Ick, der Wahnsinn

Sie erinnert an einen Pandabären. An einen Pandabären mit der Frisur von Mireille Matthieu.

Sie erinnert an einen Pandabären. An einen Pandabären mit der Frisur von Mireille Matthieu. Alles an ihr ist schwarz oder weiß, oder schwarz und weiß: Ihre große, runde Sonnenbrille im Retro-Look mit den schwarzen Gläsern und dem weißem Rand, ihre zwei Halstücher, eines schwarz und eines weiß, ihre helle Schneewittchenhaut und ihr schwarz schimmerndes Haar. Dazu ein großer, weicher Mund mit der sinnlichen Kraft einer Scarlett Johansson. Und wenn sie lächelt, entblößt sie diese lustige Zahnlücke oben links und wirkt sofort sympathisch. Die Schauspielerin und Sängerin Anna Fischer ist 20 Jahre und erfrischend direkt: "Also - wat willste wissen?"

Warum jemand mit elf Jahren bereits die erste Band gründet. Wie es war, mit 16 von Hans Christian Schmid entdeckt zu werden. Wie sie sich gefühlt hat, als sie von Thomas Gottschalk die Goldene Kamera überreicht bekam. Aber vor allem, wie man in so jungen Jahren ein Star wird- und bleibt.

Geboren und aufgewachsen ist Anna Fischer in Berlin-Hohenschönhausen. Der Vater arbeitet in einer Firma in der Forschung, die Mutter ist Kindergärtnerin. Ganz früher - also bevor sie zehn wurde - wollte Anna Fischer Müllmann werden. "Weil ich det sooo geil fand, wie die draußen rumjefahren und sich da so hinten ranjehangen ham". Doch dann kamen andere Aufhänger: Mit zehn fing Anna Fischer an zu singen und gründete mit elf die Kinder-Girl-Group Zungenkuss, dann die Hip-Hop-Crew "Anna und Bea" und zuletzt ein Musical mit Auftritten im Tacheles, in der Volksbühne und am Gendarmenmarkt.

Bei einem Auftritt im Prenzlauer Berg vor vier Jahren saß dann zufällig Regisseur Hans Christian Schmid im Publikum und lud die 16-jährige zum Casting ein. Noch am selben Tag bot man ihr eine kleine Rolle in Schmids preisgekrönten Kinofilm "Lichter" und eine weitere Rolle in der Serie "Berlin, Berlin" an. "Und so kam et, dass ick zur Schauspielerei gekommen bin, wat halt ziemlich cool war", erzählt Anna Fischer so, als wäre es das normalste der Welt.

"Kennste det?", ist der Satz der alle paar Minuten von ihr zu hören ist. Und tatsächlich, so verbindlich wie sie es sagt, hat man wirklich das Gefühl, "det" zu kennen. Wenn sie spricht, fließen die Sätze lässig aus ihr heraus. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass der Jungstar auch nervös ist, das Richtige sagen will - und vor allem "nich' in irgendeene Schublade" gesteckt werden möchte.

Der Durchbuch als Schauspielerin gelang Anna Fischer vor zwei Jahren mit der Hauptrolle in Jeanette Wagners "Liebeskind". In dem kammerspielartigen Drama verkörpert sie die halbwüchsige Berlinerin Alma, die nach Jahren der Trennung ihren Vater wiedersieht und sich in verwirrend erotische Gefühle für ihn verstrickt. Am Ende des Films landen Vater und Tochter im Bett. "Wenn du die Szene nich bringst, brauchste den Film nich zu machen." Fischers Blick wird intensiv. "Det is schon total krass, aber wat willste machen, wenn es die reine Liebe is? Da kannste keen Gesetz nehmen und det verbieten." Liebe oder keine Liebe. Schwarz oder weiß - ihre Welt. Und was haben ihre Eltern gedacht, als sie ihre Tochter im Film sahen? "Natürlich waren die geschockt, obwohl sie das Drehbuch gelesen hatten. Meine Oma und mein Opa dagegen, die waren easier, die haben nur gesagt: ,Super, Anna'."

Das Inzest-Drama, das die Kinoverleiher abschreckte, machte Anna Fischer zum Star. 2006 bekam sie den Max-Ophüls-Preis als beste Nachwuchsdarstellerin. Anfang dieses Jahres tauchte Anna Fischer im knallroten Marilyn-Monroe-Kleid bei der Goldenen Kamera auf. Als ihr Thomas Gottschalk die Lili Palmer & Curd Jürgens Gedächtniskamera als beste Nachwuchsschauspielerin überreichte, wurde ihr vor laufender Kamera schwarz vor Augen. "Kennste det, wenn de in Ohnmacht fällst und die Geräusche plötzlich janz weit weg sind? Ick dachte nur, du musst jetzt was sagen." Hat sie dann auch. Sie bedankte sich knapp bei den Eltern. Aber was hatte Anna Fischer so sehr aus der Fassung gebracht? Vor lauter Leidenschaft schmeißt sie ihre Teetasse um. Ist doch klar! Sie hatte einfach nicht damit gerechnet. Sie hatte doch erst einen großen Film gemacht und dann steht eines Abends diese Limousine vor ihrem "abgeranzten Haus im Friedrichshain" und sie steigt im schönen Kleidchen ein. "Und plötzlich sitzt de denn in der Nähe von Pierce Brosnan und Nicolas Cage. Wahnsinn, ick kann nur Wahnsinn sagen."

