Ein gelebter Krimi

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Ulrich Zander

 Eigentlich war es ein ganz normaler Mord. Eigentlich. Bis daraus der erste große Sensationsprozess der deutschen Kriminalgeschichte erwuchs, und mit ihm die erste internationale Gerichtsberichterstattung.

Eigentlich war es ein ganz normaler Mord. Eigentlich. Bis daraus der erste große Sensationsprozess der deutschen Kriminalgeschichte erwuchs, und mit ihm die erste internationale Gerichtsberichterstattung. Vor hundert Jahren, am 17. Juli 1907, begann das Verfahren gegen Karl Hau.

Der weltgewandte deutsch-amerikanische Rechtsanwalt soll seine Schwiegermutter unter grotesken Tatumständen erschossen haben. Alle Indizien sprechen gegen ihn. Doch dann scheint seine verblüffende Verteidigungsstrategie aufzugehen. In den Augen der Öffentlichkeit wandelt sich der mutmaßliche Mörder nahezu ohne eigenes Zutun in einen wahrhaftigen Gentleman. In der Nacht, als das Urteil verkündet wurde, versuchen 20 000 Menschen unter ohrenbetäubendem Lärm das Gerichtsgebäude zu stürmen. Da es die Polizei nicht schafft, den Mob zurückzudrängen, rückt Infanterie an. Das Militär wird mit einem Steinhagel begrüßt. Erst nach und nach gelingt es den Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten die Menge in die Stadt abzudrängen. "Justizmord! Justizmord!" hallt es durch Karlsruhe. Die Proteste gegen den Schuldspruch sind bis heute nicht ganz verstummt.

Das weltweit beachtete Drama, das sich in sieben Ländern abspielte, hatte im Februar 1901 als melodramatische Liebesgeschichte in Ajaccio auf Korsika begonnen. Die wohlhabende Medizinalratswitwe Josefine Molitor aus Baden-Baden und ihre beiden Töchter Lina und Olga lernen den zwanzigjährigen Jurastudenten Karl Hau kennen, der sich unter südlicher Sonne von einem Blutsturz erholt. Die beinahe sechs Jahre ältere Lina verliebt sich in den eleganten Hau. Doch die Mutter lehnt eine Heirat wegen des Altersunterschiedes und der nicht abgeschlossenen Ausbildung des Kandidaten ab, woraufhin sich das Paar mit Linas Ersparnissen in die Schweiz absetzt. Als die 2000 Mark verbraucht sind, beschließen die Liebenden, gemeinsam in den Tod zu gehen. Lina erleidet eine leichte Schusswunde, Hau bleibt unverletzt. Wer schoss, wird nie geklärt. Wegen des drohenden Skandals stimmt die Witwe der Vermählung zu. Und da in Baden-Baden getratscht wird, ist das Brautpaar dabei, "...sich für eine Weile möglichst weit weg zu begeben".

Lina und Karl übersiedeln mit einer hohen Mitgift aus dem Erbe des Medizinalrates nach Washington DC. Dort macht Hau Karriere. Er besteht die Prüfungen mit Auszeichnung, promoviert nach sechs Semestern, arbeitet als Anwalt und wird am Obersten Gerichtshof zugelassen. Bei den Rockefellers soll er verkehrt haben und bei Präsident "Teddy" Roosevelt im Weißen Haus. Ganz nebenbei wird Hau Sekretär des türkischen Generalkonsuls. Er reist nach Konstantinopel, um dort für die Weltausstellung in St. Louis zu werben. Sowohl in den USA als auch in der Türkei lebt Hau weit über seine Verhältnisse. Einmal greift Frau Molitor dem Doktor mit 65 000 Mark unter die Arme - eine gewaltige Summe, die er, während die Angetraute schwanger zu Hause sitzt, mit Geliebten durchbringt - darunter die berühmte spanische Sängerin und Tänzerin "La Belle Otéro". Wegen diverser Skandale muss er die Türkei verlassen, was seiner Karriere nicht schadet. Mit 26 Jahren avanciert er zum Assistenzprofessor an der George Washington University.

Im Sommer 1906 reist die junge Familie (inzwischen ist ein Kind zur Welt gekommen) über Baden-Baden nach Paris. In Begleitung der attraktiven Olga Molitor, die das Flair der französischen Hauptstadt erleben möchte. Anschließend sollte die Reise zurück in die Vereinigten Staaten gehen.

Doch dazu kommt es nicht mehr. Nach einem Streit der Schwestern wegen der von Lina unterstellten "unerträglichen" Hinwendung ihres Gatten zu der gleichaltrigen Olga, erhält Josefine Molitor am 29. Oktober ein Telegramm: KOMME MIT NÄCHSTEM ZUG PARIS - OLGA SEHR KRANK - LINA. Die "Medizinalrätin" reist an die Seine und findet die Familie bei bester Gesundheit. Niemand will das Telegramm aufgegeben haben.

