Dynastie deutscher Geister

Historie sei nichts als die Summe individueller Schicksale, hat Arthur Schopenhauer geschrieben. Nimmt man zu den individuellen die familiären Schicksale hinzu, dann gilt Schopenhauers Einsicht bis heute: Nirgendwo wird Vergangenheit, werden Kontinuitäten und Veränderungen über längere Zeit hinweg so erkennbar wie in Familiengeschichten.

Am Mittwoch wurde Wolfgang J. Mommsen in Düsseldorf-Lohausen beerdigt. Das lenkt die Aufmerksamkeit auf eine sehr deutsche Familie, die über vier Generationen hin nicht nur Geschichte gelebt, sondern auch geschrieben hat. Mindestens an Jahren übertrifft die öffentliche Wirksamkeit der Mommsens die Rolle solcher Familien wie der Bismarcks oder Harnacks, der Thyssens oder Krupps. Zugleich sind die Zäsuren in der Geschichte der Mommsens so vielfältig wie im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts. Trotzdem erscheint erst im September die erste Familiengeschichte, geschrieben von dem Berliner Journalisten Peter Köpf ("Die Mommsens". Europa Verlag, Hamburg. 416 S., 22,90 Euro).

Bekannt ist das Leben des ersten großen Mommsen, Theodor. Er stammte, wie viele Mandarine des 19. Jahrhunderts, aus einem Pfarrhaus, wurde Jurist, verlor aber als Liberaler seine erste Professur für Römisches Recht, wanderte nach Zürich aus, schrieb die ersten drei Bücher seiner genialen "Römischen Geschichte", kehrte nach Deutschland zurück und wurde in Berlin der mächtigste Altertumsforscher der Welt. 1902 erhielt er den Literaturnobelpreis. Im folgenden Jahr starb Theodor Mommsen im Alter von fast 86 Jahren.

Solch ein Vater ist für die folgende Generation gewöhnlich eine Last. Und tatsächlich berichtet seine Tochter Adelheid in ihren Memoiren "Mein Vater" von der Schwierigkeit, im Haushalt einer unablässig tätigen Geistesgröße aufzuwachsen, die zugleich liberal und despotisch war.

Es dürfte kein Zufall sein, dass keines der vielen Kinder Theodor Mommsens direkt in seine Fußstapfen trat: Der zweitälteste Sohn Karl leitete eine Bank, Ernst wurde Arzt, Konrad Seeoffizier, Admiral und schließlich 1925 bis 1927 sogar Flottenchef, Hans-Georg amtierte als Direktor eines Gaswerks. Trotzdem war auch diese, die "wilhelminische" Generation der Mommsens eng verknüpft mit den Denkern ihrer Zeit: Die älteste Tochter Marie heiratete den führenden deutschen Gräzisten Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, der Sohn Ernst ehelichte Clara, die Schwester von Max und Alfred Weber, den Begründern der deutschen Soziologie.

Der Geschichtswissenschaft wandte sich erst die folgende Generation wieder zu - das aber gleich dreifach: Wilhelm, der Sohn des Bankdirektors Karl, wurde 1920 von Friedrich Meinecke promoviert; sein Cousin Wolfgang A., der Sohn von Hans-Georg, wählte die Laufbahn des Archivars; Theodor Ernst entschied sich für mittelalterliche Geschichte. Mit Konrad und Ernst Wolf Mommsen schlugen zugleich zwei Cousins aus der dritten Generation einen anderen Weg ein: Sie gingen in die Wirtschaft. Diese Generation der Mommsens ist vielfältig, aber sehr unterschiedlich mit der dunkelsten Phase der deutschen Geschichte verknüpft.

Wilhelm Mommsen war in der unter Akademikern weithin angefeindeten Weimarer Demokratie wie sein Lehrer Meinecke ein Vernunftrepublikaner. 1933 geriet er unter politischen Druck, wie sein Sohn Hans rückblickend berichtet, passte sich aber an und blieb ordentlicher Professor in Marburg. Er unterschrieb das "Bekenntnis der Professoren und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat" und wurde 1940 NSDAP-Mitglied.

In mehreren seiner Veröffentlichungen aus jenen Jahren finden sich Ausfälle gegen Juden und mindestens eine Hymne auf Hitler. Andererseits brachte das NS-Regime die Geschichtslehrer-Zeitschrift "Vergangenheit und Gegenwart" auf Linie, indem man den Herausgeber Wilhelm Mommsen absetzte. Insgesamt wäre es wohl übertrieben, ihn einen "braunen Historiker" zu nennen - trotzdem blieb er nach 1945 im Gegensatz zu manchen weit schwerer belasteten Kollegen dauerhaft von seinem Lehrstuhl suspendiert. Das hat Wilhelm nie verwunden.

