Fünfundzwanzig Sonntagsfragen an Cherno Jobatey, TV-Moderator

Moden kommen und gehen. Bei ihm nicht. Auf zwei Dinge kann man sich bei Cherno Jobatey seit vielen Jahren verlassen: Seine Frisur und seine Füße. Der Mann trägt Zopf. Immer. Und Turnschuhe (Größe 48,5) zum Boss-Anzug. Das modische Konzept erinnert ein bißchen an das von Einstein, der ja für jeden Tag ein bestimmtes Outfit hatte, so daß er sich nie Gedanken darüber machen mußte. Nur von seinem dritten Markenzeichen, dem Übergewicht, hat sich Fernsehmoderator Cherno Jobatey, 39, inzwischen verabschiedet. Seit 1992 ist er beim ZDF-Morgenmagazin. Er war Moderator der Talkshow "Cherno", der Sendung "Verstehen Sie Spaß?", und er schrieb Konzertkritiken für den "Spiegel" und die "Zeit". Da kennt er sich aus, schließlich trat der Diplom-Gitarrist selbst jahrelang in Berlin mit seiner Band "Cherno & die Groove-Gangster" auf. Als ältestes von drei Geschwistern wurde Jobatey in Berlin-Charlottenburg geboren. Dort lebt er noch heute. Sein verstorbener Vater stammte aus Gambia und kam in jungen Jahren als Schiffskoch nach Deutschland. Er lernte Cherno Jobateys deutsche Mutter in Berlin kennen. Sie kann sehr gut kochen, sagt Jobatey über sie. Vielleicht zu gut: Bis vor ein paar Jahren wog er bei einer Größe von 1,90 Meter 125 Kilo. Er hat dann 35 Kilo abgenommen und darüber ein Buch geschrieben: "Fit wie ein Turnschuh" (Knaur). Der Name Cherno bedeutet auf gambisch übrigens "gebildeter, weiser Mann".

Heute ist Sonntag

Wo wachen Sie auf?

Zu Hause hier in Berlin - der großartigsten Stadt, die ich kenne.

Was liegt auf dem Nachttisch?

Drei Wecker, schließlich bin ich ja "Schichtarbeiter" - und ich darf wirklich nie verschlafen!

Und wer liegt neben Ihnen?

Irgendwo zwischen all den Weckern meine Lebensgefährtin.

Was fehlt zu Ihrem Glück?

Daß die Hautfarbe eines Menschen auf diesem Planeten endlich genauso wichtig ist wie die Farbe seiner Augen.

Sind Sie ein Sonntagskind oder haben Sie sich erkämpft, was Sie sind?

Wer wie ich aus dem Charlottenburger Klausener-Platz-Kiez kommt, mußte sich alles erkämpfen, dem wurde eigentlich nichts geschenkt. Aber so weiß man wenigstens, was man ist und hat und warum. Ich möchte die Erfahrungen auf dem Sozialamt nicht missen, das lange Warten und die Behandlung auf dem Bafög-Amt.

Sonntagsläuten

Wenn ich es höre, denke ich...

An meine lustigen Kindergottesdienste.

Und welche Musik werden Sie heute hören?

Beim morgendlichen Joggen um Schlachtensee und Krumme Lanke rappt Tupac Shakur in meinem iPod, zum Frühstück dann Bach und danach wahrscheinlich irgendwann wie immer: Jimi Hendrix.

Wann haben Sie zuletzt gebetet? (Verraten Sie uns, um was?)

Richtig doll gebetet habe ich bei der letzten Fußball-WM, damit Deutschland ein bißchen mehr als eine kleine Chance hat gegen die Ballzauberer aus Brasilien.

Gott ist...

Ich würde gern mit Einstein antworten, der oft grübelte, "ob Gott bei der Erschaffung der Welt eine Wahl hatte". Das Genie war sich aber "sicher, daß der nicht würfelt". Fasziniert hat mich bei dieser Sinnfrage immer die Replik Stephen Hawkings: "Natürlich würfelt Gott, aber er läßt die Würfel dahin rollen, wo sie niemand sehen kann."

Der Mensch ist...

Nicht das zufällige Produkt der Evolution. (Benedikt XVI.)

Sonntagsbraten

Der Duft löst bei mir...

Absoluten Hunger aus. Ich war immer ein dickes Kind, in der Schule nannten sie mich "Jumbotey", und ich habe alles weggefuttert, was da war. Schmeckte ja auch so lecker. Ich glaube fast, mir fehlte das "Sättigungs-Gen". Ich war einfach nie satt.

Familie ist...?

Kernzelle von allem, das wichtigste Kraftwerk im Leben, ohne die es nicht wirklich gut geht.

Heimat ist...?

Der Fleck Erde, für den das Herz schlägt, bei dem man sich einfach gut fühlt.

Deutschland bedeutet mir...?

Ein Land, in dem alles möglich ist. Wenn man nur ordentlich will und ein Nein nicht für ein Nein nimmt. Dazu noch Glück, Zufall und harte Arbeit, dann sind wahre Wunder möglich. Putzfrauensöhne werden Kanzler, Flüchtlingskinder Präsidenten.

Wen laden Sie zu Ihrem letzten Mahl ein, und was wird serviert?

