Eine Liebe im Juli 1944

Ingrid von Langenn-Steinkeller ist 19, als sie Hans-Ulrich von Oertzen kennen lernt. 240 Liebesbriefe wird sie in den beiden folgenden Jahren von dem jungen Offizier erhalten - und ihn im März 1944 heiraten. Was sie nicht weiß: Ihr Mann steht im Zentrum der Verschwörung gegen Hitler

Die Neumark ist ein karger Landstrich östlich der Linie Schwedt-Küstrin, in dem viele Adelsfamilien ihre Landgüter besitzen. Am 2. August 1942 ist die 19-jährige Ingrid von Langenn-Steinkeller zum Kaffeetrinken eingeladen. Sie war verlobt mit einem der Söhne vom Nachbargut, der aber früh im Krieg fiel. Die "Schwiegereltern" halten weiter Kontakt, sie mögen die junge Frau. Ingrid weiß, dass an diesem Nachmittag auch ein junger Offizier zu Besuch ist, der gerade seinen Generalstabslehrgang beendet hat. "Ich stand auf der Terrasse, als er aus dem Haus kam. Er war mir gleich sympathisch", erinnert sie sich. Nach dem Kaffee gehen beide spazieren. Sie wirken fast wie ein Paar. Ingrid ist sehr zierlich, und der 27-jährige Hans-Ulrich von Oertzen nur wenig größer als sie. "Er erzählte mir gleich vom frühen Tod seiner Mutter, an der er sehr hing." Die Vertrautheit erscheint Ingrid ungewöhnlich. Sie ist ihr aber nicht unangenehm. Beide versprechen, sich zu schreiben. Es werden 240 Briefe, die von Oertzen in den folgenden fast zwei Jahren schickt. Er vermischt darin sachliche Berichte vom Armeealltag mit ironischen Beschreibungen über die Umstände des Krieges. Und er macht sich Gedanken um die gemeinsame Zukunft. Mit keiner Silbe deutet von Oertzen je an, wie er sich dem militärischen Widerstand widmet. Und doch lässt sich sein Weg dorthin in den Liebesbriefen erahnen.

Die förmliche Anrede "Liebes gnädiges Fräulein" wird schnell von einem vertrauten Ton abgelöst. Er nennt die eifrige Pilzsammlerin "Amanita", die lateinische Bezeichnung für einen Fliegenpilz, die aber Glückspilz bedeuten soll.

Liebe dufte Forst-Amanita! Im Wald muss sie herumlaufen? Und frieren dazu? Es ist schon ein Jammer. Wir denken hier immer fast, wir wären die einzigen, die frören. [...] Aber immer noch besser frieren und im Walde herumlaufen, als von den neuen Bestimmungen aus dem seeligen Nichts herausgerissen werden und im Sinne des totalen Krieges eingesetzt zu werden. Diese Bestimmung war schon lange einmal nötig, denn wie viele Menschen hatten immer noch Zeit, ganze Vormittage lang nach Kino-Karten anzustehen. [...] Es ahnt ja auch wirklich keiner, wie wild hier draußen gespielt wird. In Wort und Bild lässt es sich nicht schildern. Allein schon deswegen, weil die, die das Schlimmste erlebten, darüber nicht mehr berichten können. (Brief vom 3. 2. 1943)

Zunächst war von Oertzen, der am 6. März 1915 in Berlin geboren wurde, wie viele seiner Generation mit den Idealen der Jugend in den Krieg gezogen. Er stammte aus einer bekannten Adelsfamilie, in der ein militärischer Beruf zur Tradition gehört. Sein Vater starb als Offizier im Ersten Weltkrieg. Die Mutter zog den Jungen allein auf dem Gut ihres Bruders im mecklenburgischen Ort Rattey groß. Später ging sie als Malerin nach Berlin, während der Sohn auf das bekannte Gymnasium Salem am Bodensee wechselte. Gleich nach dem Abitur im Jahr 1933 startete er eine militärische Ausbildung, die ihn zum Generalsstab der Heeresgruppe Mitte führt. Von dort schreibt er Ingrid:

