Man nannte sie "haymatloz"

Seinen ersten Schultag in Ankara wird Gerhard Ruben wohl nie vergessen. "Ich habe nichts kapiert.

Seinen ersten Schultag in Ankara wird Gerhard Ruben wohl nie vergessen. "Ich habe nichts kapiert. Obwohl der Direktor mühsam versuchte, mir ein paar türkische Worte zu erklären", sagt er. Der frühe schulische Misserfolg scheint jedoch keine dauerhaften Schäden angerichtet zu haben. Gerhard Ruben ist Wissenschaftler geworden. Bis 1992 war er Astronom an der Berliner Akademie der Wissenschaften. Draußen vor dem Fenster seiner Potsdamer Wohnung leuchtet die Wintersonne auf Kastanienbäume und gelbe Hausfassaden. Drinnen, in dem sehr aufgeräumten Wohnzimmer: Bücher, Bücher, Bücher. Nur an der Fensterfront ist noch Platz für eine Sitzecke. Dort sitzt Gerhard Ruben und beginnt, seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Gerhard ist acht Jahre alt, als seine Eltern beschließen, in die Türkei auszuwandern. Dieser Schritt hat ihnen vermutlich das Leben gerettet. Wenn derzeit über die Aufnahme der Türkei in die EU geredet wird, dann wird immer wieder als Gegenargument angeführt, Europa habe - anders als die Türkei - ein christlich-abendländisches Wertefundament mit Aufklärung und Demokratie. Als die Rubens 1935 in die Türkei gehen, kann in Deutschland allerdings von beidem keine Rede sein. Gerhards Vater Walter Ruben, Privatdozent an der Universität Frankfurt/Main, gilt damals als "Halbjude". Nur weil er als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen hat und daher als "Frontkämpfer" eingestuft wird, darf er überhaupt noch Seminare halten.

Dennoch sieht Vater Ruben sich nach einer Alternative um. Ein Bekannter empfiehlt ihn in die Türkei. 1935 wird Walter Ruben an die neu gegründete Universität Ankara berufen, wo er die Abteilung für Indologie aufbaut. Eine Professur in der Türkei, das ist nicht gerade der direkte Weg zu einer internationalen Karriere. Doch das Gehalt ist gut und niemand interessiert sich für die "Rasse" der deutschen Emigranten. "Die Mehrzahl der Dozenten waren damals Ausländer", erzählt Gerhard Ruben. "Da gab es Menschen, die aus rassistischen Gründen geflohen sind, aus politischen Gründen, es waren eigentlich wenige da, die einfach nur Arbeit suchten."

Vor allem in den Städten Istanbul und Ankara bilden sich große Gruppen von deutschen Nazi-Gegnern und -Verfolgten. Unter ihnen prominente Politiker und Künstler. Einer von ihnen ist der spätere Regierende Bürgermeister von Westberlin, Ernst Reuter. Auch die Bauhaus-Architekten Bruno Taut, Martin Wagner und Margarethe Schütte-Lihotzky, der Bildhauer Rudolf Belling, die Musiker Paul Hindemith und Eduard Zuckmayer, letzterer ein Bruder des Schriftstellers Carl Zuckmayer, finden für kürzere oder längere Zeit in der Türkei Schutz vor den Nazis. Es ist der türkischen Regierung durchaus bewusst, in welcher Zwangslage sich diese Deutschen befinden. Ausdrücklich betont der türkische Unterrichtsminister Resid Galip, dass jeder, der eine Berufung in die Türkei annimmt, "ob frei, im Gefängnis oder im Konzentrationslager, als Beamter der Republik betrachtet und unter türkischem Schutz stehen werde."

Dass sie in der Türkei leben und arbeiten können, verdanken die deutschen Emigranten vor allem dem türkischen Regierungschef Kemal Atatürk. Der hatte nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches 1923 die Türkische Republik ausgerufen und dann seinem Land ein brachiales Modernisierungsprogramm verordnet. Innerhalb kürzester Zeit führt Atatürk die Trennung von Staat und Religion ein, das Frauenwahlrecht, das lateinische Alphabet, eine moderne Rechtsprechung und die Europäisierung der Bildung. Dafür braucht er ausländische Experten. Und da zwischen der Türkei und Deutschland bereits seit dem Kaiserreich gute Beziehungen bestehen, liegt es nahe, gerade auch deutsche Experten in die Türkei einzuladen.

Die meisten Emigranten machen sich zunächst keine Vorstellung, wie lange ihr Exil letztendlich dauern wird. "Sie haben alle Illusionen gehabt", sagt Gerhard Ruben heute. "Sie nahmen an, das wird vielleicht zwei, drei Jahre dauern, dann kehren wir nach Deutschland zurück." Und während Vater Ruben Tag und Nacht die türkische Sprache büffelt - schließlich hat er sich in seinem Arbeitsvertrag verpflichtet, seine Vorlesungen auf türkisch zu halten - wird Gerhard bald nach dem ersten Fehlstart wieder aus der türkischen Schule herausgenommen. Anders als sein jüngerer Bruder Wolfgang erlernt er nie richtig die Sprache seines Gastlandes. Er hält das heute noch für einen Fehler seiner Eltern.

