Morgen ein Star

Man schreibt Mitte Juni 2006, und aus der Lufthansa-Maschine, die gerade in Schanghai gelandet ist, tritt eine junge Deutsche, Mitte 20, knapp 1,70, dunkelblondes Haar, blaue Augen.

Man schreibt Mitte Juni 2006, und aus der Lufthansa-Maschine, die gerade in Schanghai gelandet ist, tritt eine junge Deutsche, Mitte 20, knapp 1,70, dunkelblondes Haar, blaue Augen. Sie steigt in ein Taxi und taucht ein in die Stadt der 3000 Wolkenkratzer, ein weiteres Gesicht unter neun Millionen, unbekannt und anonym. Fünf Tage später betritt sie wieder einen Airbus für den Flug zurück, und am Eingang liegt eine chinesische Tageszeitung aus, und das Titelfoto zeigt sie , strahlend und mit einem Restschimmer des Nicht-Glauben-Könnens in den Augen. Hannah Herzsprung nimmt alle Exemplare mit, derer sie habhaft werden kann.

In der Zeit zwischen den Flügen ist sie ins Crown Plaza Hotel in der Pan Yu Road eingezogen, durch die Stadt gebummelt, hat in einer Sport-Bar Fußball geguckt, denn in der fernen Heimat findet gerade eine Weltmeisterschaft statt. Und sie ist ins Kino gegangen, in einen Film namens "Vier Minuten", obwohl man sie gewarnt hat, dass die Chinesen ein schreckliches Publikum seien; ein ständiges Kommen und Gehen herrsche da und ein Knistern und Schmatzen und ein schamloses Telefonieren.

Doch, hat sie festgestellt, in ihrer Vorstellung kehrt nach zehn Minuten Ruhe ein. Spätestens, wenn die junge, zarte Gefängnisinsassin auf der Leinwand in einem Ausbruch blinder Wut den Wärter krankenhausreif prügelt, bleiben die Handys unbeachtet, und alle Aufmerksamkeit gehört Hannah Herzsprung, wie sie wütet, in Apathie verharrt, sich mit Monica Bleibtreu duelliert, arrangiert oder wortlos versteht, mit Handschellen Klavier spielt oder mit voller Wucht gegen ein Fenster im zehnten Stock anspringt.

Natürlich haben die chinesischen Zuschauer noch nie von diesem deutschen Mirakel gehört, aber als es wieder hell im Kino wird, strömen sie nicht hinaus, sondern bleiben sitzen und stellen Hannah Herzsprung Fragen über Fragen. Sie halten sie vermutlich für einen Star aus Deutschland, doch auch Deutschland hat zu diesem Zeitpunkt noch nie von ihr gehört, und der Ort, an dem der Herzsprung-Stern aufgeht, ist jetzt und hier, Mitte Juni, beim Shanghai International Film Festival, 7000 Kilometer und sechs Zeitdifferenzstunden entfernt von daheim. "Vier Minuten" hat den Hauptpreis dieses A-Festivals gewonnen, aber selbst in Zeiten der Globalisierung brauchen solche Nachrichten ihre Zeit, bevor sie zu Hause wahrgenommen werden.

Uns sind in den vergangenen Jahren schon einige Male die Augen groß aufgegangen ob der weiblichen Talente, die das deutsche Kino hervorbringt, aber das war meistens bei der Berlinale wie Julia Jentsch ("Sophie Scholl") und Sandra Hüller ("Requiem") oder wenigstens in Locarno mit Katharina Schüttler ("Sophiiiie!"). Die Vierte im Bunde ist nicht nur fern der Heimat ihrer Larve entschlüpft, sondern weist noch einen anderen Unterschied auf: Sie ist nicht, um das einmal so zu sagen, vom Theater verdorben.