Meine liebe Amanita! Ich nehme bereits die Allüren eines großen Stabes an - dazu gehört auch, dass der "Alabaster"-Körper richtig gewaschen ist -, ich stolziere schwer beschäftigt in der Gegend herum, und mein Gesicht beginnt durch die durchgeistigte Blässe der steten Nachtarbeit interessant zu wirken. Das Auge erhält den stechenden Friedericus-Blick, und der Rücken krümmt sich in verhaltenem Zorn. Von Dir muss ich natürlich nun auch erwarten, dass Du den ländlichen Ton eines bäuerlichen Forst-Eleven in die zartbesaiteten Sphärentöne eines sittlichen Burgfräuleins verwandelst. (Brief vom 3. 3. 1943) Im Stab trifft er auf den 14 Jahre älteren Henning von Tresckow. Der Offizier, den die Gestapo später abschätzig als "Treiber und bösen Geist des Putschistenkreises" bezeichnet, besitzt Charisma. Seine anfängliche Sympathie für den Nationalsozialismus ist einer zunehmend ablehnenden Haltung zum Krieg und zur Führung gewichen. Das färbt auf die jungen Stabsoffiziere um ihn herum ab. Auch auf Hans-Ulrich von Oertzen.

"Die Seele der ganzen Abt. Ia ist mein unmittelbarer Vorgesetzter Oberst von Tresckow. Ich weiß nicht, ob Du ihn kennst? Er ist nicht nur der Typ eines Generalstabsoffiziers, sondern darüber hinaus noch ein Kavalier der alten Schule und ein ganz besonders liebenswerter Kamerad. Ich bin sehr froh, bei ihm gelandet zu sein, denn ich lerne hier nicht nur sehr viel und sehe auf Grund meiner Stellung in alle Zusammenhänge und Ereignisse des Ostkriegsschauplatzes hinein, sondern er macht einem die schwere Arbeit und das häufig saure Brot leichter und erträglicher." (Brief vom 6. 3. 1943)

Von Tresckow stammt wie Ingrid aus der Neumark, seine Eltern besitzen ein Gut in Wartenberg nicht weit weg von Bellin. Und sie kennen Ingrids Vater. Wohl deshalb kümmert sich Tresckow besonders um von Oertzen, der zu seinem engsten Vertrauten wird. "Er hat Oertzen ganz nahe an sich rangezogen", notiert Tresckows Ordonnanzoffizier Fabian von Schlabrendorff. Der junge Oertzen ist beliebt. Seine Offizierskollegen schätzen seine organisatorischen Fähigkeiten, die Hilfsbereitschaft und sein Improvisationsvermögen.

Ingrid mag dagegen andere Qualitäten an Hans-Ulrich. Sie mag seine leuchtenden Augen. Ihr gefällt, dass er lebensfroh und selbstbewusst ist, aber auch Schwächen zugibt, dass er kindlich albern sein kann, aber sich auch ernsthaft Gedanken um sie macht. Einmal schreibt er über ihre Beziehung: "Mir entsteht ein Zuhause, eine Heimat - Begriffe, die ich lange nicht kannte." Beide ergänzen sich. Wo er nüchtern die Welt betrachtet, äußert sie Gedanken, die er als Bereicherung empfindet. Als er lange nicht auf ihre Schilderungen eingeht, schreibt Ingrid von "kleinen Nussschalen", die ihre Briefe seien, und die es daher schwer hätten, zu ihm vorzudringen. Von Oertzen antwortet:

"Wie konnte ich nur ahnen, dass Dir Deine Briefe wie Nussschalen vorkamen, die den breiten Fluss zwischen dem Erlebten an der Front einer- und der Heimat andererseits kaum überschreiten könnten. Daran habe ich nie gedacht. [...] Und ich kann Dir versichern von ganzem Herzen: Nie habe ich diese Brücke zwischen den beiden Ufern so dankbar empfunden, als durch Deine Briefe vermittelt. Es sind wirklich keine Nussschalen, die bei mir ankommen. Nein - es ergießt sich mit jedem Brief ein solcher Strom des Glücks über mich, wie er nur über eine zeitweilig gesperrte Brücke fließen kann. Glaube nicht, dass ich übertreibe. Dazu sind wir alle hier draußen zu nüchtern geworden. Ja, ich habe früher nie an die Notwendigkeit einer Brücke geglaubt. Ich sah gar keinen Fluss, sehe aber nun nach Überlegung ein, dass ich die Augen nicht voll aufgemacht habe." (Brief vom 3. 2. 1943)

Im Mai 1943 bei einem Besuch verloben sich beide heimlich, denn Ingrids Vater ist über die Beziehung in Kriegszeiten nicht sehr begeistert. Hinter ihrem Rücken erkundigt er sich bei Tresckow über den Freund seiner Tochter.

