Das Liebesnest des Dr. Goebbels

Vierzig Kilometer nördlich von Berlin herrscht Ruhe im Land. Felder, Wälder, Seen - mehr als Natur erwartet man hier nicht. Das Hinweisschild "Bogensee" macht Hoffnung auf ein verschwiegenes Paradies. Die schmale, wellige Straße ist kurvenreich, der Wald uralt, kein Mensch ist zu sehen.

Auf einmal eine Lichtung, und eine Anlage wie ein Schloss. Sechs mächtige Gebäude im Karree, dreistöckig, wie von Albert Speer entworfen, eine riesige Freifläche dazwischen, mehrere Fußballfelder groß. Verschlossene Türen, bröckelnder Putz, Unkraut wuchert überall. Das Areal verfällt, der Zugang zum See ist verstellt durch quer liegende Bäume.

Sonst scheue er solche Vergleiche, sagt der Historiker Wolfgang Leonhard, aber als er dieses riesige Areal im Walde mit den Bauten aus den 50er-Jahren kurz nach dem Mauerfall das erste Mal sah, "erinnerte mich das Ganze an das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg: ein gespenstischer, erdrückender Anblick".

Begonnen hatte es einst, im September 1936, mit einem bescheidenen Blockhaus für Propagandaminister Goebbels. Die Reichshauptstadt vermachte dem "Eroberer Berlins" im Namen des Volkes "eine von dem Lärm der Weltstadt abgelegene, völlig ungestörte Arbeitsstätte in einem städtischen Forst".

Das zehnjährige Jubiläum "des Gaues Groß-Berlin der NSDAP" galt es zu feiern, zudem hatte Goebbels Ende Oktober Geburtstag. Kurz: ein Blockhaus auf Staatskosten wurde errichtet.

Goebbels genoss den Ort: "Es ist ganz still und ruhig hier", heißt es am 3. November 1936 im Tagebuch. "Ich arbeite, lese, schreibe, und bin glücklich. Rings um mich Wald, welkes Laub, Nebel, Regen. Ein Idyll in der Einsamkeit." Und drei Tage später: "Herrliches Herbstwetter! Der Wald duftet so herrlich. (...) Diese Judenpest muß ausradiert werden. Ganz und gar. Davon darf nichts übrig bleiben. Sonst Palaver, Lektüre, Schreiben. Zeitig ins Bett. Es schläft sich so herrlich hier draußen im Walde."

Das kleine Blockhaus - im Volksmund "Goebbels' Liebesnest" - war dem Propagandaminister bald nicht mehr groß und gut genug. Neubauten mussten her. Das Gelände bot genügend Raum, 200 Hektar wurden Goebbels auf Lebenszeit überlassen. Ende 1939 war ein neues, geräumiges Wohnhaus mit dreißig Zimmern fertig gestellt, kurze Zeit darauf zwei weitere Gebäude für Gäste, Wachmannschaften, Dienstbesprechungen. Auch diese drei Bauten stehen heute noch, fast unverändert. Der Name des Anwesens: "Waldhof am Bogensee".

Die dunkelbraunen Fensterläden am ehemaligen Landhaus Goebbels' sind ringsum verrammelt, nur an der Seeseite kann man einen Blick erhaschen ins ehemalige Kaminzimmer. Ein Siemensmotor von 1938 ist noch intakt, auch heute kann man die Terrassenfenster per Knopfdruck im Boden versinken lassen.

Ein stummer Ort der Geschichte, mehr als fünf Jahrzehnte für die Öffentlichkeit gesperrt. Ein Ort der Täter und Wortverdreher, ein Ort der Propaganda: Bogensee.

Anfangs hatte Goebbels sein Refugium oft nur stundenweise genutzt, übers Wochenende auch, zu Feiertagen und in den Ferien. Nach der Fertigstellung der Neubauten verlegte er bisweilen seinen Amtssitz von Berlin für zwei, drei Monate ins Umland, konferierte mit seinen Mitarbeitern, empfing Künstler und Journalisten.

In der Filmwelt war Bogensee als Treffpunkt bestens bekannt. Ursprünglich als "Kulturgemeinschaftshaus" deklariert und von der Ufa finanziert, kamen wiederholt genehme Schauspielerinnen, Schauspieler und Regisseure zu Besuch.