Ungefähr 60 schulpflichtige Kinder von Emigranten leben damals in Ankara. Natürlich verbietet es sich, sie in die deutsche Schule für die Kinder der Botschaftsangehörigen zu schicken, denn die ist nationalsozialistisch ausgerichtet. Stattdessen bildet sich eine eigene Schule für die Emigrantenkinder. Deren Leiterin und alleinige Lehrerin ist Leyla Kudret, eine gebürtige Deutsche, die mit einem Türken verheiratet ist. Sie unterrichtet praktisch alle Fächer - außer Musik, Kunst und Sport - und zwar von der ersten Klasse bis zum Abitur. "Sie war sehr gebildet, und eine sehr strenge, aber gute Pädagogin. Und sie hat viel dazu beigetragen, dass ich Interesse an Mathematik und solchen Gebieten hatte. Aber alles ohne Bücher", sagt Gerhard Ruben. Deutsche Schulbücher sind in der Türkei nicht so ohne weiteres zu bekommen, oder sie sind von der Nazi-Ideologie geprägt. So bleibt den Kindern nichts anderes übrig, als im Unterricht mitzuschreiben und den Stoff zu Hause noch einmal auszuarbeiten. Oder man greift zu alternativen Lernmitteln: Englisch eignen sich die Kinder anhand der Krimis von Agatha Christie an. Die meisten schaffen später das Abitur. Prominentester Absolvent der Schule von Leyla Kudret ist Edzard Reuter.

"In vieler Hinsicht", sagt Gerhard Ruben, "war unsere Kindheit eigentlich völlig normal. Wir sind rumgestrolcht, auf die Baustellen geklettert und was Kinder so machen." Mit türkischen Kindern spielen sie allerdings eher selten. "Für die waren wir die Fremden."

Ähnlich verhalten sich auch die Erwachsenen. Abgesehen von den beruflichen Kontakten der Väter gibt es nur wenige Freundschaften zwischen deutschen Emigranten und Einheimischen. Man bleibt unter sich und pflegt eine sehr deutsche Form der Geselligkeit: gegenseitige Einladungen zum Sonntagsbraten oder zum Kaffeeklatsch. Gemeinsame Sonntagsausflüge in die Natur, die Damen im Sonntagskleid, die Herren mit Knickerbockern und Spazierstock. Politisch betätigen dürfen sich die Emigranten nicht. Stattdessen gibt es Vortragsabende über Themen wie "Begriff der Humanität von Hegel bis Nietzsche".

1939 endet dieses vergleichsweise sorglose Leben abrupt. Mit dem Überfall Deutschlands auf Polen beginnt der Zweite Weltkrieg. Die Türkei versucht zunächst, sich herauszuhalten. Doch spätestens seit 1941 sind alle ihre Nachbarstaaten in diesen Krieg verwickelt. "Das war ziemlich belastend", erinnert sich Gerhard Ruben. "Wir hatten das Gefühl, es ist nur eine Frage der Zeit, dann zieht die Wehrmacht durch die Türkei in den Kaukasus. Sie hätten kaum Widerstand gefunden." Hinzu kommt, dass das deutsche Reich allen Emigranten, die sich weigern, nach Deutschland zurückzukehren, die Staatsbürgerschaft entzieht. Auch die Rubens werden ausgebürgert. "Haymatloz" schreiben die türkischen Behörden in ihre Behelfs-Papiere. 1944 tritt die Türkei an der Seite der Alliierten in den Krieg ein. Alle Deutschen, ob Nazis oder Nazigegner, sind nun plötzlich "feindliche Ausländer". Viele von ihnen werden interniert. Auch die Rubens: "Wir machten Ferien bei Ankara, und da wurde uns gesagt: In 24 Stunden fährt der Bus, da müsst ihr fahren. Wir haben nur das mindeste mitgenommen. Aber wir hatten keine Bücher, nichts. Ein schauerliches Durcheinander." Allerdings: "Die Internierung war in einer Hinsicht harmlos, man wurde nicht in ein Lager eingesperrt, sondern wir wurden an einen Verbannungsort geschickt. Wir kamen nach Kirsehir."

Der Ort Kirsehir war in der Antike ein wichtiges Handelszentrum. Als die Familie Ruben dort eintrifft, finden sie eine verschlafene Kleinstadt vor, umgeben von anatolischer Steppe. Andere Emigranten helfen ihnen, eine Wohnung zu finden. Es gibt kein fließendes Wasser und nur selten Strom. Die Öllampen geben ein so schwaches Licht, dass man nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr lesen kann. Gerhard Ruben und sein Bruder Wolfgang langweilen sich entsetzlich, es gibt keinen geordneten Schulunterricht. Vater Ruben, von einem Tag auf den anderen aus einem arbeitsamen Wissenschaftlerleben gerissen, erstellt eine umfangreiche ethnologische Studie über Kirsehir. Und natürlich pflegen die Emigranten die deutsche Kultur. Sie gründen einen Dhor, der von Eduard Zuckmayer geleitet wird. Auch die Rubens singen dort mit: "Wir hatten ja furchtbar viel Zeit, und Zuckmayer kannte natürlich die ganze klassische Musik hervorragend. Wir haben also Kirchenmusik gesungen. Da war auch ein katholischer Pfarrer interniert, und ein paar Nonnen aus Österreich. Die hielten sonntags immer Gottesdienst. Und da haben wir tatsächlich eine Messe des Kirchenmusikers Palestrina gesungen. Mitten in der Türkei!"

Dann ist der Krieg zu Ende. Auf dem Umweg über Chile, wo Gerhard und Wolfgang in einer deutschen Schule das Abitur machen, kommen die Rubens schließlich 1950 wieder in Deutschland an. Bewusst entscheiden sie sich für die neu gegründete DDR. Dort erfüllt sich Gerhard Ruben einen alten Traum und beginnt, Astronomie zu studieren.