Mein über alles Geliebtes! Gestern Abend war ich bei Tresckow zu einer zweistündigen dienstlichen Besprechung über viele Fragen meines Arbeitsgebietes. Als ich am Ende war, hielt er mich zurück. [...] Er erzählte mir, dass sich Dein Vater nach mir erkundigt hätte. Er hätte ihm ein klares Bild von mir gegeben mit Stärken und Schwächen. Gesamturteil: "Geeignet". (Brief vom 20. 6. 1943) Von Oertzen kündigt an, dass er im Urlaub, dem Tresckow ihm angeboten habe, offiziell um ihre Hand anhalten wird. Doch noch ist das Eis nicht gebrochen. Tresckow, der seinen jungen Offizier als "unglaublich ehrgeizig" einschätzt, lässt die Befürchtungen von Ingrids Vater durchblicken, als er anmerkt: "Man heiratet ja nicht allein eine Frau, sondern auch ihr ganzes "Drum und Dran' und ihren Besitz." Von Oertzen ist entsetzt. Er schreibt:

"Sollte in mir überhaupt nur die Andeutung zu einer derartigen Absicht vorliegen, dann möchte ich in den Boden versinken. Ich will gar nicht nach Gegengründen suchen, aber doch anführen, dass es in der heutigen Zeit überhaupt nicht abzusehen ist, ob es nach Ende des Krieges noch Besitz und Eigentum gibt." (Brief vom 25. 6. 1943)

Ende Juli 1943 wird Tresckow in die "Führerreserve" versetzt. Er nutzt die Gelegenheit, um mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg in Berlin an den so genannten "Walküre"-Plänen für einen Staatsstreich zu arbeiten. Doch von Oertzen ist betrübt:

"Meine über alles geliebte Amia! Heute ist nun Tresckow abgefahren. Mir scheint es fast, als wenn ich mich von ihm durch sein Weggehen weniger getrennt hätte, als dass ich ihm vielmehr näher gekommen bin. Jetzt, da das dienstliche Verhältnis nicht mehr zwischen uns steht, tritt die persönliche Bindung zu ihm viel mehr in den Vordergrund. Ich verdanke ihm unendlich viel. Wenn er in Eurer Nähe ist, musst Du ihn unbedingt aufsuchen und ihm für alles danken, was er für uns und auch für mich persönlich getan hat. Ich habe mir an ihm und seiner Arbeit ein Beispiel genommen und werde versuchen, aus dem Willen seiner starken Persönlichkeit einiges für mich zu ernten. Muss ich es doch einem gütigen Schicksal zuschreiben, dass ich in seinen engeren Stab gekommen bin. (Brief vom 28. 7. 1943)

Welches Schicksal ihnen bevorsteht, ahnt Ingrid beim Lesen dieser Zeilen nicht. Im September 1943 will das Paar eigentlich drei Wochen Urlaub auf dem Gut des Vaters machen. Doch bereits nach fünf Tagen muss von Oertzen überraschend nach Berlin.

Inzwischen hat sich aber das Verhältnis zu Ingrids Vater nach einer offenen Aussprache entspannt. Am 26. März 1944 findet in Bellin die Hochzeit statt - knapp drei Monate vor jenem 20. Juli, der Geschichte schreiben wird. Von Oertzen ist daran maßgeblich beteiligt. Seine Heirat soll ein Zeichen sein, dass er fest an das Gelingen des Attentates auf Hitler glaubt. Denn er weiß, dass beim Misserfolg den Angehörigen "Sippenhaft" droht. Möglicherweise bietet die enge Bindung zu seiner Frau ihm den Halt, den er braucht, um den Mut für seine Tat aufzubringen. Fotos von der Hochzeit zeigen eine ausgelassene Gesellschaft, aber auch einen ungewöhnlich ernsten Hans-Ulrich von Oertzen. "Sein Gesicht war gespannt und blass, seine Lippen schmaler", erinnert sich eine Verwandte.

Tresckow ist nicht zur Feier gekommen, doch er schickt wenige Tage zuvor einen erstaunlichen Brief an die Braut:

"Liebe gnädige Frau, am Hochzeitstage werde ich in herzlichen Gedanken teilnehmen, mit aufrichtigen und treuen Wünschen für Ihr und Ihres Mannes Zukunft und Ihrer beider Glück. Sie wissen, wie sehr ich an dem Glück Ihres Mannes teilnehme, denn er ist mir in der gemeinsamen Arbeit ans Herz gewachsen wie ein Bruder. Glückwunsch zu Ihrem Mann! Er verbindet ein frohes Herz mit einem hohen reinen Gedankenflug wie nur sehr wenige seiner Altersklasse. Und Sie heiraten einen wahren ,Ritter ohne Furcht und Tadel'. [...] Ihr Ihnen treu ergebener Henning Tresckow." (Brief vom 21. 3. 1944)

Das junge Paar reist in die Flitterwochen nach Wien. Sie besuchen das Theater und die Reitschule, fast erinnert nichts an den Krieg. Reiten ist von Oertzens große Leidenschaft aus Friedenszeiten, wie überhaupt der Sport. Er hat sogar an Autorennen teilgenommen.

