Laufen und Saufen - eine britische Spezialität

Den größten Stilbruch an diesem Sonntagnachmittag begeht der Neue - und zwar, bevor die Veranstaltung überhaupt begonnen hat.

Den größten Stilbruch an diesem Sonntagnachmittag begeht der Neue - und zwar, bevor die Veranstaltung überhaupt begonnen hat. Im frühlingshaften Licht am Richard-Wagner-Platz beginnt der Typ mit den halblangen Haaren plötzlich mit Dehn- und Aufwärmübungen: Eifrig versucht er wieder und wieder, mit seinen Fingern an seine Zehenspitzen zu kommen. Rund 25 Herren und Damen in Sportklamotten - also eigentlich viel mehr Herren, einige mit formvollendeten Bierbäuchen - stehen mit Gesichtern da, als sei hier jemand mit einem Panzer zur Tea Time vorgefahren. Endlich findet einer seine Sprache wieder: "Hey!", blafft er, so laut er es eben vermag, "Hey! What the fuck are you doin'!? No competitive running!" Also in etwa: "Hey, du Blödmann, mach mal langsam! Das ist hier kein Wettkampf!"

Willkommen bei den Berliner Hash House Harriers. Offensichtlich tragen sie - obwohl ihre Angehörigen inzwischen fast nur Deutsche sind - ihren englischen Namen nicht umsonst. Soviel sollte man von britischer Lebensart jedenfalls mitbekommen haben, dass es dem wahren Sportsmann nie ums Gewinnen geht. Sondern ausschließlich darum, seine Aufgabe gleichermaßen elegant wie gelassen zu lösen.

Die Aufgabe, die sich die Harriers gestellt haben, ist vielschichtig. Sie verbinden systematisch die Problemfelder Geselligkeit, Körperertüchtigung und Alkoholzufuhr, indem sie unter weitgehendem Verzicht auf organisatorische Kleinigkeiten wöchentlich in ihrer Stadt zusammenkommen. Vom Treffpunkt geben ein bis zwei Mitglieder der Gruppe - die "Hares", also Hasen - mit Kreidemarkierungen einen Pfad durch den Großstadtdschungel vor, den die Harriers - "Querfeldeinläufer" - im Laufschritt bewältigen müssen. Die Markierungen schließen dabei aber dezidiert nicht aus, dass sich die Harriers total verfransen. Und nach dem Programmpunkt Körperertüchtigung wartet der sogenannte Hash-Circle, der die Alkoholzufuhr regelt, aber davon später mehr. Die Geschäftssprache ist Englisch, denn die Harriers knüpfen an eine Tradition an, die der englische Geschäftsmann Albert Stephen Ignatius Gispert 1938 mit einigen gelangweilten Geschäftsfreunden in Kuala Lumpur erfand. "Hash House" war der Spitzname für ihren Club, in dem häufig Gehacktes (engl.: "Hash") serviert wurde.

An diesem Sonntag hält Hare "Mouth Organ" - das ist sein Hash-Name, Harriers haben eine eigene Hash-Identität - noch eine besondere Freude für seine Jäger bereit: "Wir werden heute schon auf dem Weg eine Pause für ein Bier einlegen!", deklamiert er auf Englisch über den Richard-Wagner-Platz, als er vor dem Lauf ein paar Hinweise zum Pfad gibt; eine Information, die mit Gebrüll quittiert wird. Harrier "Lame One", also "Der Lahme", und wie sich bald herausstellt, trägt er seinen Titel nicht ohne Grund, ist dennoch skeptisch: "Liegen Hundehaufen auf der Strecke?", fragt er in Richtung "Mouth Organ". Der Angesprochene zieht noch einmal an seiner Pall Mall und antwortet väterlich: "Jede Menge."

"Lame One" pustet mit aller Kraft in sein bronzenes Schiffhorn, brüllt den branchenüblichen Weckruf "On! On!", und die Masse verfällt in einen verhaltenen Trab in Richtung Spree. Eine Ausnahme macht nur "Ice Bein": Er sprintet, als gelte es die 100 Yards bei den Commonwealth-Games zu gewinnen. Bereits nach wenigen Metern landet er auf der Nase. Aber "Ice Bein", ein drahtiger Mann um die 40, ist zäh und findet sofort den ersten Checkpoint. Ein Kreidekreis auf einem Gullydeckel. Das Zeichen des Hasen: Noch seid ihr richtig, aber ich sage euch nicht, wie es weiter geht. Ihr könnt jetzt geradeaus, links oder rechts. "Ice Bein" und "Fister" probieren es links, kommen aber nach zwei Minuten genervt wieder, weil sie das "Sackgasse"-Zeichen erblicken mussten.

