Wenn ein Kind stirbt

Trauernde Eltern ringen lebenslang mit ihrem Verlust. Viele leiden zusätzlich am fehlenden Verständnis der Mitmenschen - und immer mehr verarbeiten ihr Leid in Büchern, im Internet und in Selbsthilfegruppen Ich finde meine Tochter eigentlich nicht auf dem Friedhof", sagt Claudia Cardinal, "sondern an ganz anderen Orten".

Trauernde Eltern ringen lebenslang mit ihrem Verlust. Viele leiden zusätzlich am fehlenden Verständnis der Mitmenschen - und immer mehr verarbeiten ihr Leid in Büchern, im Internet und in Selbsthilfegruppen

Ich finde meine Tochter eigentlich nicht auf dem Friedhof", sagt Claudia Cardinal, "sondern an ganz anderen Orten". Ein solcher Ort, an dem sie ihrer verstorbenen Tochter Katharina gedenken kann, ist das Wohnzimmer. "Ich hatte damals ein Bild von ihr auf ein Tischchen gestellt und eine Kerze. Später brachten ihr meine beiden anderen Kinder Gänseblümchen mit oder schöne Steine". Heute sind die Geschwister erwachsen. Katharinas Bild ist noch da. Es steht eine Schale mit Wasser davor, mit frischen Blumen darin.

Katharina war fast sieben, als sie starb, fünf Jahre nach der Diagnose: Leukämie. Katharinas Tod liegt zwanzig Jahre zurück. "Ich höre oft den Satz: "das ist doch schon so lange her', aber das stimmt nicht", sagt Claudia Cardinal. Fast nichts ist mehr wie damals in ihrem Leben. Nur das Bild ihrer Tochter trägt sie immer in sich. "Ich träume jede Nacht vom Tod", sagt sie, "denn der Tod eines Kindes hebt die Zeit auf." Auf die Frage, wie viele Kinder sie hat, antwortet sie: "Drei, und eines davon ist Katharina."

"Ist" - nicht "war" - dieser feine Unterschied trennt die Welt von Eltern verstorbener Kinder von der Welt anderer Menschen. Eine Trennung, die zu überwinden fast unmöglich scheint. "Ein Kind zu verlieren ist eine Erfahrung, die niemand nachvollziehen kann, der es nicht selbst erlebt hat", sagt Petra Hohn, deren Sohn Carsten sich mit 18 Jahren das Leben nahm. Es hat Jahre gedauert, bis sie sich von seinen Sachen trennen konnte - Bilder, Bücher, CDs. "Was er uns hinterlassen hat, ist unendlich viel Liebe", sagt sie heute, "aber wir haben das erst nach und nach so richtig begriffen." Als Carsten starb, dauerte es nur wenige Minuten, bis seine engsten Freunde da waren, "es waren mindestens 20", erinnert sich seine Mutter. Heute sind es diese Freunde, die das Gedenken an den verstorbenen Sohn mitgestalten. "Jedes Jahr feiern wir zusammen seinen Geburtstag. Dieses Ritual ist schmerzlich, aber es tut unendlich gut."

Jährlich sterben in Deutschland etwa 20 000 Kinder. "Die Zahl der Hinterbliebenen geht demnach in die Hunderttausende", rechnet Petra Hohn vor, seit kurzem Vorsitzende des Bundesverbandes Verwaiste Eltern, einem Verein, der betroffenen Eltern Rat und Beistand anbietet. Gegründet wurde er 1997. "Der Verlust eines Kindes und die Folgen sind bis heute ein Tabuthema", kritisiert Petra Hohn. "Es gibt nur wenig spezielle Betreuungsangebote für die Hinterbliebenen, die jedoch im Grunde lebenslang betreut werden müßten."

Denn wissenschaftliche Untersuchungen über die Folgen der Trauer um ein gestorbenes Kind belegen die drastischen Folgen für die Eltern. Das Risiko verwaister Mütter, irgendwann im Leben wegen psychischer Probleme stationär in Behandlung zu kommen, sei um 78 Prozent höher als bei anderen Müttern, ergab eine Studie in Dänemark 2005. Auch die Väter seien betroffen, wenn auch nicht in dem Maße. Laut einer bayerischen Studie steigt die Depressivität von Müttern im ersten Jahr nach dem plötzlichen Kindstod bis auf das Zehnfache an. 2003 hatten deutsche Wissenschaftler belegt, daß sich das Herzinfarktrisiko von Eltern, deren Kind am plötzlichen Kindstod verstarb, um das Fünfeinhalbfache erhöht. Schon länger ist bekannt, daß verwaiste Eltern auch nach zwölf bis 15 Jahren stärkste Trauerreaktionen erleben. Hier sind vor allem Väter gefährdet, die in der unmittelbaren Zeit nach dem Tod das eigene Trauma eher verdrängen.