Nach dem Erfolg mit Liebeskind folgen weitere Rollen in TV-Filmen und -Serien und Anna Fischer war und wird auch wieder im Kino zu sehen sein. Aktuell dreht sie für "Fleisch ist mein Gemüse" nach der Buchvorlage von Heinz Strunk. Und was macht der Rummel privat aus Anna Fischer? "Hat sich nix verändert. Ick wohn immer noch in meener kleenen Buchte und trotzdem will die Vattenfall meenen Strom ausschalten." Dabei sind ihre Familie, ihre drei langjährigen Freunde und Freund Leo, ihre Bodenhaftung. Auch wenn die Produktionen verlangen, dass Anna Fischer die freien Tage am Drehort fristet, fährt sie nach Hause zu Leo, der in Berlin studiert. Und von ihrer Familie lässt sie sich auch verbale Ohrfeigen gefallen, wenn die denken, dass sie arrogant wirke. Wahrscheinlich sieht sie den Hype um ihre Person darum so nüchtern.

Zudem ist da noch ihr zweites, immer fester werdendes Standbein: die Musik. Bei diesem Thema echauffiert sie sich erst mal, ihre Haare vibrieren und die Wörter purzeln aus ihr heraus. "Ick weiß doch jenau, wie det läuft. Wenn de schauspielerst und dann singst. Det törnt immer ab. Bei eener Jana Pallaske zum Beispiel, oder Julia Hummer. Die werden plötzlich nich mehr wahrjenommen!" Doch momentan sind diese Sorgen grundlos. Ihre aktuelle Band heißt Panda, weil auch Freund Leo fand, dass sie wie ein Pandabär aussieht. Anna Fischer ging auf die Straße und testete den Namen sofort an Passanten: "Wat hälste von Panda?" Der Name bestand den Test. Was live klingt wie Punkrock mit Kodderschnauze beschreibt Anna Fischer als "rotzije Beatmusik."

In letzter Zeit ist Anna Fischer mit Panda durch die Berliner Clubs gerockt. Mit Erfolg! Nächsten Monat wird Panda nicht nur als Vorgruppe von Maximo Park auftreten, sondern auch als Vorband die gesamte Tour von Rosenstolz begleiten.

Entscheiden zwischen Musik und Schauspielerei will sie sich nicht. Dabei schreibt Anna Fischer ihre Zeilen selbst: "Ihr seid so verlogen, so ichbezogen und dit nichma heimlich, is euch det nich peinlich? Lasst ma in Ruhe. Jeht kacken!" Die Texte drehen sich um Erlebnisse, von denen Anna Fischer hofft, "dass sie wenigstens eenen Menschen da draußen erreichen, der sich ooch so fühlt."

Anlass zum Text von "Jeht kacken" war eine Nachtfahrt mit dem ICE nach Berlin. Todmüde schleppte sich Anna Fischer von Abteil zu Abteil - in der Hoffnung, sich hinlegen zu können. Schließlich landete sie bei einem Paar, das ihr erst erlaubte sich zu setzen, um sie kurz darauf doch rauszuschmeißen. Anna Fischer war so geschockt, dass sie sich wortlos verkroch und im geschlossenen Speisewagen ihre wütenden Zeilen schrieb. "Jeht kacken" ist an alle gerichtet "die et nich ehrlich mit mir meinen." Die Singleauskopplung soll Ende April erscheinen, die Platte im Sommer.

Was, meint sie, braucht ein junger Mensch um ein Star zu werden und zu bleiben? Sie wirkt nachdenklich: "Ick glaube ganz viel Disziplin und Freundlichkeit." Alle reden von dem Glück, dass sie gehabt hat, das sieht sie anders. "Wenn du ein bisschen Talent für wat hast, wenn dir wat wichtig jenug is, du brauchst dich doch nur zu kümmern, Termine wahrnehmen, pünktlich kommen." Das sind keine leeren Floskeln. Anna Fischer hatte vor zwei Jahren persönlich ihr Demoband zur Produktion von Liebeskind gebracht, absolvierte mit 39 Fieber ihre ersten Drehtage, rockte trotz Husten und Heiserkeit im Franz Club und erscheint auf die Minute pünktlich und gut gelaunt zu Interviews. "Ooch wenn de mal jemand nich leiden kannst, darfste nie oll werden. Det is wichtig."

Also nie oll werden, sich kümmern, in keene Schublade stecken lassen, immer direkt sagen, was Sache ist und dabei freundlich bleiben, das ist das Credo von Anna Fischer. Jetzt steht sie auf, setzt ihre runde Brille ab und blinzelt mit dunklen Augen in die Frühlingssonne: Dann rückt sie ihre zwei Halstücher zurecht. Erst das schwarze, dann das weiße. "Und wo musst du jetzte hin?", kommt von ihr die Frage, als wäre man befreundet. Zum Abschied schenkt sie einem ein schräges Zahnlücken-Lächeln, schwingt sich auf ihr schwarzes Mountainbike und verschwindet im Verkehr der Stadt.