Respekt vor der geleisteten Arbeit

Was werden Ihre ersten Amtshandlungen an der Deutschen Oper Berlin sein? Andreas K. W. Meyer: Bevor man neue Rituale einführt, muss man einfach erst einmal die vorhandenen Gepflogenheiten kennen lernen. Ein weit verbreitetes Übel bei Intendanzwechseln ist die "Neuerfindung" des jeweiligen Theaters. Darin sehe ich eine massive Respektlosigkeit vor der bislang an diesem Haus geleisteten Arbeit, für die Menschen sich eingesetzt, bei der sie sich auch etwas gedacht haben. Neu einzusteigen und gewissermaßen permanent zu vermitteln "Jetzt zeigen wir Euch mal, wie das geht" - ich halte das nicht zuletzt auch für eine Stilfrage.

Ich werde in den ersten Wochen das Haus zunächst einmal kennen zu lernen haben, werde versuchen, möglichst vielen Menschen auch die Gelegenheit zu geben, mich kennen zu lernen.

Und dann werden wir uns natürlich dringendst daran machen müssen, die Spielpläne für die Zeit nach der Saison 2005/2006 zu besprechen. Und das ist ein wunderbares, vom speziellen Haus aber ganz unabhängiges Ritual ... keinesfalls ein neues!

Sie kommen aus Kiel. Was haben Sie bislang von der Berliner Opernlandschaft und insbesondere der Deutschen Oper wahrgenommen? Kiel liegt gar nicht, wie vielfach in der Restrepublik angenommen, in Grönland. Das heißt also durchaus, dass wir schon in der Lage waren, die Berichterstattung über die Berliner Opernlandschaft zur Kenntnis zu nehmen und selbstverständlich auch verfolgt haben, wie diese spannende Musiktheatersituation in der Stadt sich entwickelte. Abgesehen von eigenen Vorstellungsbesuchen...

Chefdramaturgen genießen an großen Opernhäusern oftmals eine besondere Aufmerksamkeit - als graue Eminenz, als intellektuelle Vordenker, auch als enge Vertraute der Intendanz? Generell glaube ich erst einmal nicht, dass Chefdramaturgen an großen Häusern derzeit eine besondere Aufmerksamkeit genießen - und ob sie sie genössen, lasse ich schon gleich mal ganz dahingestellt... Das enge Vertrauensverhältnis zur Intendanz ist in jedem Falle eine elementare Voraussetzung für eine effektive Arbeit von Dramaturgen. Was nützt die intellektuellste Vordenkerei, wenn das Gefühl aufkommt: "Gott sei Dank, er denkt vor, dann steht er wenigstens nicht im Wege rum!" Aufmerksamkeit will verdient, will erarbeitet sein. Ganz grundsätzlich: Das gilt nicht nur für den Chefdramaturgen, sondern für jeden einzelnen, der am Theater tätig ist - niemand ausgenommen, der am Produktionsprozess beteiligt ist, der aber auch am Abend das Haus repräsentiert oder vom Publikum unbemerkt seine Arbeit verrichtet! In diesem Boot sitzen nun einmal alle miteinander. Und man darf wirklich nicht glauben, dass man einmal ein bestimmtes "standing" erreicht oder per Amtsbezeichnung zugewiesen bekommen hat und davon dann für den Rest der Theatertage zehren kann. Derlei kommt zwar vor, entspricht aber nicht meinem Arbeitsethos und meinem Selbstverständnis.

Wie ist Ihr Verhältnis zur neuen Intendantin Kirsten Harms? Kirsten Harms war acht Jahre lang meine Intendantin in Kiel, wo sie mich aus den Personalbeständen ihres Amtsvorgängers übernommen hat. In diesen acht Jahren ist ein extremes Vertrauensverhältnis entstanden, das ich als sehr besonders bezeichnen würde. Sowohl in der Arbeit an der konkreten Produktion als auch in der Erstellung der Spielpläne ist dadurch, dass man im Lauf der Jahre gelernt hat, sensibel aufeinander zu hören, aufeinander einzugehen und die Positionen des Gegenübers mit den eigenen zu verschmelzen, ein Arbeitsverhältnis entstanden, das ich nur als ideal bezeichnen kann.

