Für Exotik waren die Hauptstädter stets zu haben. Als 1883 im Zoologischen Garten aus Asien herbeigeschaffte Mongolen-Familien den Besuchern des Tierparks wochenlang ihr karges Steppenleben "vorspielten", strömten am ersten Sonntag rund 90 000 Berliner zu dieser "Völkerschau". Ein Jahr später fand in Berlin die sogenannte Kongo-Konferenz der Kolonialmächte statt; prompt "übten sich die Berliner im Vertiefen in afrikanisches Leben, Denken und Fühlen", stichelte der Journalist und Theaterkritiker Heinrich Hart in der "Breslauer Zeitung" und konstatierte: "In Berlin ist das Kolonialfieber ausgebrochen."

Fast sieben Millionen Besucher zog 1896 die "Große Berliner Gewerbeausstellung" im Vorort Treptow an: ein Spektakel voller Exotik, Weltläufigkeit, Kitsch und Größenwahn. Luftaufnahmen zeigen Pyramiden im Wüstensand, Türme eines orientalischen Palastes und Palmen. Dabei war die am 1. Mai eröffnete Ausstellung hauptsächlich eine Leistungsschau der deutschen Industrie.

Kaiser Wilhelm II., der Ideengeber, wollte das 25jährige Jubiläum Berlins als Reichshauptstadt feiern und zugleich alle bisherigen Weltausstellungen überbieten. Deutschland galt seinerzeit als dynamisches Hochtechnologieland, und Berlin als eines der wichtigsten Industrie-, Wissenschafts-, und Dienstleistungszentren Europas. Weil sich aber Handelskammern und Industrielle im Reich gegen das teure Vergnügen aussprachen und der Kaiser kalte Füße bekam, klappte es nicht mit der "Weltausstellung". Durch Privatinitiative und mit - wenn auch nur geringer - Beteiligung der Stadt reichte es schließlich für die Gewerbeausstellung im Treptower Park.

Den Besuchern war das egal. Nach Entwurf von Bruno Schmitz, der später das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig baute, war die große Spielwiese des Parks an der Spree in einen See verwandelt und auf der Rasenfläche nordwestlich davon das Ausstellungsgebäude errichtet worden: 400 Meter lang und 240 Meter breit, mit zwei Türmen von je 56 Metern Durchmesser. Wandelgänge reichten weit in das Gelände, am anderen Ende des Sees entstand als Pendant das Hauptrestaurant mit einem Wasserturm. Von dort aus beobachteten die Speisenden italienische Gondeln. Für den Strom sorgte ein extra gebautes Kraftwerk.

Unternehmen wie "Siemens & Halske", das "Bürgerliche Brauhaus Pilsen" oder die "Breslauer Wurstfabrik" zeigten ihre neuesten Produkte. Auch Otto Lilienthal präsentierte seine Firma und wollte eigentlich dem Publikum praktische Flugversuche demonstrieren. Zu seinem Bedauern durfte er jedoch nur einen Vortrag halten. Die Attraktionen für die Besucher waren jedoch die nachgebauten Stadtszenen aus "Alt-Berlin", der Vergnügungspark, das mit 21 Metern längste Fernrohr der Welt und die Erste Deutsche Kolonialausstellung mit bis zu 30 Meter hohen Pyramiden, einem afrikanischen Dorf, Kamelen und 400 leibhaftigen "Eingeborenen".

Leider war häufig das Wetter mies, und die Gebäude, äußerlich stilvoll, aber einfach gebaut, wirkten laut zeitgenössischen Berichten bereits nach wenigen Wochen etwas heruntergekommen. Nach einem halben Jahr wurde die Ausstellung planmäßig beendet und "Klein-Kairo" abgerissen, denn die völlige Wiederherstellung des Parks nach Ende der Schau war eine Voraussetzung für die Genehmigung seiner zeitweiligen Zweckentfremdung gewesen. Nur die sogenannte Himmelskanone, das 130 Tonnen schwere Riesenfernrohr, gibt es heute noch. Sie steht in der Archenhold-Sternwarte, die damals anläßlich der Ausstellung gebaut wurde.

Trotz des kurzen Gastspiels hatte die Gewerbeausstellung noch ein Gutes. Die Verkehrsanbindung von Treptow ins Berliner Zentrum hatte sich verbessert, dank mehrerer elektrisch betriebener Straßenbahn-Linien, neuen befestigten Straßen, der fertiggestellten Oberbaum-Brücke am Schlesischen Tor und einem eigenen Bahnhof, dem heutigen S-Bahnhof Treptower Park.

"Die Pyramiden vom Treptower Park" sind Thema des Films von Daniel und Jürgen Ast, zu sehen am 15.Dezember, 20.15 Uhr im RBB.

Lars-Broder Keil