Die Eheleute Hau begeben sich nach London. Während der Fahrt kommt es zum Streit über das Verhältnis zwischen Karl und Olga Molitor. Gerade angekommen, lässt ein Telegramm mit dem Wortlaut: KOMMEN SIE UNVERZÜGLICH NACH BERLIN - DISKRETION NOTWENDIG - THIES Hau sofort wieder aufbrechen. Sein Ziel ist jedoch nicht die Reichshauptstadt, sondern Frankfurt am Main, wo er ein bizarres Verhalten an den Tag legt. Der junge Professor bittet den Hotelportier, ihm "schöne Weiber" zu vermitteln, beim Hotelfriseur gibt er einen falschen Vollbart und eine Perücke in Auftrag. Dann lässt er mit Madame Lolotte vom Kabarett Maxim und anderen Damen die Korken knallen. Am 6. November 1907 nimmt er den Zug nach Baden-Baden. Nachmittags stolziert er dort mit schlecht sitzender Perücke und groteskem falschen Bart umher. In der Villa Molitor schrillt das Telefon. Das Dienstmädchen nimmt ab. Es meldet sich "Postvorsteher Graf" und bittet "die Frau Geheimrat sich wegen des falschen Telegramms aus Paris zur Post zu bemühen" Das Original-Formular sei nun zur Hand - möglicherweise könne sie die Schrift identifizieren. Das Mädchen erkennt die Stimme des Anrufers: Karl Hau. Die Erkenntnis behält sie erst einmal für sich. Josefine Molitor macht sich mit Tochter Olga auf den Weg.

Gegen 18 Uhr befinden sich die Frauen auf der Kaiser-Wilhelm Straße im beschaulichen Villenviertel oberhalb des Kurhauses. Da fällt ein Schuss. Die Medizinalratswitwe bricht tot zusammen. Die Kugel hat ihr Herz durchbohrt. Olga sieht einen Mann davoneilen. Sie erkennt ihn nicht.

Derweil nimmt Hau den Zug und reist über Oostende zu Frau und Kind nach London.

Gerade angekommen und rund 24 Stunden nach dem Mord, wird er von Scotland Yard verhaftet und im Januar 1907 nach Karlsruhe ausgeliefert.

Polizei und Staatsanwaltschaft hatten keinerlei Probleme, Karl Haus Anwesenheit in Baden-Baden zur Tatzeit nachzuweisen.

Nun muss Lina erkennen, dass der Angetraute ihr Vermögen für sein "Lotterleben" verschwendet hatte. Auch glaubt sie wohl fest an eine Affäre zwischen dem Gatten und ihrer Schwester. In Verhören überzeugt Staatsanwalt Dr. Bleicher sie auf unsensible Art von der Schuld ihres Angetrauten. "Mein Mann, den ich über alles liebte, wird der Ermordung meiner Mutter beschuldigt. Ich kann diesen Zustand nicht länger ertragen", schreibt sie und ertränkt sich im Pfäffikoner See in der Schweiz.

Gut einen Monat später beginnt vor dem Großherzoglich Badischen Schwurgericht zu Karlsruhe der Mordprozess gegen "den amerikanischen Rechtsanwalt" Dr. Karl Hau. Zweiundsiebzig Zeugen und neun Sachverständige werden gehört. Das Verbrechen aus der "feinen Gesellschaft" der kleinen, mondänen Kurstadt stößt auf gewaltiges Interesse. Die Einheimischen kennen den "Amerikaner", der wie aus dem Ei gepellt mit einer weißen Nelke im Knopfloch am Ufer der Oos zu promenieren pflegte. Und weil die undurchschaubare Person des außergewöhnlich intelligenten Hochschullehrers, der 1881 als Sohn eines Bankdirektors im Moselland geboren wurde, weltweite Neugier erweckte.

Als Motiv unterstellt die Staatsanwaltschaft Hau seine ständige Gier nach "frischem Geld". Im Falle eines Ablebens der Witwe Molitor hätte Familie Hau rund 75 000 Mark geerbt. Karl Hau, der zuvor in einem Freiburger "Irrenhaus" untersucht und für geistig gesund befunden wurde, macht vor Gericht einen unbeteiligten Eindruck, auch beim Anblick des Herzens des Opfers, das, in Spiritus eingelegt, auf dem Richtertisch steht.

Im Übrigen gibt der Angeklagte nonchalant zu, das "Olga-Telegramm" aus Paris gesandt, das "Berlin-Telegramm" selbst geschrieben und Frau Molitor als falscher Postvorsteher aus dem Haus gelockt zu haben. Auf die Frage nach dem Grund verweigert er die Aussage. Die Clownsnummer mit Perücke und falschem Bart habe er gespielt, weil er "für ein geheimes Geschäft" unterwegs gewesen sei...

