Jens Lehmann kommt aus Essen. Essen ist Ruhrgebiet. Also muß Lehmann ein Arbeiterkind sein. Soweit das Klischee. Die Wahrheit geht anders. Lehmann kommt aus Heisingen. Heisingen ist ein wohlhabender Stadtteil von Essen. 12 000 Einwohner, mittelständische Wirtschaft, keine Schwerindustrie. Und der Nationaltorwart Lehmann ist ein Junge aus gutbürgerlichem Hause.
Auch Theo Orgeig mußte das erst lernen. Der 45jährige stammt aus einem Dorf bei Aachen. Anfang der neunziger Jahre verliebte er sich in die Tochter von Jens Lehmanns Onkel, und als er in die Familie einheiratete, zog er ins Ruhrgebiet. "Als ich über die Autobahn hineinfuhr, sah ich Pipelines und schwarzen Qualm. Ich habe gedacht: Mein Gott, wo bist du hier gelandet", sagt Orgeig. Doch als er dann in Heisingen ankam, im Süden des Reviers am Ufer des Baldeneysees, stellte er fest: "Da sieht es aus wie im Bayerischen Wald."
In dieser Umgebung wuchs Jens Lehmann, heute 36, als jüngster Sohn von Hans-Dieter und Mechthild auf. Und weil es in Heisingen wenig Aufregendes für kleine Jungen gab, fing er mit sechs Jahren an, Fußball zu spielen. Zunächst als Stürmer, dann im Tor. "Der Jens war für sein Alter zwar ziemlich klein und schmächtig, aber schon sehr talentiert und ehrgeizig", sagt Karl Krepkowsky, 71, der ihn damals in der E-Jugend der DJK Heisingen vor allem als Feldspieler eingesetzt hat: "Eigentlich spielte er noch F-Knaben, aber wenn in meiner Mannschaft einige Spieler fehlten, habe ich ihn hoch geholt. Den konnte man auf jeder Position spielen lassen."
Krepkowsky besitzt heute noch jede Menge Super-8-Filme mit dem Hauptdarsteller Lehmann als Mittelstürmer: "Jens hat damals schon Ehrgeiz und Talent gehabt, war unheimlich gelehrig. Er hat immer aufmerksam zugehört. Ich mußte ihn nie bestrafen." Und wenn es nach den Spielen im Vereinsheim Taktikbesprechungen gab, hörte Lehnmann interessiert zu. Er war gut erzogen, das unterschied ihn deutlich von den meisten seiner Altersgenossen.
Jens Lehmann brachte Veranlagung mit, aber er profitierte auch von einer besonderen Jugendarbeit. Denn im Gegensatz zu vielen Vereinen aus dem strukturschwächeren Essener Norden unterstützt im Südstadtteil Heisingen die lokale Wirtschaft den Fußball. Die DJK, die später in SV Heisingen umbenannt wurde, hat heute 15 Jugendmannschaften mit 270 Kindern. Ferienzeltlager wurden schon zu Zeiten, als Lehmann dort noch kickte, organisiert. Der Deutsche Fußball-Bund verlieh dem SV Heisingen im Jahr 2001 den "Sepp-Herberger-Preis" für herausragende Nachwuchsförderung. Schon in den späten siebziger und achtziger Jahren gab es für die Jugendteams regelmäßig neue Trainingsanzüge und Trikots. In fast allen Jugendbereichen arbeiteten gut ausgebildete Trainer und Betreuer.
"Ich habe damals gedacht: Wenn der Jens so weitermacht und keinen Flausen kriegt, dann wird er vielleicht Profi", sagt Krepkowsy. Er selbst konnte seinen Schützling nicht lange darauf vorbereiten. "Abends beim Training standen hier die Leute von Schwarz-Weiß hinter dem Zaun und haben Jens beobachtet, die haben ihn dann auch geholt", sagt Krepkowsky. Schwarz-Weiß war der Nobelverein in Essen, der im ständigen Clinch mit dem Arbeitverein Rot-Weiß Essen lag.
Wegen seiner Vielseitigkeit wurde Lehmanns endgültige Position im Spielsystem noch immer nicht festgelegt. Erst als er mit der B-Jugend von Schwarz-Weiß im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft stand, als Torwart, wurde ein anderer Arbeiterverein auf ihn aufmerksam: Schalke 04. Als 17jähriger, kurz vor dem Abitur, unterschrieb er in Gelsenkirchen seinen ersten Profivertrag. Auch danach wohnte er zunächst weiter in Heisingen. Er zog in die Bonnebergstraße, nur einen Steinwurf von dem roten Ascheplatz des DJK Heisingen entfernt, wo alles begonnen hatte. Zum Einfamilienhaus der Eltern, das fortan noch oft als "Hotel Mama" genutzt wurde, waren es gerade mal 500 Meter.
Die Heisinger sind stolz auf die Entwicklung, die Lehmann genommen hat, auch wenn sie keine Poster von ihm in Vereinsheime oder Imbißbuden hängen. Die Leute hier seien eben zurückhaltender und nicht so direkt wie in den Arbeiterstadteilen im Norden, sagt Theo Orgeig. Auch Jens Lehmann habe diese Mentalität. Nicht hemdsärmelig, dafür sehr vernünftig. "Er hat trotz seiner Karriere nie die Bodenhaftung verloren", sagt Orgeig. "Er hat auch immer an die Zeit nach dem Fußball gedacht." Lehmann hat neben dem Fußball sieben Jahre Volkswirtschaftslehre an der Universität in Münster studiert, eine nicht gerade typische Form von freiwilliger Weiterbildung für Fußballprofis.
Mit einem Vorurteil wollen Lehmanns Freunde und Wegbegleiter aus Heisingen dann auch noch aufräumen. "Es wurde oft geschrieben, er sei arrogant. Das muß ich vehement abstreiten", sagt sein Jugendtrainer Karl Krepkowski. Aber er könne sich schon denken, woher das Vorurteil kommt: "Als er zuletzt nach dem Foul im Champions-League-Finale vom Feld gestellt wurde, habe ich im Fernsehen verfolgt, wie er vom Platz gegangen ist. Er wußte in diesem Augenblick, daß er einen Fehler gemacht hat, und er wäre wohl am liebsten in Tränen ausgebrochen. Denn er ist schon auch ein bißchen sensibel. Aber er wußte, daß er sich zusammenreißen muß." In solchen Momenten wirke der heutige Torwart von Arsenal London für Fremde unnahbar. Und der Fehler von Champions-League-Endspiel gegen den FC Barcelona in Paris, da ist sich Krepkowsky sicher, wird Lehmann während des Weltmeisterschaftturniers in der Heimat nicht mehr beschäftigen: "Der Jens ist erwachsen geworden und hat jetzt auch Leute um sich herum, die ihm vertrauen. Zum Beispiel seinen Freund Oliver Bierhoff." Der Teammanager der Nationalmannschaft stammt übrigens aus Rellinghausen. Das grenzt an Heisingen.

