Nackt, nutz- und namenlos

Wer kennt eigentlich Bullenbruch? Bullenbruch in Berlin-Lichtenberg, vis-à-vis der Kolonie Wilhelmstrand, Postleitzahl 12459? Am ehesten wissen noch die Binnenschiffer, dass überhaupt so ein Eiland existiert.

Wer kennt eigentlich Bullenbruch? Bullenbruch in Berlin-Lichtenberg, vis-à-vis der Kolonie Wilhelmstrand, Postleitzahl 12459? Am ehesten wissen noch die Binnenschiffer, dass überhaupt so ein Eiland existiert. Sie müssen die Insel Bullenbruch in der Spree schließlich umfahren. Im Falk-Plan taucht sie nur als blassgrüner Klecks auf, gezeichnet wie in Tarnfarbe. Im Namensverzeichnis hinter dem Kartenteil findet man sie gar nicht. So geht es gleich mehreren Berliner Inseln. Ganze 27 gibt es im Stadtgebiet, verstreut auf Spree, Havel und Dahme. Die Palette reicht vom klitzekleinen Hasselwerder im Tegeler See bis zum gerade einmal sandbankgroßen Nixenwall im Seddinsee tief unten im Südosten. Die meisten dieser Flecken sind unbewohnt und stehen unter Landschaftsschutz. Fast immer gilt: Anlegen und Betreten verboten. Irgendwann haben sie einen Namen bekommen, und das war's.

Oder nicht einmal das: So wie die Insel, die mitten im Tegeler Hafen liegt. Sie hat das bescheidene Ausmaß von 9000 Quadratmetern, unbewohnt ist sie ebenfalls. "Einen Namen gibt es nicht", sagt ein Besucher der Humboldt-Bibliothek, von der aus man auf die Insel schauen kann. Der Mann betritt gerade die Bücherei am Tegeler Hafen. Er kennt sich aus, drinnen zeigt er sofort auf die Regalreihen zur Ortsgeschichte von Tegel. Ebenso auf die großen Bände zur Architektur. Darin finde man einiges zur Insel. An große Architektur erinnert das Eiland draußen vor der Tür allerdings gar nicht. Nur dichtes Gestrüpp gibt es dort, wilde Wäldchen aus Pappeln und Berge von Hundehaufen. Die Insel ist gut zu erreichen über Fußgängerstege, und das nutzen alle Besitzer von Vierbeinern aus der Umgebung reichlich aus. "Seit zwanzig Jahren liegt sie brach", erläutert der kundige Tegeler, "das war ein IBA-Projekt." Dann ist er fort.

Die Bücher, die er empfohlen hat, klären den Rest auf. So wurde im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1987 (IBA) nicht nur das Ufer des Tegeler Hafens bebaut, sondern ebenso eine künstliche ovale Insel aufgeschüttet. Die Bewohner der postmodernen Wasserstadt sollten nicht nur ins Blaue schauen, sondern auch zu jeder Jahreszeit baden gehen können. Auf der Insel vor ihrer Haustür war ein Meerwasserwellenbad geplant. Dann versiegten jedoch die IBA-Geldquellen, die Berliner Mauer fiel und Freizeitbäder schossen im nahen Umland aus dem Boden. Kaufinteressenten kamen und gingen, nichts passierte. Zurück blieb die Insel. Nackt, nutz- und namenlos. Und ein sorgfältig gemauertes Fundament im parkähnlich gestalteten Hafen. Erschlossen über Alexander- und Wilhelmsteg, ganz humboldtesk. In der Nähe liegen ja das einstige Humboldtschloss und Humboldtgrab. Wie eine Ironie mutet es an, dass hier ein vergessenes ödes Eiland ausgerechnet in dem Karree liegt, in dem sich alles um die Gelehrtenbrüder dreht.

Irrtümlich reden viele von der Tegeler Insel. "Aber das ist nur allgemeiner Sprachgebrauch, mehr nicht", sagt Frank Balzer, CDU-Baustadtrat von Reinickendorf. Wichtiger als die Namensforschung ist ihm jedoch die Tatsache, dass die kleine Insel schon bald aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen könnte. Im Jahr 2006 hat ein Investor die Insel und ein benachbartes Hafengrundstück dem Land Berlin abgekauft. Er will Reihenhäuser, eine Seniorenwohnanlage und ein Ärztehaus bauen. "Vielleicht gibt der Besitzer seiner Insel dann ja auch einen richtigen Namen", sagt Baustadtrat Balzer. Das dürfte er, denn sie ist privates Land und darauf wird es nur einen Anliegerweg geben und keine öffentliche Straße. Also hat er die Oberhoheit. Ob der Eigentümer davon Gebrauch machen will, verrät er noch nicht. Gut möglich, dass er die Frage öffentlich zur Diskussion stellen wird. Sicher ist nur eines: Der Vorschlag "Humboldtinsel" wird garantiert kommen.

Womöglich ist dann auch die Zeit reif für eine weitere namenlose Insel in Berlin. Diese liegt sogar an prominentester Stelle im Zentrum: Die Spreeinsel. Alle wissen zwar, was gemeint ist, aber offiziell gibt es diesen Namen überhaupt nicht. Man findet ihn auf keinem Stadtplan und in keinem Straßenverzeichnis. Wohl genießt die nördliche Inselspitze Weltruf unter dem Namen Museumsinsel. Und auch der südliche Teil ist eindeutig benannt und bekannt: die Fischerinsel. Dazwischen aber liegt der Inseltorso, und der ist ein merkwürdiges Niemandsland. Zwischen Lustgarten und Gertraudenstraße/Mühlendamm hat die Insel keine Bezeichnung. Nicht einmal die "Stadtteilvertretung Spreeinsel" gibt es mehr. Sie hat 2006 ihre Arbeit eingestellt - aus Protest, unter anderem, weil auch sie fand, dass die Inselmitte eklatant vernachlässigt wird.