Zarah Leander war mehrfach da, auch Emil Jannings und Veit Harlan, der Regisseur von Propagandafilmen wie "Jud Süß" oder "Kolberg"; Heinz Rühmann kam, Marika Rökk, Margot Hielscher, Brigitte Horney, Hilde Krahl, Ilse Werner und viele andere. "Es war ganz zauberhaft - eine richtige Idylle", schwärmte Lida Baarova, die tschechische Schauspielerin und Goebbels' zeitweilige Geliebte.

In einem eigenen Filmsaal stellte Goebbels die Wochenschau zusammen, ließ sich Filme vorführen, prüfte, zensierte und verbot.

Doch stattlich genug erschien ihm sein Landsitz offenbar nicht. Bogensee wurde selten zum Ort für offizielle politische Zusammenkünfte, mit "Carinhall", dem nahe gelegenen repräsentativen und pompösen Anwesen Görings in der Schorfheide, war Bogensee nicht zu vergleichen.

Im Dezember 1942 kam es am Bogensee zu einer folgenreichen Begegnung mit Martin Bormann, dem Leiter der Parteikanzlei Hitlers. Goebbels erhielt grünes Licht für seine Politik der "totalen Kriegführung". Kurz darauf verfasste der Propagandaminister im Waldhof seinen grundlegenden Aufsatz "Der totale Krieg", veröffentlicht am 17. Januar 1943 in der Wochenzeitung "Das Reich". Darin hieß es: "Der Feind will uns total vernichten. So laßt uns also total Krieg führen, um total zu siegen." Vier Wochen später hielt Goebbels seine berüchtigte Rede im Berliner Sportpalast.

Im August 1943 zog Familie Goebbels von Schwanenwerder, dem stattlichen, aber nun von Bomben bedrohten Anwesen am Berliner Wannsee, nach Bogensee um. Die Kinder gingen fortan im nahe gelegenen Wandlitz zur Schule.

Ganz normal sei das gewesen mit der Familie Goebbels, bekommt man heute in der Gegend zu hören. Die Kinder süß und blond, die "Propagandaschnauze" im Sommer mit der Pferdekutsche unterwegs, im Winter auf dem Pferdeschlitten, er winkte, man winkte zurück.

"Draußen die Kinder und die Familie sind geradezu mein buon retiro", schwärmte Goebbels im November 1944. Im Sommer war für die Familie und die Angestellten und Wachmannschaften noch ein geräumiger Bunker am Bogensee eingerichtet worden. Doch zum Endkampf ließ Goebbels seine Familie Anfang Februar 1945 nach Berlin kommen.

Drei Monate später, am 1. Mai 1945, wurden die Kinder im Führerbunker in Berlin vergiftet, danach nahmen Goebbels und seine Ehefrau Magda das bereitliegende Zyankali ein.

Wo das Inventar vom Waldhof am Bogensee geblieben ist, ist bis heute nicht geklärt. Zeit, um die Gebäude zu räumen und das Mobiliar und die Kunstgegenstände zu verlagern, blieb den Nazis offenbar nicht, von Plünderungen in den Nachkriegstagen ist die Rede.

Im April 1946 übernahm die FDJ den Goebbelsschen Gebäudekomplex, am 22. Mai wurde der erste Lehrgang an der "Zentraljugendschule der Freien Deutschen Jugend, Waldhof am Bogensee", so die offizielle Bezeichnung zu jener Zeit, begonnen. Man hatte Benennung und Gebäude im Wald einfach übernommen, so wie sie dastanden, nach Kriegsende.

"Wir wussten, dass es das frühere Landhaus Goebbels' war", erzählt der Historiker Wolfgang Leonhard, "aber es war kein Thema. Früher war eben Goebbels auf dem Gelände, und jetzt sind wir da, sagte man."

Das hatte weniger etwas mit Verdrängung zu tun, glaubt Leonhard, sondern eher mit Desinteresse. Eine neue Zeit war schließlich angebrochen, der neue Mensch sollte erzogen werden, ein anderes Deutschland entstehen. Antifaschistisch sollte es sein, fortschrittlich und friedvoll.

Leonhard war mit der Gruppe Ulbricht unmittelbar nach Kriegsende zurückgekehrt und dann für die Parteischulung tätig geworden. So unterrichtete er, als 23-Jähriger, auch am Bogensee.

Es herrschte wohl anfangs ein ganz liberales Klima, "die FDJ-Schule Bogensee war damals noch keineswegs ,kommunistische Kaderschmiede'", beteuert Wolfgang Leonhard, "Begriffe wie (...) "Kampfreserve der Partei' gab es ebenso wenig wie einen Unterricht in ,Marxismus-Leninismus'".