Sein 15 Jahre jüngerer Cousin Wolfgang A. gehörte der NSDAP bereits seit 1937 an. Im Zweiten Weltkrieg war er unter anderem für den so genannten Archivschutz tätig, der im besetzten Osteuropa historische Aktenbestände plünderte. Später schrieb Wolfgang A. Mommsen: "Einen ausgesprochenen Kulturraub habe ich im Osten nicht beobachten können - vielleicht deshalb, weil im Osten kaum etwas Mitnehmenswertes da war." Neuere Forschungen erweisen diese Darstellung als apologetisch. Wolfgang A. hat seine Verstrickung nicht geschadet; er sicherte die Akten der Nürnberger Prozesse für die Wissenschaft, baute dann ab 1952 das Bundesarchiv in Koblenz mit auf und leitete es von 1967 bis 1972 als Präsident.

Einen anderen Weg ging der dritte Cousin, Theodor E. oder "Ted". Der gelernte Mediävist emigrierte 1936 in die USA, lehrte an der Yale University, musste aber 1942 als "feindlicher Ausländer" eine Stelle als Lateinlehrer annehmen. Erst 1946 kehrte er in die akademische Laufbahn zurück und wurde 1954 ordentlicher Professor an der Cornell University. Ted nahm sich 1958 das Leben.

Seine Brüder Konrad und Ernst Wolf schlugen ziemlich entgegengesetzte Wege ein. Konrad arbeitete für den Filmhersteller Agfa und erhielt 1943 wegen Unterstützung versteckt lebender Juden eine siebenmonatige Haftstrafe und Berufsverbot. Ernst Wolf dagegen, der jüngste, wurde Hauptabteilungsleiter im Rüstungsministerium von Albert Speer und machte nach 1945 Karriere in der Schwerindustrie. Unter anderem gehörte er dem Vorstand von Klöckner an und war Chef der Thyssen-Röhrenwerke. 1966 schickte Ernst Wolf Mommsen seinen Dienstwagen, um Albert Speer nach seiner Entlassung aus dem Spandauer Kriegsverbrecher-Gefängnis abzuholen, und blieb seinem ehemaligen Chef eng verbunden. Andererseits wurde Ernst Wolf 1970 Staatssekretär im Verteidigungsministerium unter Helmut Schmidt und wechselte mit ihm 1972 ins zusammengelegte Wirtschafts- und Finanzministerium. Danach leitete er bis zur Pensionierung den Krupp-Konzern.

Auch die vierte Mommsen-Generation strebte ins akademische, speziell geisteswissenschaftliche Feld - vor allem die Söhne von Wilhelm. Der jetzt verstorbene Wolfgang J. gehörte zu den wichtigsten deutschen Experten für den Wilhelminismus und den Ersten Weltkrieg; seine beiden letzten Bücher behandelten die Verantwortung für den Kriegsausbruch und die Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft.

Sein Zwillingsbruder Hans ist führender NS-Experte seiner Generation und hat die bundesdeutsche Zeitgeschichtsforschung wesentlich mitgeprägt.

Beide stellten sich, politisch linksliberal und von polemischem Naturell wie Theodor Mommsen, schützend vor den eigenen Vater und auch vor ihre Lehrer Theodor Schieder, Werner Conze und Hans Rothfels, als vor wenigen Jahren jüngere Historiker sie wegen angeblicher oder tatsächlicher Verstrickungen ins NS-Regime attackierten. Die teilweise noch andauernde Debatte um Historiker im Nationalsozialismus zeigt, wie schmal die Grenze zwischen Anpassen und Profitieren während des Dritten Reiches war.

Der älteste Bruder von Wolfgang J. und Hans, Karl Mommsen, lehrte in Basel bis zu seinem frühen Tod 1976 Regionalgeschichte; der drei Jahre ältere Friedrich Jens wirkte bis zur Pensionierung als Pfarrer in Marburg. Ihr Cousin zweiten Grades Hans forscht als Physiker an der Universität Bonn. Die fünfte Generation der Familie - allein Wolfgang J. hinterlässt vier Kinder - hat sich noch nicht öffentlich profiliert, was aber noch kommen mag.

Die Mommsens können, obwohl sie im 19. und 20. Jahrhundert so kontinuierlich präsent waren wie sonst wohl nur noch die Weizsäckers, als exemplarisch gelten: Vom Liberalismus der 1848er Revolution über den Wilhelminismus, die Republik und das Dritte Reich bis in die Bundesrepublik hat diese Familie öffentlich gewirkt. Sie sind eine der wenigen bürgerlich-intellektuellen Dynastien Deutschlands.