Der Cellist wird von einer Radfahrerin umgefahren. Der Harfenistin reißt mitten im Konzert krachend eine Saite. Und Simon Rattle muß plötzlich an Falludscha denken: Der Fotograf Christian Irrgang hat die Berliner Philharmoniker bei ihrer Japan-Tournee begleitet. Ein Tagebuch

Sonntag: Sapporo Airport. Die Reise beginnt mit Schlitzaugen: mit unseren eigenen. Für die Berliner Philharmoniker ist ein Charterflug der japanischen ANA reserviert. Er landet bei Regen. Mühsam raffen sich Geigen, Bläser und Schlagzeuger aus ihren Sitzen. Uns allen fehlen acht Stunden. Müde schauen wir aus den Augen. Graue Straßen. Am Wegesrand nehmen wir verschwommen McDonald's, Autohäuser und Beauty-Shops wahr. Sind wir hier wirklich in Japan gelandet - oder nicht doch in einem Provinznest der USA? Durch fünf Städte soll diese Tournee gehen. Beethovens "Fidelio" in Tokio soll der szenische Höhepunkt sein. Doch alles beginnt, als hätte es gerade aufgehört: Mit Übernächtigung, nervöser Freude und sehr blassen Gesichtern.

Montag: Joggen. Um wieder zu Kräften zu kommen, wird der erste Probentag auch für Sport genutzt. Der Cellist Martin Menking kehrt davon humpelnd ins Hotel zurück. Eine japanische Radfahrerin hat ihn umgenietet. Er ist so geschickt gefallen, daß die Hände heil blieben. Das Knie muß genäht werden. Glück im Unglück: Wenn sich Menking die Hand verletzt hätte, wären die "12 Cellisten der Berliner Philharmoniker" nur noch 11 gewesen. Das wäre nicht schön, denn sie haben gleichfalls Gastspiele in Japan vor sich. Am Nachmittag erste Probe der Bläser, noch nicht fürs Konzert, sondern für einen Adventstermin in Berlin. Wie bitte? Ja, man hat in Japan eben mehr Zeit als daheim, deshalb trifft man sich hier zur Probe. Plötzlich dringen deutsche Weihnachtsklänge durch den japanischen Saal. "Stille Nacht, heilige Nacht." Hat hier etwa jemand schon Heimweh?

Dienstag: erstes Konzert. Einige Musiker murren über das neue Stück von Magnus Lindberg ("Aura"), das heute gespielt werden soll. "Ich schäme mich, damit vor das japanische Publikum zu treten", sagt ein Philharmoniker offen. Der finnische Komponist begleitet die Tournee und betont, sein Stück sei vor zehn Jahren in Tokio uraufgeführt worden und kehre jetzt nach Japan zurück. Das sei doch schön. Zur Generalprobe für eine Einführungsveranstaltung erscheint Lindberg viel zu spät. Simon Rattle scherzt, Lindberg habe am Vorabend wohl zu sehr einem finnischen Nationalsport gehuldigt, der mit Alkohol zu tun hat. "Was heißt eigentlich "Brummschädel' auf japanisch?", will er wissen. Die Lindberg-Aufführung wird trotzdem ein Triumph. Auch bei Eintrittspreisen, die zwischen 200 und 400 Euro liegen, bleiben die Japaner lieb. Plötzlich, während Debussys "La Mer", reißt der Harfenistin Marie-Pierre Langlamet krachend eine Saite. Rattle entschuldigt sich auf Japanisch beim Publikum und lobt die Musikerin für den "schnellsten Saitenwechsel, den ich je erlebt habe". Mein erster Fauxpas: Ich fotografiere während des Konzerts. Auch in Japan kommen dann bullige Sicherheitskräfte auf einen zu. Ich fliege raus.

Mittwoch: Klassenfahrt. Die Stimmung lockert sich zusehends. Auch manche Musiker lernen sich jetzt erstmals richtig kennen. Leider fehlt Magdalena Kozena, die Lebensgefährtin Simon Rattles, die zu Hause geblieben ist. Sie ist im vierten Monat schwanger. Sir Simon schlägt vor, die neue Concert Hall in Sapporo, wo man gestern gespielt hat, einfach im Handgepäck zu verstauen. Ihre Akustik sei noch besser als die in Berlin. Das Haus ist nach dem Vorbild von Hans Scharouns Philharmonie gebaut, aber nach dem Urteil vieler Musiker noch besser gelungen. Beim Linienflug nach Okayama sehen wir den Fuji von oben - und wer den Fuji gesehen hat, sagt ein japanisches Sprichwort, der kommt wieder. Wir fliegen vom Herbst in den Sommer. Noch keine Laubfärbung läßt sich sehen. Einziger Wermutstropfen: der Ausgang der US-Wahl. Die Musiker sind betrübt. Einige US-Mitglieder im Orchester hatten es kommen sehen. Rattle kommentiert: "Na, wenigstens spielen wir heute zwei Trauermärsche."

