur Kult-Location einfach überhaupt nicht taugt. Mit schmerzenden Füßen verlassen wir das Parkett und erfahren gleich darauf von Rosemarie, was alle Keese-erfahrenen Frauen in ihren Plastiktüten haben: "Tanzschuhe".

Später am Abend, in einer Kreuzberger Kneipe, sind wir dann doch froh, statt Rocket 88 wieder die White Stripes zu hören. Und zu entdecken, dass Männer noch andere Haarfarben haben als grau. Aber über Haarspray auf dem Klo, freundliche Türsteher statt mürrischer Halbaffen, gut ausgebildete Ober und etwas mehr Entspanntheit in Outfit-Fragen könnte man eigentlich mal nachdenken . . .