Spuren der Steine

Mehr als eine Milliarde Euro hat nach heutigem Wert der einzige Neubau verschlungen, der von Hitlers Vision von Berlin als "Welthauptstadt Germania" je fertig gestellt wurde: die Neue Reichskanzlei.

Mehr als eine Milliarde Euro hat nach heutigem Wert der einzige Neubau verschlungen, der von Hitlers Vision von Berlin als "Welthauptstadt Germania" je fertig gestellt wurde: die Neue Reichskanzlei. 420 Meter erstreckte sich dieser reine Repräsentationsbau für den "Führer" entlang der Voßstraße. Gerade einmal sechs Jahre, von Januar 1939 bis Januar 1945, war der gigantische Bau in Benutzung, und kurz nach dem zehnten Jahrestag seiner Einweihung begannen die Abbrucharbeiten. Alle Metallteile, Holzparkettböden und die Heizung waren vorher ausgebaut worden. Sie fand übrigens eine Wiederverwendung im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Lichtenberg. So weit, so klar.

Doch was wurde aus den zehntausenden Tonnen von teilweise sehr wertvollen Baumaterialien, die Albert Speer im Auftrag seines Herrn hier verbauen ließ? Allein die Tempelhofer Marmor-Industrie Kiefer AG hat Platten im Wert von umgerechnet 40 Millionen Euro geliefert, und die Steinbrucheigentümer Adam Bühl und Franz Reuther stellten 1938/39 insgesamt 34 Werksteinlieferungen im Gesamtwert von umgerechnet mehr als 20 Millionen Euro in Rechnung. Ein gewaltige Menge Stein, laut Berechnungen des Bauleiters Carl Piepenburg etwa 5000 Kubikmeter. Sie können nicht spurlos verschwunden sein.

Aber wo befinden sich die Reste der Neuen Reichskanzlei heute? Darüber gibt es viele Theorien, doch die meisten halten einer Überprüfung nicht stand. So ist immer wieder zu lesen, das Sowjetische Ehrenmal im Tiergarten sei aus Steinen von Speers Riesenbau errichtet. Doch in Wirklichkeit wurde es schon am 11. November 1945 eingeweiht, und da stand die Ruine der Neuen Reichskanzlei noch in der Voßstraße. Zwar von Bomben und Granaten beschädigt, doch ansonsten intakt. Erst im Februar 1949 rückten die Rückbau-Spezialisten dem Baukörper zu Leibe.

Werksteine aus dem Abriss der Neuen Reichskanzlei sollen auch beim Wiederaufbau der Volksbühne auf dem Rosa-Luxemburg-Platz verwendet worden sein. Spielt Frank Castorfs Ensemble also heute in Überresten von Hitlers "Bühne des Größenwahns"? Sichere Belege fehlen, wie es überhaupt aus den ersten Jahren der Nachkriegszeit nur wenige aussagekräftige Bauakten gibt. Deshalb kann man auch nicht beweisen oder widerlegen, dass Steine aus der Neuen Reichskanzlei als Gesimsplatten der Weidendammer Brücke über die Spree Verwendung fanden. Glaubwürdig erscheint das jedenfalls.

Ausschließen kann man dagegen wohl, dass im Treptower Ehrenmal der Sowjetarmee in größerem Umfang Material von der Voßstraße verbaut wurde. Denn in diesem martialischen Symbol des Stalinismus dominiert roter Granit, wie er in der Reichskanzlei eben nicht verbaut worden ist. Ebenfalls als widerlegt kann die vielfach wiederholte Legende gelten, die große Halle der Humboldt-Universität sei mit Marmor aus der Reichskanzlei getäfelt. Das hätte zwar einen gewissen Witz, immerhin prangt in den Wandtafeln mit goldenen Lettern das Karl-Marx-Zitat: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern." Doch ist die Wirklichkeit viel prosaischer: Hier wurde Stein verwendet, den man während der Nazi-Zeit in der Nähe von Fürstenberg an der Oder für künftige Bauprojekte gelagert hatte. In der heutigen russischen Botschaft Unter den Linden ist ebenfalls roter Stein verbaut, doch seine Herkunft ist unklar.

So bleibt wohl nur ein Ort, an dem wahrscheinlich wirklich Marmor aus der Abrissstelle Reichskanzlei benutzt wurde: der U-Bahnhof Mohrenstraße, ehemals Kaiserhof, dann Wilhelmplatz, schließlich Ernst Thälmann-Platz. Hier, vis-à-vis von der Ecke Wilhelmstraße und Voßstraße, finden sich tatsächlich Platten, deren Maserung genau jener in den Marmorsälen von Speers Bau entspricht. Unbestritten ist allerdings auch das nicht. Denn eine kleine Notiz in zwei Ost-Berliner Zeitungen vom 19. August 1950 vermerken, am Vortage seien die letzten Marmorlieferungen für den U-Bahnhof aus einem Steinbruch in Thüringen angekommen.

Vielleicht führt die Spur der Steine also doch zum Tierpark Friedrichsfelde: In dem dort aus Trümmerschutt errichteten Affenfelsen wollen Kenner der Materie einige Gesimsreste von der Gartenfassade der Neuen Reichskanzlei entdeckt haben. Irgendwie passen würde das schon - sind doch nachweislich einige der Tierskulpturen im Ost-Berliner Zoo aus jener Bronze gegossen, die bis zum November 1961 in der Statue des Genossen Josef Stalin an der gleichnamigen Triumphallee Verwendung gefunden hatte.