Das ist ganz wichtig, wie wir sehen werden. Es stehen noch keine großen Meilensteine im Lebenslauf der Hannah Herzsprung, eher ein paar Stationen, die ein Hollywood-Agent bei seinem neuen Star elegant unter den Tisch des Verschweigens fallen lassen würde. Es begann, als sie zehn war, und ihr Vater - der TV-Serienschauspieler Bernd Herzsprung - einmal das Familienheim im bayerischen Holzkirchen an Dreharbeiten vermietete, "da gab es ein Mädchen in meinem Alter, das die Hauptrolle spielte. Das hat mich beeindruckt, also wollte ich unbedingt auch Schauspielerin werden".

Die Eltern waren nicht strikt dagegen, aber auch nicht begeistert. Sie schickten das Kind zum Abitur zwei Jahre auf ein Internat nach Surrey, eine halbe Stunde von London, ließen sie Ballettunterricht nehmen und eine Produktionsassistenz bei der "Bully-Parade" absolvieren, komplett mit Butterbrote schmieren, Dispo schreiben und VIPs betreuen.

Dann - und hier würde der Hollywood-Agent retuschierend eingreifen - rief Tele 5 mit der täglichen Clip-Show "musicbox". Wir zitieren Peinliches aus einer alten PR-Mitteilung: "Hannah und Sara präsentieren täglich lebendig und witzig neueste Musiktrends, heißeste Insider-Tipps und wichtigste Infos rund um die Szene. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Vor allem ist es jedoch die witzige Art der Schwestern, die Freude, übereinander zu lachen und ihr Gespür für Musik, die sie zum perfekten Duo macht."

Das Fernsehen verführte die angehende Schauspielerin, die zu Papas Beruhigung ein Studium der Kommunikationswissenschaft begann, zu weiteren Jugendsünden; darunter diverse Folgen der WG-Serie "Aus heiterem Himmel" und der Teenie-Comedy "18 - Allein unter Mädchen". Dann sah ein junger Fernsehregisseur namens Tim Trageser plötzlich etwas anderes in diesem anmutigen, verträumten Wesen - und besetzte es für eine kleine Rolle in "Emilia - die zweite Chance" als Borderline-Mädchen, das Selbstmord begeht.

Das gab ihr den Mut, als eine von Hunderten zum Vorsprechen für die Hauptrolle in "Vier Minuten" zu gehen: für die junge Jenny, die als Mörderin im Gefängnis sitzt und von einer alten Klavierlehrerin als Pianistin entdeckt wird. Klavierkenntnisse waren die geforderte Voraussetzung. Hannah Herzsprung konnte Englisch, Französisch und Inlineskating, aber kein Klavier. Sie hat geschummelt beim Casting und gestanden, als sie die Rolle hatte, und danach wie verrückt die Tasten traktiert, mit der manischen Verbissenheit, mit der sich amerikanische Filmschauspieler in ihre Rollen hineinsteigern, à la Robert De Niro, der sich für den Boxer in "Wie ein wilder Stier" 30 Kilo an- und wieder abtrainierte.

Für das furiose Finale von "Vier Minuten" hatte sie trotzdem nur anderthalb Tage zur Vorbereitung, weil das extra dafür komponierte Stück so spät fertig wurde. Im Film gibt es den Moment, wo sie der totalen Erschöpfung nahe das Klavier verlässt und kurz die Kontrolle über ihre Glieder verliert: "Das ist wirklich passiert", erinnert sie sich, "so intensiv war mein Körper dabei."

Es ist diese völlige Hingabe, ein halbes oder ein ganzes Jahr nur für eine Rolle zu leben, die dem deutschen Kino meist fehlt, weil dieses Kino seine Stars mit dem Theater teilen muss - die erste Liebe von Jentsch, Hüller und Schüttler - oder mit dem Fernsehen, das für wesentlich geringere Anstrengung wesentlich besser zahlt. Es liegt am deutschen Kino, ob es seine Hannah Herzsprungs halten kann. "Weitermachen ist das Wichtigste", sagt sie momentan schlicht. "Ich hoffe, dass es weitergeht". Bisher hat sie eine Nebenrolle in dem Familiendrama "Das wahre Leben" gespielt und in einer Folge von "Das Duo" und eine Folge von "Stolberg" und eine Folge "Soko Köln"...

Filmstart von "Vier Minuten": 1. Februar