Inzwischen thematisieren immer mehr verwaiste Eltern ihre Gefühle und Erfahrungen öffentlich. Allein 123 Gedenkseiten für verstorbene Kinder listet die Homepage der Verwaisten Eltern im Internet auf, fast täglich werden es mehr. Ähnlich wie die Straßenkreuze zum Gedenken an Unfallopfer sind diese Seiten erschütternde Orte, an denen Eltern ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Briefe, Gedichte, Fotos stehen neben den tragischen Daten der Lebensläufe, die jäh endeten durch plötzlichen Kindstod, Verkehrsunfälle, unerkannte Krankheiten oder die Folgen scheinbar harmloser Operationen. Unvermittelt gehen Liebeserklärungen in ungestüme Klagen oder verbale Wutanfälle über, in Schuldzuweisungen an Ärzte, Unfallgegner. Die manchmal leise erzählten Geschichten der Eltern über ihren Kampf um den Alltag nach dem Tod des Kindes sind kaum zu ertragen.

Diese virtuellen Friedhöfe unterscheiden sich jedoch in einem Punkt wesentlich von einem herkömmlichen Ort der Stille und Trauer. In der virtuellen Trauergemeinde wird viel kommuniziert. Viele der Homepages beginnen mit der Einleitung, das Gestalten der Seiten sei Teil der Trauerbewältigung. "Es ist das einzige, was wir noch für sie tun können", schreibt eine Mutter, und einige Sätze später: "Ich finde keinen Weg, damit umzugehen". In den Gästebüchern stehen heiße Dankesreden anderer Betroffener, die sich in den offenen Berichten selbst wiederfanden - manchmal nach Jahren vergeblicher Suche nach Verständnis.

Offenbar mangelt es selbst Psychologen und professionellen Seelsorgern an Wissen um die sehr spezielle Situation trauernder Eltern. "Einerseits wird der Tod von Kindern gerade in den Medien permanent dargestellt, etwa, wenn Kinder ermordet werden. Doch im Alltag werden Tod und Trauer tabuisiert", hat Claudia Cardinal festgestellt. "Denn wer will sich schon in der Kaffeepause oder beim Bäcker um die Ecke mit dem Tod befassen?" Für die Trauernden gehe es aber genau darum: daß die damit zusammenhängenden Gefühle sie überall hin begleiten.

Immer mehr verwaiste Eltern haben sich in den vergangenen Jahren in Selbsthilfegruppen zusammengetan, etwa 500 solcher Gruppen sind im Bundesverband Verwaiste Eltern organisiert. Angeboten werden lokale Trauergruppen, Seminare und Telefonberatung. Die meisten Aktiven arbeiten ehrenamtlich mit - alle sind selbst betroffen.

Für viele Eltern hat der Tod des Kindes eine radikale Änderung des gesamten Lebens zur Folge. Petra Hohn hat ihren Beruf als Bautechnikerin aufgegeben und arbeitet heute als Trauerbegleiterin. Sie hat beobachtet, daß bis zu 80 Prozent aller Partnerschaften nach dem Tod eines Kindes in die Brüche gehen: "Auch wenn die Ursachen dafür oft tiefer liegen, ist der Tod des Kindes der Auslöser. Die Eltern müssen begreifen, daß sie unterschiedlich trauern. Manche Leute weinen und schreien, andere stürzen sich in die Arbeit". Ihre Ehe hat das Trauma glücklicherweise überstanden. "Mein Mann war zunächst ganz verstummt. Heute spricht er selbst mit betroffenen Vätern", berichtet sie.