Nach dem Urlaub tritt er eine neue Stelle an der Ostfront an als Ia der Korpsabteilung E der 2. Armee. Chef des Stabes ist sein alter Bekannter Henning von Tresckow. Von Oertzen gefällt die neue Stellung als Operationsoffizier. Ihm liegt das selbstständige Handeln, die Möglichkeit, Entschlüsse zu fassen. Doch er vermisst auch seine junge Frau.

"Mein geliebtes Amialein! Das Wetter ist in den letzten Tagen wieder recht kühl geworden mit starkem Westwind. Es könnte langsam schon wärmer sein! Der Frühling macht sich noch kaum an den Knospen bemerkbar. Dabei fällt mir unser Wunsch ein, einmal einen Frühling gemeinsam verleben zu dürfen!" (Brief vom 27. 4. 1944)

Im Juli 1944 erhält Ingrid von Oertzen den letzten Brief von ihrem Mann. Er schreibt von Luftangriffen russischer Flieger und hat für den Besuch eines Parteifunktionärs nur Spott übrig.

Meine geliebte Amia! Anliegend schicke ich Dir die Rede eines bei uns umherwandernden Reichsredners. Sie war von so überzeugendem Optimismus getragen, dass man sich darüber nur freuen konnte.[...] Die Rede klärte auch mehrere bisher mir nicht geläufige Fragen, wie es nach dem Endsieg aussehen würde." (Brief vom 2. 7. 1944)

Tage später ruft ihr Mann an. Er habe dienstlich in Berlin zu tun und würde sich freuen, wenn sie käme. Sie sieht ihren Mann nur abends, wenn er kaputt von der Arbeit kommt. Sein Standardsatz zur Begrüßung lautet: "So jetzt machen wir eine Stunde in Familie und schalten ab." Eines Abends fragt sie ihn, was er eigentlich macht. Von Oertzen zögert, spricht ausweichend von der Gestapo, die ihr gefährlich werden könnte, will dann aber doch reden, worauf Ingrid abwiegelt. Sie ahnt schon länger etwas. Ihr fällt ein Besuch bei Tresckow ein. Seine Frau hatte zu ihr gesagt: Mein Mann ist dankbar, dass Ihr Mann sich so selbstlos in unsere Interessen stellt." Als Frau Tresckow merkte, dass Ingrid nicht wusste, um was es geht, wechselte sie das Thema.

Am 20. Juli 1944 hört Ingrid von Oertzen im Rundfunk vom Attentat auf Hitler. Sie bringt das zunächst nicht mit ihrem Mann in Verbindung. Auch nicht, als er abends anruft und sagt, er könne wegen der Ereignisse nicht kommen. Am 21. Juli 1944 früh meldet er sich erneut: "Ich bin mit dem Attentat in Verbindung gebracht worden, habe damit aber nichts zu tun - fahre bitte zu Deinem Vater." Das sind die letzten Worte an sie.

Die Einzelheiten seiner Widerstandsarbeit hört sie erst viele Jahre später. Ingrid von Oertzen erfährt, dass ihr Mann zu den Offizieren gehörte, die Hitler bereits im März 1943 beim Besuch der Heeresgruppe Mitte mit Pistolen erschießen wollten, dass er im September 1943 in Berlin mit Stauffenberg die wichtigen Befehle für den Tag X schrieb, dass er im November 1943 in Minsk half, Sprengstoff für eine Bombe zu besorgen, dass er im Juli 1944 von Berlin aus die Einsatzbereitschaft von Truppen inspizierte.

Das Ende des Staatsstreichs war auch das Ende der Liebesgeschichte, die zwei Jahre zuvor auf einem Gut in der Neumark begonnen hatte. Geblieben sind Ingrid von Oertzen, die heute Simonsen heißt, die Erinnerung, 240 Briefe, einige Fotos und ein kleines schwarzes Lederportemonnaie, in dem sich ein Zettel mit dem Trauspruch befindet. Außen trägt es die Spuren von der Sprengladung, mit der sich ihr Mann Hans-Ulrich von Oertzen am 21. Juli 1944 das Leben nahm. Noch heute sagt die inzwischen 82-Jährige: "Wie ich ihn gekannt habe, hätte er nicht so gehandelt, wenn es nicht notwendig gewesen wäre."