Das Kreuz mit den Russen

In Nikolassee, kurz vor der Brücke über die Avus, bricht die historische Chaussee von Berlin nach Potsdam jäh ab.

Foto: Massimo Rodari

In Nikolassee, kurz vor der Brücke über die Avus, bricht die historische Chaussee von Berlin nach Potsdam jäh ab. Die Straße geht natürlich weiter. Aber anders. Ohne alte Eichen auf dem Mittelstreifen, dafür mit Leitplanken. Autobahnauffahrten schwenken ab, Fußgänger und Radfahrer müssen hinabgleiten in eine Unterführung. "Kleeblatt" haben Autobahnplaner diesen Traum aus Beton einmal genannt, wegen der vielen Straßenschlenker. Taucht man hier also ein in den Fußgängertunnel, sieht man gerade noch zwei letzte Bäume, die den Eichen auf der Mittelinsel der Chaussee folgen. Das sind zwei tote Baumstämme, zusammengefügt zu einem hohen, groben Kreuz. Dieses schlichte Symbol steht, ganz mahnmal- und friedhofsmäßig, hinter einer Hecke. Verkehrsumbrandet und völlig abgeschieden. Es gibt kein Herankommen. Auch Autofahrer nehmen das Kreuz in der Straßenmitte nur im Vorbeirauschen wahr. Wenn überhaupt. Anhalten dürften sie sowieso nicht. So bleibt nur das Hinweisschild am Fahrbahnrand: "Gedenkstätte 17. Juni 1953" steht darauf.

Als wäre das Ganze ein grotesker Einfall mobilitätsgläubiger Planer: Das Kreuz gleicht heute einem Autofahrer-Mahnmal, für gar nichts anderes gedacht als das Vorbeifahren. Wie eine jener rotbraunen Tafeln an der Autobahn, die manchmal auch an historische Ereignisse erinnern, die in der Gegend stattfanden. An denen man ja aber auch nicht stoppen soll. Nur ist die Vorgeschichte an der Potsdamer Chaussee eine ganz andere. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte hier zunächst ein sowjetischer Panzer gestanden. Damit begann auf diesen vielleicht einhundert Quadratmetern Mittelstreifen eine bis heute schwierige Denkmalgeschichte. Der T-34-Tank, den die Sowjetarmee 1945 aufstellte, war angeblich jener, der als erster Berlin erreicht hatte. Gedacht war er als Symbol der Befreiung. Allerdings wurde er schon bald zum Hassobjekt, je weiter die Sowjets ihre Blockadepolitik gegen die Westsektoren vorantrieben. Nur kurz entfernt lag der Kontrollpassierpunkt der Sektorengrenze, aus dem später die riesige Übergangsstelle Dreilinden-Drewitz wurde.

Nun mussten amerikanische Militärpolizisten den Panzer schützen. Das aggressive Gefährt stand zeitweilig sogar in einer Art Käfig, das sollte Übergriffe aufgebrachter Westberliner verhindern. Sie sahen eine derartige Zurschaustellung der Sowjets im amerikanischen Sektor als Affront an. Nach dem gescheiterten Aufstand in Ostberlin vom 17. Juni 1953 folgte der Showdown auf dem Mittelstreifen: Das große Holzkreuz zum Gedenken an die "Opfer und die unerschrockenen Kämpfer" wurde an dieser hochbrisanten und grenznahen Stelle in Zehlendorf aufgestellt. "Und zwar bereits am 25. Juni", berichtet Peter Boeger vom Verein "Checkpoint Bravo", der sich um das Erbe der ehemaligen Grenzanlagen im Südwesten Berlins kümmert. Die Symbole standen sich direkt gegenüber, bis die Russen 1954 ihren Panzer abzogen. Da er ständig Provokationen ausgesetzt war, wie es von ihrer Seite hieß. Der Panzer blieb dann bis 1990 auf DDR-Gebiet direkt an der Grenze. Zuletzt auf dem Sockel an der Autobahn, den heute viele kennen, weil danach eine rosa lackierte Schneefräse darauf montiert wurde.

Auf der Potsdamer Chaussee folgte dem fortgeschafften Panzer im Jahr 1954 gleich die nächste hochpolitische Symbolik - auch sie ein Ausdruck des Kalten Kriegs. Eine Gruppe von radikalen Exilrussen konnte sich nämlich damit durchzusetzen, neben dem Kreuz noch einen Gedenkstein für erschossene russische Offiziere und Soldaten aufstellen zu lassen, die ebenfalls Opfer des Ostberliner Aufstands gewesen seien. Sie mussten sterben, steht auf dem Stein bis heute zu lesen, "weil sie sich weigerten, auf die Freiheitskämpfer des 17. Juni 1953 zu schießen". Vieles spricht allerdings dafür, dass es sich bei der Initiative um bewusste Fehlinformation gehandelt hatte. "Es gibt bisher keinerlei Hinweise auf diese Erschießungen", sagt der Zeithistoriker Sascha Kowalczuk, der jahrelang den Volksaufstand in der DDR erforscht hat. Fest steht dagegen, dass der von den Exilrussen genannte Kronzeuge im Juni 1953 bereits in den Westen geflüchtet sei.

Angesichts dieser Wirrungen mag es doch gar nicht so sehr verwundern, dass niemand diese Gedenk-Verkehrsinsel aus ihrem Schattendasein befreit. Selbst die Geschichte eines gerade einmal 100 Quadratmeter großen Grünstreifens kann sehr komplex sein. Niemand traut sich recht heran, keiner fühlt sich zuständig. Die Mittelinsel gehört dem Bund, weil sie offiziell auf Autobahnland steht. Aber pflegen tut sie das Grünflächenamt Zehlendorf, aus Anstand und Gewohnheit sozusagen. Ein eingetragenes Berliner Denkmal ist die Gedenkstätte jedoch nicht. Vielleicht schafft es der Checkpoint-Bravo-Verein ja bald, auch die Geschichte des Panzer- und 17. Juni-Denkmals aufzuarbeiten. In Drewitz war der rührige Verein nach langem Ringen erfolgreich. Den Wachturm konnte er erhalten, bald sollen Schulklassen empfangen werden.

An der Potsdamer Chaussee gibt es nur einmal jährlich Kränze. Bald ist es wieder soweit, zum Jahrestag am 17. Juni. Dann kommt der Bezirksbürgermeister von Steglitz-Zehlendorf mit einer Abordnung, die Straße wird kurz gesperrt, und der Mittelstreifen darf wenigstens eine Stunde lang ein wenig Aufmerksamkeit genießen.