Gute Dramaturgen hinter guten Regisseuren geben Strategien für Inszenierungen vor: Für welches Konzept stehen Sie? Klarheit - Erkennbarkeit - das erste Konzept ist das Stück selbst! Eigentlich trage ich jeden konzeptionellen Ansatz mit, der sich aus einer historischen, ästhetischen oder kulturgeschichtlichen Folgerichtigkeit herleitet und im Ergebnis zu spannendem Theater führt. Bei "Ein Leben für den Zaren" in Slums von Honolulu hätte der Regisseur bei mir allerdings schon erhebliche Überzeugungsarbeit zu leisten...

Wie viel provokantes, nacktes, blutiges Regie-Theater vertragen Sie? Ich vertrage sehr viel Regie-Theater! Denn ich halte es nach wie vor für eine Garantie dafür, dass Oper nicht zur musealen Bebilderungsveranstaltung mit netter Musik verkommt. Ich vertrage auch Provokation, wenn sie klug motiviert ist, wenn es ihr tatsächlich gelingt, mit dem Wirbel, den sie entfacht, Staubkrusten auf der Oberfläche eines Werkes aufzubrechen und wegzublasen - und wenn dadurch darauf hingewiesen wird, dass das Stück an sich schon eine Provokation ist. Privat allergisch allerdings reagiere ich darauf, wenn ich spüre, dass hier die Provokation um der Provokation willen zelebriert wird. Da gerät dann das Stück zum Vehikel.

In Ihren eigenen biografischen Angaben geben Sie den "Interessenschwerpunkt Ausgrabungen" an. Was ist darunter zu verstehen und wie werden Sie das an der Deutschen Oper Berlin handhaben? Seit Entstehung der Oper Ende des 16. Jahrhunderts sollen, unterschiedlichen Quellen zufolge, zwischen 180 000 und 200 000 Beiträge zur Gattung geschrieben worden sein.

Unsere Repertoirewirklichkeit trägt dem nicht Rechnung. Die Statistik des Deutschen Bühnenvereins führt Jahr für Jahr immer wieder die gleichen hundert Titel auf, und darunter wechseln die 25 meistgespielten Stücke an der Spitze nur unwesentlich die Ränge. John Dew hat in diesem Zusammenhang einmal von der "ABC-Waffe des Musiktheaters" gesprochen - "Aida", "Butterfly", "Carmen". Aber das kann doch nicht alles gewesen sein.

Und tatsächlich: Wenn man genau hinschaut, wenn man mal der einen oder anderen lexikalischen Spur nachgeht - oder zufällig mal in einem Antiquariat einen Klavierauszug in die Hand bekommt oder im Regal des CD-Händlers gezielt an Verdi, Mozart, Wagner vorbei greift, oder oder oder - wird man feststellen, dass unter den genannten 180 000 bis 200 000 Opern Schätze schlummern, die ihr Publikum heutigentags genauso erreichen können, wie dies zur Entstehungs- oder Uraufführungszeit der Fall gewesen ist.

Unser Kieler Konzept war es, pro Spielzeit mindestens zwei dieser unbekannten Opern neu zu präsentieren; mit einigen, zum Beispiel Alberto Franchettis "Cristoforo Colombo" oder Franco Alfanos "Cyrano de Bergerac", sind tatsächliche Publikumsrenner gelungen, und das, obwohl die Lexikon-Bibel, "Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters", etwa dem Cyrano fast nur schlechte Noten ausstellte. Unsere Aufführung wurde mitgeschnitten, weltweit gesendet und auch als CD veröffentlicht. Und siehe da, plötzlich: In der kommenden Saison wird die Met das Stück spielen, Covent Garden zieht 2006 nach - da kann unser Riecher so schlecht nicht gewesen sein. All so etwas ist möglich, wenn man einerseits ausreichend neugierig und andererseits ausreichend misstrauisch gegenüber den Traditionen ist. Und das sollte gerade in Berlin auch drin sein...

Die Fragen stellte Volker Blech.