Donnerstag: Mahler. Bei der Probe in Okayama, dem südlichsten Punkt der Tournee, lauscht Rattle von hinten im Saal. Bläser und Pauken klingen zu laut. "Das klingt ja wie ein Sonntagmorgen in Falludscha", meint er. "Bitte etwas leiser." Am Abend in der Sky-Bar horche ich mich nach dem Verhältnis der Musiker zu ihrem Chef um. Alle sind glücklich. Der Rückhalt von Rattle scheint kolossal, aber die Angst, was passieren würde, wenn er nicht mehr da wäre, ist auch groß. Einige meinen: "Wenn Rattle abträte und Christian Thielemann kommt, das wäre der Supergau!" Vereinzelte Rattle-Kritiker gibt es auch (warum nicht?). "Die langsamen Passagen schlägt er tot", meint jemand. "Tempohalten können wir doch selber! Da hat uns Abbado einfach drauflos spielen lassen - und das war besser." Nach dem Konzert frenetischer Jubel fürs Mahlers V. Symphonie. Heerscharen von japanischen Groupies am Bühneneingang. Die warten allerdings nicht alle auf Sir Simon, sondern auch auf Toru Yasunaga, den 1. Konzertmeister. Er ist in seinem Heimatland heute abend der King. Und Toru-Superstar genießt das sichtlich.

Freitag: Nach Kanazawa. Im Schnellzug Shinkansen rauschen wir ab zur Westküste. Schon am Vorabend mußten die Koffer vors Hotelzimmer gestellt werden. Die Zahnbürste kommt ins Handgepäck. Für den Transport der Sachen ist der famose Berliner Andreas Pernau zuständig, der nicht erst diese Reise organisiert hat (und begleitet). Mit einem Sushi-Päckchen auf den Knien macht Simon Rattle zwischendurch mal eben Termine bis 2008. In Kanazawa angekommen, leitet er nachmittags einen Workshop mit einem japanischen Jugendorchester. Musiker zwischen 6 und 20 Jahren geraten bei Beethovens "Egmont"-Ouvertüre ins Schwitzen. Rattle blüht auf: "Nichts darf wie eine Wiederholung klingen! Bitte hier richtig atmen! Und mit dem ganzen Körper spielen!" Im Park Kenrokuen lustwandeln derweil die Philharmoniker. Für viele ist dies der schönste Park Japans. Sechs Attribute sollen in ihm vollendet sein: Weitläufigkeit, Abgeschiedenheit, Genialität, Alter, Wasser und eine herrliche Aussicht. Da werden wir alle zu Philosophen.

Samstag: Café Karajan. So heißt eine verrauchte Kaffeestube in Kanazawa wirklich. Die Musiker schenken Rattle ein Päckchen "Karajan-Kaffee", denn er hat kürzlich gefragt: "Stammt die Art, wie Ihr dies Ritardando spielt, noch aus Karajans Zeiten - oder aus denen von Arthur Nikisch?! Spielt das doch einmal anders!" Rattle amüsiert sich über das ironische Mitbringsel. Die Atmosphäre ist freundschaftlich - wohl nicht gerade so wie zu Zeiten Karajans. Das Konzert am Nachmittag wird in dunkelblauen Joop-Anzügen gespielt. Das Orchester hat sie vor einigen Jahren angeschafft. Im Publikum trägt man Freizeitkleidung. Danach im Laufschritt zum Bus. Flug nach Tokio. Drei Musiker haben sich abgeseilt: Sie wollen per Rennrad über die japanischen Alpen. Drei Tage haben sie dafür reserviert. Ob sie je angekommen sind, würde ich auch gern wissen.

Sonntag: Mein letzter Tag. Die Tournee geht noch weiter (bis 20. November). Aber die "Philis" bleiben von jetzt ab in Tokio. Verteilt auf drei Hotels. Wie schon beim Hinflug: Die älteren Kollegen kriegen die besten Plätze und Hotels. An zu Hause gebliebene Ex-Philharmoniker schreibt man fleißig Ansichtskarten. Die philharmonische Familie, sie funktioniert und ist jetzt vollkommen harmonisch. Beim Konzert im Nachbarort Kawasaki kommt es dann doch noch beinahe zur Katastrophe. Die Muza-Symphony Hall wurde erst kürzlich eröffnet. Die Probenräume sind sehr gut schallisoliert. Zu gut. Bei Haydns Symphonie Nr. 86 fehlt daher plötzlich ein Streicher. Er hat im Probenraum das Klingeln nicht gehört. Nach der Pause schließlich sitzen alle für Brahms II. Symphonie auf der Bühne - da fehlen plötzlich dem 1. Solo-Hornisten Radek Baborak die Noten. Panik backstage. Orchesterwarte flitzen hin und her. Auch Rattle wird nervös, obwohl er meint, Radek könne das ebenso gut aus dem Kopf spielen. Dann stellt er kurzerhand die eigene Partitur zur Verfügung - und dirigiert selber auswendig. Der Chef hat's gerichtet! "Irgendwas geht immer verloren", meint er danach schlicht. "So wie Socken in einer Waschmaschine". Ist das jetzt schon japanische Gelassenheit? Nein, das muß mehr sein. Die Musiker jedenfalls zweifeln nicht daran: Karajan wäre explodiert.

Aufgezeichnet von Kai Luehrs - Kaiser