Auch Claudia Cardinal hat einen neuen Beruf ergriffen, nachdem ihre Tochter starb. Sie wurde Heilpraktikerin und bot Trauerbegleitung in der Region Hamburg an. "Die Nachfrage ist groß, heute bestehen 95 Prozent meiner Arbeit daraus." Gerade ist ihr zweites Buch erschienen. Während das erste noch an konkreten Fällen Wege der Trauer beschrieb, wendet sie sich in ihrem zweiten Ratgeber an Menschen, die helfen wollen - und oft nicht wissen, wie. Sie hat schon etwa 70 "Sterbeammen" ausgebildet, den Begriff will sie patentieren lassen. "Es gibt starke Analogien zwischen Geburt und Tod, zwischen Begrüßen und Abschiednehmen." In Trauergruppen und Seminaren zeigt Claudia Cardinal verschiedene konkrete Wege der Trauer - auch aus anderen Kulturen und Religionen. Gerade unter Deutschen herrsche viel Unwissen über Trauer und Tod. "Das hat auch mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. In dieser Zeit galt der Tod auf dem Feld mehr als im Bett zu sterben. Und nach dem Krieg glaubten viele, einfach keine Zeit mehr zu haben, um ihre Trauer zu verarbeiten."

Der Tod eines Kindes bedeutet für Eltern mehr noch als für andere Trauernde, im Leben stillzustehen. Man erwarte viel zu schnell von ihnen, daß sie wieder normal funktionieren sollen - diesen Vorwurf erheben alle Betroffenen. Diese jedoch verharren oft wie ausgebremst an einer unerbittlichen roten Ampel, die nicht wieder grün wird, sozusagen mit dem Blick auf die Hauptverkehrsstraßen im Leben. Selbst diejenigen, die die Kraft aufbringen, sich wieder in den Verkehr des Alltagslebens einzufädeln, tragen schwer an einem irrealen Gefühl von Schuld, ihren Weg "trotzdem" weiterzugehen, trotz der roten Ampel, trotz des toten Kindes. "Schuldgefühle gehören zu jedem Trauerprozeß", sagt jedoch Claudia Cardinal. Nach etwa einem halben Jahr stelle sich bei vielen Eltern zudem das Gefühl ein, die Gesellschaft habe ihre Kinder vergessen. "Sie denken, sie leben auf einem ganz anderen Planeten als ihre Umwelt".

Denn mit der Zeit werde die Sehnsucht nach dem verlorenen Kind nicht weniger, sondern immer größer, sagt Gerda Kupich, eine Mutter, die den Tod ihres Sohnes und das Scheitern ihrer Ehe in zwei Büchern schilderte. "Freunde und Nachbarn ziehen sich dagegen aus Hilflosigkeit zurück oder geben gut gemeinte Ratschläge, die den Betroffenen sehr weh tun." Auch andere Betroffene berichten von dem ständigen Gefühl, sich erklären oder verteidigen zu müssen.

Einmal im Jahr, jeweils am zweiten Sonntag im Dezember, findet weltweit ein Gedenktag für verstorbene Kinder statt. Auch dieser Tag gehört zu den Versuchen der verwaisten Eltern, sich Gehör zu verschaffen. "Tote Kinder haben keine Lobby", sagt Petra Hohn, die nun das Familienministerium um Anerkennung und Unterstützung ihrer Arbeit bitten will. Zum einen geht es um politische Forderungen - etwa nach einem Gesetz zur "Zur-Ruhe-Bettung" für Fehlgeburten unter 500 Gramm, wie es in Bayern jetzt schon eingeführt wurde. Daneben braucht der Verein finanzielle Unterstützung: "Ein Wochenendseminar für trauernde Eltern kostet bei uns mehrere hundert Euro pro Person. Es wäre schön, wenn daran auch weniger Begüterte teilnehmen könnten", sagt Hohn.

Auf Lehrveranstaltungen schult der Verband der Verwaisten Eltern zudem Fachleute wie Polizisten, Feuerwehrleute, Pflegepersonal und Bestatter. "Wie wichtig die Beerdigung ist, wird vielen Eltern erst später klar", so die Vereinsvorsitzende. Mit Bestattern wird nun über neue Rituale des Abschiednehmens gesprochen, auch etwa bei entstellten Unfallopfern. "Es gibt immer noch einen Körperteil, den man streicheln kann", sagt Petra Hohn. Man kann höchstens erahnen, welche Kraft es braucht, einen solchen Satz auszusprechen.

Bundesverband Verwaiste Eltern: www.veid.de , Tel. ab 1. März: 0341/ 9468884

Gerda Kupich: www.gerda-kupich.de (auch Buchbestellung ), Tel. 05231/28707

Claudia Cardinal: www.sterbeamme.de ; Literatur: Claudia Cardinal: Trauerbegleitung. Ein praktisches Handbuch, Verlag Patmos 2005, 249 S., 19,90 Euro; Claudia Cardinal: Trauerheilung. Ein Wegbegleiter, Verlag Patmos 2002, 247 S., 16 Euro