Wer den Kranichsberg südöstlich von Berlin erklimmt, wird für seine Mühe belohnt. Oben warten illustre Gestalten und Geschichten: Der Fürst von Eschnapur, der Sultan von Jahore, das Marmorbad der Sklavinnen! Ausrufungszeichen, wohin man schaut. "Indien ist Trumpf!" heißt es im Aussichtsturm von Woltersdorf, der über dem Ort und den Wäldern der Umgebung thront. Das Treppenhaus des Turms ist ein schwindelerregendes Kabinett von Haudegen, Halunken und Todesgöttinnen. "Als Woltersdorf noch Hollywood war", steht am Eingang. In der Stummfilmzeit lagen in der Gegend nämlich riesige Freiluftateliers. Monumental- und Abenteuerfilme entstanden hier. Das weiß heute fast niemand, und zu sehen ist von den Kulissenbauten auch nichts mehr. Ein paar Säulenreste mit indischen Ornamenten liegen allerdings im Aussichtsturm. Diese kleine, handgemachte Ausstellung muss ausreichen, um an ein großes Kapitel Berliner Filmgeschichte zu erinnern.

So etwas hatte schon vor fast 100 Jahren niemand im Sande Brandenburgs erwartet: Schroffe Kalkfelsen, Wacholder und Bergblumen, tiefgrünes Wasser. All das findet man am Heinitzsee, der gleich nebenan von Woltersdorf liegt, bis heute. Eigentlich ist der See ein abgesoffenes Bergwerk. Die Filmpioniere waren sofort begeistert von den Klippen und Felsvorsprüngen. Selbst, wenn diese gar nicht hoch waren. Aber es reichte, um darin mit einer geschickt aufgestellten Kamera eine Hochgebirgslandschaft vorzutäuschen. 1908 wurde in Rüdersdorf und Woltersdorf "Eine Alpentragödie" gedreht, ein Kassenschlager. Das war der Anfang. Dann kamen Harry Piel und Pola Negri, Conrad Veidt und Ernst Lubitsch. Mit stechenden Augen, typisch für die Star-Fotografien der Stummfilmzeit, grüßen sie von den Bildern, die im Aussichtsturm hängen. Weißensee war seinerzeit das Zentrum der deutschen Filmindustrie, alle Außenaufnahmen wurden östlich der Stadt in Rüdersdorf und am Kalksee in Woltersdorf gemacht. Bevor Studioproduktionen gang und gäbe wurden und bevor es alle Welt nach Babelsberg zog.

Bis in die Mitte der zwanziger Jahre dauerte diese Filmkarriere. Ernst Lubitsch verfilmte hier die Oper Carmen, der Startschuss für Pola Negris Weltkarriere. Die Stollentore aus dem Rüdersdorfer Bergbau waren ideal für die Szenen "draußen am Wall von Sevilla". Alles war in dieser kargen Landschaft drin, wie Filmhistoriker herausgefunden haben. Mal diente die Umgebung als Berglandschaft, mal als nordafrikanische Wüste, als Nil in Ägypten oder als Dschungel. Gerade für Harry Piel, der in all seinen Filmen Produzent, Hauptdarsteller und Stuntman zugleich war, bot sich eine überragende Spielwiese. Er spulte zwischen 1912 und 1918 zwanzig Filmprojekte ab. Tollkühn sprang Piel in den 65 Meter tiefen Heinitzsee und tauchte darin mit einer Glocke für Unterwasseraufnahmen. Einmal kostete es ihn fast das Leben, als sich die Glocke losriss. Doch am Tag nach dem Arbeitsunfall stand Piel schon wieder hinter der Kamera. Die Joe-May-Produktion aus Weißensee richtete eine ganze Atelierstadt am Ufer des Kalksees ein und sorgte für die aufwendigsten Projekte überhaupt: "Die Herrin der Welt", ein Achtteiler von 1919/20 und "Das indische Grabmal", dessen zwei Episoden 1921 entstanden.

Chinesische und afrikanische Dörfer wurden am See gebaut, Tiergehege für Tiger und Elefanten angelegt, ortsansässige Handwerker zimmerten fleißig mit an den Kulissen. Andere Dörfler ließen sich mit den farbigen Komparsen ein. Die auf einmal in der Umgebung geborenen dunkelhäutigen Kinder boten viel Gesprächsstoff. Schließlich entstand ein riesiger indischer Tempel, der Maharanipalast. Gerald Ramm, der in Woltersdorf ein Bestattungsunternehmen führt, hat vor zehn Jahren die ganze glamouröse Geschichte ausgegraben. Die kleine Ausstellung geht auf ihn zurück. Auch im benachbarten Rüdersdorf macht man sich Gedanken. Der Ortschronist hat ein in seinem Archiv ein Kapitel "Film" angelegt. Er kommt auf 56 Filme, die hier gedreht wurden. Und immerhin: Eine Kopie der "Carmen" konnten sie schon einmal ausleihen und im Kulturhaus aufführen.

Gerald Ramm wiederum kennt noch ein paar Geheimnisse. Wo etwa die Fischer-Villa stand. Das war auch ein Ort der großen Illusionen, ähnlich wie die Filmstadt. Arthur Fischer, ein einstiger Hoffotograf, unterhielt nämlich in den zwanziger Jahren am Rüdersdorfer Seeufer einen Palast, in den er viele Kulissenteile der Joe-May-Ateliers einbauen ließ, nachdem diese aufgegeben worden waren. Fischer war eine mindestens so schillernde Figur wie die vom Film, sein privater Themenpark war vergleichbar mit der heutigen Neverland-Ranch eines Michael Jackson. Eine Märchenwelt wie aus Tausend und einer Nacht. In der DDR wurde das Ensemble jedoch geschliffen. Von der terrassenförmigen Freitreppe, die zum See hinunter führte, blieben zuletzt nur ein paar Säulenstumpen. "In einem privaten Garten", sagt der Bestatter Ramm, "und dazwischen spannen die Besitzer ihre Wäscheleinen." Am besten konserviert ist der Maharani-Brunnen, oder besser gesagt, was davon übrig blieb. Die verzierten Betonteile liegen in einem Gewächshaus, das drum herum gebaut wurde.