Die erweiterte Familie und alle Freunde, und wir, genießen dann, jeder mit einem Eßlöffel bewaffnet, einen Riesen-Eimer Nutella.

Sonntagsspaziergang

Wohin?

Wie bei vielen gebürtigen Charlottenburgern spielte der Teufelsberg, den meine Großmutter immer nur "Monte Klamotte" nannte, in meinem Leben immer eine große Rolle. Bei unzähligen Wandertagen und sonstigen Schulausflügen bestiegen wir ihn. Im Winter rodelten wir als Kinder runter, im Sommer war das die ultimative Mutprobe mit dem Fahrrad. Meine ersten erfolglosen Snowboardversuche erlebte der Berg, wie auch meine ersten Annäherungsversuche an die Weiblichkeit. Noch heute zieht es mich immer wieder auf den Berg, denn nur hier hat man diesen einmaligen Blick auf Berlin. Hier sieht man kein Ost und West, alle immer noch vorhandenen Grenzen zwischen den verschiedenen Klassen, Religionen und Kulturen verschwimmen, und spätestens da wird einem wieder mal klar, wie großartig Berlin ist. Sollte man je zweifeln oder schlecht drauf sein, dann geht man zum Berg.

Was war der schönste Weg Ihres Lebens?

Der Gang vor der ganzen Schule, um mir mein Abiturzeugnis abzuholen.

Was war der schwerste Weg Ihres Lebens?

Von der Kiez-Grundschule zum vornehmen Neu-Westender Gymnasium. In der Luftlinie waren es wahrscheinlich nur fünf Kilometer und zwei U-Bahn-Stationen. Aber es war der Beginn einer aufregenden Weltreise, die bis heute andauert.

Ihr bester Freund, was macht ihn aus?

Loyalität. Egal, wie das Leben verläuft. Also egal, wie ich drauf bin, was ich mache oder nicht mache, er sagt immer das Richtige und das, seit wir 15 sind. Dazu weiß er all die Dinge, die ich zu Recht vergessen habe. Aber er erinnert mich nicht daran.

Hat Sie einmal jemand gerettet (und wovor)?

Vor gut 15 Jahren kam ich einmal zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort aus der U-Bahn am Zoo. Es war gerade ein Fußballspiel und der Platz auf einmal voller Hooligans. Damals waren Übergriffe auf Nicht-Blonde leider Gottes auf der Tagesordnung. Die Menge sah mich und rannte, ehe ich reagieren konnte, auf mich zu. Ich hätte keine Chance gehabt, wäre nie rechtzeitig weggekommen. Aber einer der wildesten mit einer blonden Stachelfrisur holte irgendwoher einen langen hölzernen Schlagstock, fuchtelte wild in der Gegend rum, haute einem anderen Hooligan ans Bein und brüllte irgendwas. Der Mob war genauso verdutzt wie ich, denn der Stachlige hatte auf einmal eine Polizeiarmbinde deutlich sichtbar über dem Schlagstock. Er rief so was wie: Leute, das Spiel ist doch schöner! Damit nahm er den Leuten den Wind aus den Segeln, lenkte die Aufmerksamkeit ab. Ich machte, daß ich wegkam. Damals wußte ich wenig über Polizeitaktiken, aber ich bin heute noch hochbeeindruckt vom Mut des Mannes. Ich hätte diesem beherzten Beamten gern mal gedankt.

Morgen ist Montag

Was erwartet Sie?

Jede Menge Arbeit.

Woran arbeiten Sie gerade?

An einer politischen Initiative: Jeder müßte Turnschuhe als Arbeitsschuhe tragen. Jeder wäre dann antrittsschnell, spurtstärker, hätte immer jede Menge Profil, ausreichende Seitenstabilität und gute Windschlüpfrigkeitswerte. Das Land wäre spurtstärker, rutsch- und wetterfester und die Krise schon lange vorbei. Man stelle sich das mal bei unseren Politikern vor.

Was können Sie am besten?

Kann ich nicht sagen; hab' mich in langen Jahren an meine fehlerhafte Komplexität gewöhnt.

Was fällt Ihnen schwer?

Im Supermarkt; auf dem Weg zur Obstabteilung oder spätestens auf dem Weg zur Kasse das Durchqueren des schwer verminten Feindeslandes: die Zucker- und Fettabteilung. Denn da sitzen die Kumpels im Regal, die immer zu mir hielten, mich immer trösteten, mit denen ich so viele Jahre verbracht habe, und rufen laut, daß sie mitwollen. Ich muß mir dann immer sagen, daß die Säuselnde, Gurrende, Gutgebaute, Knackig-Knusprige, die da gerade heftig nach mir verlangt, nur eine CHIPSTÜTE ist! Und diese eine CHIPSTÜTE zu verbrennen, bedeutet anderthalb Stunden heftiges Joggen, Cola ist immer noch eine Stunde, eine Schoki immer noch 45 Minuten. Alles, was erfahrene Genießer (und dazu gehöre ich leider) binnen Minuten wegputzen können, summiert sich schnell zu einer Woche Training.

Wen möchten Sie diese Woche auf keinen Fall sehen?

Eben diese Chipstüten!