"Im Gebirge wandernd sich verjüngen"

Irgendwann im Sommer 1905 verlegte der Professor aus Berlin seine Experimente von der Uni in die Berge. Nathan Zuntz hatte beschlossen, seine Studenten wandern zu lassen, um neue Erkenntnisse über Blutdruck und Stoffwechsel zu gewinnen. Er trug ihnen auf, akribisch festzuhalten, wie sich ihre Körper während der Tour durch die Alpen veränderten. Die wissenschaftliche Neugier des Professors machte dabei selbst vor den Ausscheidungen seiner Studienobjekte nicht halt.

Seine Ergebnisse waren dafür entsprechend sensationell. Sie bewiesen das, was der Volksmund schon immer behauptet hatte: "Wandern ist gesund." Vor allem in der sogenannten mittleren Höhe zwischen 1000 und 2500 Metern wirkt es wie ein Jungbrunnen. Dort ist die Luft dünner als in der Ebene, der Körper muß mehr Leistung bringen, der Organismus stellt sich in etwa anderthalb Tagen um. In seinem Standardwerk "Höhenklima und Bergwanderungen in ihrer Wirkung auf den Menschen" ermutigte Zuntz seine Leser, die Vorgänge kennenzulernen, "die in ihnen selbst sich abspielen, während sie im Gebirge wandernd sich verjüngen". Selbst das unvergleichliche Glücksgefühl nach dem Erreichen eines Gipfels und die Schönheit der Landschaftsbilder beim Wandern hat Zuntz schon damals, vor 100 Jahren, beschrieben.

Jahrzehntelang wußte man kaum noch etwas von dem Forscher. Heute werden die Lehren des Nathan Zuntz wiederentdeckt. Auf den Spuren des Wanderforschers haben die Wissenschaftler Hanns Christian Gunga und Egon Humpeler das Präventionsprogramm "Welltain" entwickelt - der Name ist eine Verkürzung des Konzepts "Wellbeing in the Mountain". Die Kombination aus Bergwandern und medizinischen Untersuchungen wird im österreichischen Lech am Arlberg angebotenen. "Nathan Zuntz ist der Urgroßvater von "Welltain'", sagt Gunga, ein Arzt und Geologe an der Freien Universität Berlin, der 1989 über "Leben und Werk des Berliner Physiologen Nathan Zuntz" promovierte. "Wir greifen seine Forschungen auf und führen sie fort. Er wußte schon damals, was wir heute verkünden: der Urlaub ist ursprünglich eine Gesundheitsmaßnahme."

Der österreichische Höhenforscher Egon Humpeler ist seit Jahren mit Probanden im Gebirge unterwegs. Er sagt: Bergwandern führe während eines Zwei-Wochen-Urlaubs automatisch zur Gewichtsabnahme von zwei bis drei Kilo, normalisiere den Blutdruck und baut Streß ab. Der Sauerstofftransport im Blut werde verbessert, mehr rote Blutkörperchen entstehen und machen Körper und Immunsystem stark. Sämtliche Stoffwechselvorgänge werden optimiert, das Schlafverhalten begünstigt, der natürliche Muskelaufbau verstärkt.

Doch wie konnten die Erkenntnisse des Nathan Zuntz überhaupt verloren gehen? Zuntz, der einer alten jüdischen Familie entstammte und sich so stark assimiliert fühlte, daß er mit seiner Familie 1880 zum protestantischen Glauben übertrat, hat das Vergessen seines Lebenswerks nicht miterlebt. Er starb 1920 auf der Höhe eines erfüllten Forscherlebens im Alter von 73 Jahren. Doch unter der Nazi-Herrschaft wurde fast seine gesamte Familie in den Gaskammern ermordet.

Zuntz selbst litt schon früh unter antisemitischer Ablehnung, obwohl er als beliebter Professor galt, der vom Katheder herabstieg und die enge Verbindung von Theorie und Praxis suchte. Bereits mit 21 Jahren promovierte er in seiner Geburtsstadt Bonn "summa cum laude" zum Doktor der Medizin. Mit 34 Jahren wurde er als ordentlicher Professor an die Königlich Landwirtschaftliche Hochschule Berlin berufen. 1906 ernannte ihn Wilhelm II zu deren Rektor und schmückte ihn für herausragende Forscher- und Lehrtätigkeit vom Kaiser mit dem Titel "Geheimer Regierungsrat". 1916 kam noch das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse dazu. Der Weg an die Universität blieb Zuntz jedoch versperrt. "Er nahm es als Schicksal hin, daß der Antisemitismus sich seinen Wünschen entgegenstemmte", schrieb seine Tochter Julie über den Vater.

Nathan Zuntz hat sich trotz seiner Erkenntnisse über ein gesundes Leben selbst nicht geschont. Radikal hat er sein Leben der Forschung verschrieben. Er arbeite 18 Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Wie er das Leben mit seiner geliebten, früh verstorbenen Frau Friederike, und den drei Kindern mit dem Beruf verband, bleibt ein Rätsel. Der Mann von zarter Konstitution ging auch Selbstversuchen nicht aus dem Weg. Als er, dessen Ruf als Ausnahme-Wissenschaftler bis in die USA gedrungen war, dort bei einem mehrmonatigen Studienaufenthalt von einem Pestlabor hörte, wollte er hinein. Man warnte ihn, er ließ sich nicht abschrecken. Danach bekam er hohes Fieber. Es war nur eine Grippe.

Auch bei seinen Wanderungen ging er bis an die Grenze seines Leistungsvermögens, um zu testen, was ein Mensch schaffen kann. Nach der mittleren Höhe wandte er sich auch größeren Höhen zu, Regionen mit Permafrost und eisigen Winden. Er nahm größte Strapazen auf sich, bis er zusammenbrach. Zuntz' Kollege, der Physiologe Arnold Durig, schrieb in seinem Nachruf: "'Ich bin so müde, laß mich sterben', sprachst du damals am oberen Grenzgletscher zu mir. Dies war wohl das erste Anzeichen eines beginnenden Versagens deines Herzens."

An einem geschwächten Herzen ist Nathan Zuntz gestorben. Er hinterließ 700 wissenschaftliche Arbeiten und mehrere Bücher, auch zur Luftfahrtmedizin, als einer deren Begründer er gilt, und zur Tierphysiologie. Sein Beitrag "Untersuchungen über den Stoffwechsel des Pferdes bei Ruhe und Arbeit" ist noch in jedem Lehrbuch der Veterinär-Physiologie zu finden - und sein Laufband, das er für seine Forschungen erfand, könnte als Vorläufer heutiger Fitneßgeräte gelten. Seine Untersuchungen zur Belastung deutscher Soldaten auf Märschen oder zur "Volksernährung in der Kriegszeit" wurden zur Pflichtlektüre im Ersten Weltkrieg. Aber sein Standardwerk über die Effekte des Bergwanderns, ein Wälzer von mehr als 500 Seiten und mit erstaunlichen Tabellen, begründet bis heute seinen Ruhm.

Das Herz werde am Berg größer, führt er in einem der Kapitel aus. "Der Herzmuskel verhält sich hier wie jeder andere Muskel, der ja gleichfalls durch gesteigerte Arbeit zum Wachstum angeregt wird. Diese Vorgänge erfordern jedoch Zeit." Nathan Zuntz warnte davor, aus dem Bergwandern eine Heilslehre zu machen. Man solle sich Zeit nehmen, immer wieder in die Berge gehen und dann ließe sich bei trainierten Menschen anhand von Röntgenaufnahmen, heute Ultraschall, beweisen, "wie leicht beeinflußbar die Größe des Herzens ist."