Zum Grund Reise nach Baden-Baden befragt, verweigert er die Aussage. Als ihn der Gerichtsvorsitzende Dr. Eller fragt, ob er zur Tatzeit am Tatort gewesen sei, antwortet Hau: "Es ist möglich, dass ich in der Nähe war." Auf die wiederholte Frage, ob er seine Schwiegermutter auf dem Gewissen habe, sagt er: "Ich möchte nochmals betonen, dass ich Frau Geheimrat Molitor nicht erschossen habe."

Er unternimmt nichts, was ihm Sympathien einbringen könnte. Meist gibt er sich desinteressiert, oft arrogant und dazu überheblich. Der Fall scheint hoffnungslos, die Guillotine ihm sicher. Doch es wird deutlich, was der junge Professor mit dem Schweigen und seinen Andeutungen bezweckt. In einem Zeitalter der strengen Konventionen lassen die grotesken Tatumstände nur einen Schluss zu: Eine Frau ist im Spiel. Und die will Hau schützen. In den Augen der entzückten Öffentlichkeit wird der Angeklagte nun vom eiskalten Mörder zum Gentleman.

Für Haus Unschuld spricht die Aussage einer Frau von Reitzenstein, die zur Tatzeit in Tatortnähe war, und den verkleideten Hau erkannte. Sie hatte aber noch einen anderen, kleineren Mann weglaufen sehen. Auch war aus Haus Revolver nicht geschossen worden. Doch Sachverständige hatten festgestellt, dass der tödliche Schuss aus nächster Nähe abgefeuert worden war. Und da waren nur Karl Hau und Olga Molitor - sieht man einmal vom mysteriösen "Schattenmann" ab, den der Staatsanwalt als Hirngespinst einer überspannten Frau ansah. Was wiederum zur Folge hatte, dass er vom Ehemann der Zeugin, einem österreichischen Offizier, zum Duell gefordert wurde. Dr. Bleicher verwies auf den Prozessweg.

Olga Molitor, nun wegen ihres rotblonden Haares respektlos "die Rote" genannt, steht unausgesprochen unter Tatverdacht - zumal auch sie bei der Erbschaft bedacht worden war. Olga verspielt alle Sympathien, weil sie ihren Schwager weder be- noch entlastet, und nicht zu ihrer unterstellten "verbotenen Liebe" steht. Auf die entsprechende Frage des Gerichts ruft sie "Niemals! Niemals!" und bricht zusammen. Olga wird angepöbelt, die Scheiben ihres Hotels eingeworfen.

Hau entschließt sich dann doch noch zu einem "Geständnis": "Ich bin auf den Kontinent nach Baden-Baden gereist, um meine Schwägerin Olga noch einmal zu sehen und zu sprechen, bevor ich mit meiner Familie nach Amerika zurückging." Den Mummenschanz erklärt er schlicht: "Ich wollte nicht erkannt werden".

In den frühen Morgenstunden des fünften Prozesstages verkündet Dr. Eller das Todesurteil. Eine Revision wird verworfen, woraufhin Großherzog Friedrich II. von Baden das Todesurteil in lebenslängliche Zuchthausstrafe verwandelt. Im Dezember schließen sich die Tore des Zuchthauses Bruchsal hinter Hau. Er sitzt zwölf Jahre in Einzelhaft. Nach insgesamt 17 Jahren kommt er frei - unter der Auflage, den Prozess oder die Haft nicht für "sensationelle" Veröffentlichungen zu nutzen. Doch genau das tut er. Er begibt sich nach Bernkastel zu seiner Stiefmutter und verfasst die Schriften "Das Todesurteil" und "Lebenslänglich", in denen er jede Schuld am Tod der Schwiegermutter bestreitet. Der Ullstein-Verlag soll ihm 100 000 Mark dafür bezahlt haben. Wegen des Verstoßes gegen die Auflagen wird die Strafaussetzung im Oktober 1925 widerrufen. Daraufhin verschwindet Karl Hau.

1926 findet ein Schafhirt in den Ruinen der Adrianschen Villa in Tivoli bei Rom einen glatzköpfigen, übergewichtigen, bewusstlosen Mann, der im Krankenhaus stirbt. Die Obduktion hatte eine Vergiftung ergeben. Der Mann war in einem Römischen Hotel als Robert Lee abgestiegen - doch sein Pass war falsch. Der Tote ist Karl Hau, was seine Fingerabdrücke beweisen. Zwei Jahre darauf verarbeitet der Schriftsteller Jakob Wassermann die "Hau-Affäre" zu dem Bestseller "Der Fall Maurizius", der 1953 vom französischen Regisseur Julien Duvivier verfilmt wurde Es wird berichtet, dass kurz nach der Premiere eine sehr schöne alte Dame mit schlohweißem Haar in einem Genfer Kino auffiel. Olga Molitor weinte...

Wer die Medizinalratswitwe tötete - Karl Hau, Olga Molitor oder beide - wurde nie geklärt.