Die Jugendlichen kamen aus allen Teilen Deutschlands, der Schulleiter stammte aus dem Rheinland, der Unterricht sollte bürgerlich-demokratisch sein. "Wir übten uns in Parlamentarismus", weiß Herbert Häber, das spätere Politbüro-Mitglied, zu berichten.

Die Wende kam spätestens 1947/48. Fortan hatten die Schulleiter in der Sowjetunion ausgebildet zu werden, die Lehrinhalte waren nach sowjetischem Vorbild geformt. "Marxistisch-leninistische Philosophie" stand nun im Vordergrund, nicht mehr das allgemeiner formulierte "Weltbild des fortschrittlichen Menschen".

Im September 1950 wurde die Jugendhochschule nach Wilhelm Pieck, dem Präsidenten der DDR, benannt. Nun war sie Prestigeobjekt, Propagandastätte der FDJ / SED.

Die Auswahlbedingungen für jene Jugendlichen, die zum Bogensee berufen wurden, waren nun eindeutig: Mitgliedschaft in der FDJ, unbedingte Treue zur DDR, der Glaube an den Grundsatz: "Die Partei hat immer Recht".

Man schottete sich ab, die Jugendhochschule am Bogensee wurde zu einem streng isolierten Dorf am Rande der Schorfheide. So blieb das bis zuletzt.

In den 50er-Jahren entstanden auf dem Gelände diverse wuchtige Gebäude im stalinistischen Stil. Im Hauptgebäude, dem "Lektionsgebäude", befand sich ein Vorlesungssaal für 600 Personen. Im Dezember 1981 gab Bundeskanzler Helmut Schmidt dort seine Pressekonferenz zum Honecker-Besuch, gewünscht gut abgeschottet von der Bevölkerung.

1955 wurde ein so genanntes Kultur- oder Gemeinschaftshaus eröffnet. Und wieder kamen die Schauspieler - nun, um die Voraufführungen ihrer Filme im geladenen Jungfunktionärskreis zu diskutieren. Winfried Glatzeder und Angelica Domröse kamen, um über "Paul und Paula" zu sprechen, Manfred Krug, um "Spur der Steine" ins rechte Licht zu rücken.

Im Januar 1974 trichterte Egon Krenz seinen Zuhörern am Bogensee ein, die FDJ werde - im Geiste Ernst Thälmanns - stets als Helfer und Reserve der SED auftreten: "So war es, so ist es, so wird es immer sein", gab sich der frisch gekürte 1. Sekretär der FDJ selbstgewiss.

Wie gewöhnlich, Jahr für Jahr, hielt Kurt Hager, der Chefideologe der SED, auch im September 1989 noch die "Einführungslektion" zum neuen Lehrgang am Bogensee. "Der Sozialismus hat in der Welt festen Fuß gefaßt", referierte Hager. In Leipzig begannen zu dieser Zeit die Montagsdemonstrationen.

Die "Jugendhochschule Wilhelm Pieck" am Bogensee wurde abgewickelt. Seit 1991 stand das Gelände dem gemeinnützigen "Internationalen Bund für Sozialarbeit" zur Verfügung. Jugendliche wurden ausgebildet, ein Hotel geführt, jugendpolitische Fortbildung versucht. Das Konzept ging nicht auf, die Defizite stiegen in die Millionen.

Bis Ende 1999 wurde der Betrieb aufrechterhalten, seitdem stehen die Gebäude leer. 43 000 Quadratmeter Nutzfläche, dazu das riesige Areal, etwa 150 000 Quadratmeter groß. Alles steht seit Anfang 1999 unter Denkmalschutz, auch die Gartenanlagen müssen erhalten bleiben. Ein Wachdienst versucht, Vandalismus zu verhindern, das Land Berlin, als Eigentümer des Geländes, sucht händeringend nach einem neuen Nutzer für das gesamte Ensemble. Doch der ist immer noch nicht in Sicht.

Es gibt keine Schranken mehr, es gibt keinen Zaun, der Förster sorgt nun dafür, dass man nicht mehr an den See gelangt. Es ist still geworden an diesem Ort der Propaganda.

Vom Autor erscheint Mitte September die erste umfassende Dokumentation zur Geschichte des verschwiegenen Ortes, der Titel: Goebbels' Waldhof am Bogensee. Vom Liebesnest zur DDR-Propagandastätte. Ch. Links Verlag. 176 Seiten, 29.90 Euro