Die wahre Berliner Bierkultur

Sie gehört zu Berlin wie das Brandenburger Tor. Gelegentlich als altmodisches Touristengetränk abgetan, besitzt diese Bierspezialität jedoch eine anekdotenreiche Geschichte, in der sogar Napoleon eine zentrale Rolle einnimmt.

Berliner Weisse besitzt in der Tat eine lange Tradition. Um ihren bis heute nicht abschließend geklärten Ursprung ranken sich vielerlei Gerüchte. Wahrscheinlich entstand sie bereits im 16. Jahrhundert. Der in der Gegend von Hannover geborene Brauer Cord Broihan kehrte nach einem Aufenthalt in Hamburg 1526 in seine Heimat zurück. Dort versuchte er, das damals sehr beliebte Hamburger Bier nachzubrauen. Sein "Halberstädter Broihan" kam schon bald in ganz Norddeutschland in Mode. Berliner Brauern gelang es schließlich, diese Rezeptur weiterzuentwickeln und ein Weissbier zu brauen, das noch besser schmeckte und bekömmlicher war. Das "Berlinische Weizenbier" war geboren und wurde in einer Urkunde von 1680 zum ersten Mal offiziell erwähnt.

Im 18. Jahrhundert avancierte die Berliner Weisse rasch zum Lieblingsgetränk der Berliner. Spezialbrauereien wie Landré in der Münzstraße oder Breithaupt in der Palisadenstraße brauten ein ausgezeichnetes Bier. Um die Jahrhundertwende kam auf jedes zweite Grundstück in Berlin eine Gaststätte, darunter bis zu 700 Weissbierlokale. Biere der heute so beliebten Pilsener Brauart kannte man damals noch gar nicht. "Janz Berlin war eene Kneipe" und die Weisse fester Bestandteil des Genußlebens der Berliner. Die Wiege der hauptstädtischen Bierkultur ist demnach unbestritten "weiss"!

"CHAMPAGNE DU NORD"

Das besondere Merkmal der Berliner Weisse ist ihre Gärmethode mit Hilfe ausgewählter Milchsäurekulturen zusätzlich zu obergärigen Hefen. Wie beim Champagner wird bei der Gärung die harte Apfelsäure in die sanftere Milchsäure umgewandelt. Aber keine Angst, Sie trinken keineswegs vergorene Milch. Das Ergebnis ist vielmehr ein herrlich erfrischendes, leicht moussierendes und nur zart säuerliches Bier. So wundert es nicht, daß sich die Truppen Napoleons bei Ihrer Ankunft in der preußischen Hauptstadt zu Beginn des 19. Jahrhunderts an den prickelnden Schäumer ihrer Heimat erinnert fühlten und die Berliner Weisse als "Champagner des Nordens" adelten. Ob es den Herstellern in Reims oder Épernay also gefällt oder nicht, Deutschland hat seinen eigenen Champagner, und sein Ursprung liegt in Berlin.

Das Glas war damals breit und hoch, in Wannenform, drei Pfund schwer und faßte über zwei Liter (!) Inhalt. Es mußte mit beiden Händen (Klauen) gehalten werden. Noch heute erinnert die kleinere Version des Klauenglases an diese Zeit. Während des Biedermeier kam der heute weitaus bekanntere elegante Weisse-Pokal in Mode, eine halbkugelförmige, mundgeblasene Schale mit langem Stiel.

PUR ODER MIT SCHUSS - EINE GLAUBENSFRAGE

Den Schuss Sirup im Bier kannte man damals noch gar nicht. Der Brauch, die Berliner Weisse "mit Schuss" aufzugießen, kam erst sehr spät auf. So soll der Berliner Brauer Josty Anfang des 19. Jahrhunderts dem Bier Kräuter beigefügt haben, und Waldmeister war schon lange Zeit als Stärkungsmittel bekannt, das für Tee ebenso verwendet wurde wie für Wein, Liköre und eben Bier.

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts gewann zunächst das Lagerbier und später der Pilsener Biertyp stark an Bedeutung. Der Konsum von Berliner Weisse ging zeitgleich sukzessive zurück. Aus dem einstigen Berliner Volksgetränk wurde so eine auf der Welt einzigartige Bierspezialität, die nur in Berlin hergestellt werden darf. Berliner Kindl, nationaler Marktführer bei Berliner Weisse, bietet diese Spezialität heute sowohl in der klassischen puren Variante als auch in den vorgemischten Geschmacksrichtungen Waldmeister und Himbeere an.

SO SCHMECKT BERLIN!

Liebhaber mischen ihre Berliner Weisse noch heute selbst: Zunächst wird der Sirup eingegossen, ca. 2cl oder ein kleines Schnapsglas pro 0,33l Flasche. Danach wird mit Schwung eine halbe Flasche Weisse eingeschenkt. Wie beim Champagner braust die Weisse lebhaft auf. Der Rest der Flasche wird schließlich langsam nachgefüllt. So entsteht eine herrliche Schaumkrone, die sich aufgrund der nur schwach ausgeprägten Proteinstruktur jedoch wieder verflüchtigt. Kenner probieren gern auch eigene Kreationen aus und mischen ihre Weisse mit Sekt oder Likör, zum Beispiel mit Creme de Cassis als "Weisse Royal". Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Egal ob pur, rot, grün oder eben doch ganz anders: Entgegen anderslautender Ratschläge gehört ein Strohhalm nicht hinein, schließlich handelt es sich hier nicht um eine Limonade!

Berliner Weisse steht als kalorienarmes Sommergetränk mit deutlich weniger Alkohol als bei vergleichbaren Bieren heute voll im Zeichen der Zeit und begeistert seine Anhängerschaft mittlerweile von der Nordseeküste bis zu den Alpen, und sogar bis nach Amerika. Im Gegensatz zu vielen bunten Produktneuschöpfungen aus der Retorte handelt es sich hierbei um ein echtes Original, das mit Fug und Recht von sich behaupten kann: "Ich bin ein Berliner".