Der richtige Weg führt geradeaus über die Spree und weiter in den Garten des Schlosses Charlottenburg. Allmählich findet jeder sein persönliches Tempo - und um das Pack zusammenzuhalten, oder vielleicht auch nur, um zeigen, dass er auf der Welt ist, pustet "Lame One" immer wieder in sein Schiffshorn. Das Tuten vermischt sich harmonisch mit dem streng englisch gehaltenen Gefluche der Läufer und dem infernalischen Gekläffe von Dackeldame Sheila, die als heutiges Maskottchen mit dem Pfad wohl nicht vollständig einverstanden ist. Dabei herrschen bei Sonnenschein und lauen 13 Grad Idealbedingungen - man will sich gar nicht ausmalen, welches Konzert Sheila an einem regnerisch-windigen Berliner November- oder brüllheißen Augustnachmittag absondern würde. Regen, Hitze, Schnee und Wind hat es für die Hauptstadtharriers schon genügend gegeben, denn sie machen sich ausnahmslos jeden Sonntag auf die Jagd.

Beim leichten Jogging im Schlossgarten, vorbei an ungläubigen türkischen Boule-Spielern, erzählt "Mighty Tighty", im bürgerlichen Beruf Notarzt in Brandenburg, seine Hash-Geschichte. Wie sein australischer Kumpel ihm dauernd in den Ohren lag. Wie er zuerst völlig entgeistert reagierte. Wie er dann eher aus Pietät einmal mitkam. Und seitdem vom Hash nicht mehr lassen kann, obwohl er nicht müde wird, zu versichern, Sonntag für Sonntag ausschließlich von komplett Wahnsinnigen umgeben zu sein.

Viele andere Berliner Harrier gehören als Bedienstete des Auswärtigen Amtes zur repräsentativen Speerspitze Deutschlands. Der Grund ist simpel: Hashes gibt es überall auf der Welt. Mit einem Blick ins Internet ist man dabei und lernt noch im letzten afrikanischen Nest sofort ein paar Gleichgesinnte kennen. Manche Harrier fahren sogar extra weg, um Veranstaltungen im Ausland zu besuchen. "Fister" - ein bulliger Mann mit Glatze - kann gar nicht aufhören, den Hash im Libanon zu preisen, von dem er gerade zurückgekehrt ist. Andere tragen T-Shirts vom "Interhash 2004" im walisischen Cardiff.

Am Lietzensee ist von dieser Begeisterung allerdings nichts mehr zu merken: "Wann halten wir hier endlich mal für das verdammte Bier an!?", schreit "No Blobs" halb wütend, halb flehend den Hare "Mouth Organ" an. Der gibt ungerührt zurück: "Wenn ihr es euch verdammt noch eins verdient habt."

Die Harriers haben sich ihr Bier auf der Jagd recht bald verdient - einzig, dass anstatt eines anständigen Gebräus ein "Beck's Green Lemon" ausgehändigt wird, macht die Sache für den Hare nicht einfacher. Die Kommentare sind nicht überlieferungswürdig. Für den Hare ist es besser, dass alle rasch wieder auf die Strecke gehen.

Der Richard-Wagner-Platz taucht auch glücklicherweise recht schnell durch den leichten Beck's-Green-Lemon-Augennebel wieder auf. Der Hare hat es jetzt gnädig gemacht: Knapp acht Kilometer hatte sein Parcours. Zeit fürs Durchatmen, sollte man meinen, Ende der Körperertüchtigung, jetzt wird's gemütlich. Die puterroten Gesichter der Harriers könnten jedenfalls ein wenig Entspannung gebrauchen.

Ein fataler Irrtum. Denn was immer die Harriers bereit waren, sich beim Lauf zu schenken, im Hash-Circle wird kein Pardon mehr gegeben: Bei jedem wird so lange gesucht, bis sich etwas findet, was er sich beim Lauf hat zuschulden lassen kommen. Und um diese Schuld zu tilgen, muss er unter dem aufmunternden Ruf "down, down" - "Runter damit! - im Kreise seiner Lieben ein kleines Bier auf Ex trinken. Was er in der vorgegebenen Zeit nicht schafft, hat er sich über den Kopf zu schütten.

Im Hash-Circle an der Spree gibt "Lame One" auf einer umgedrehten Bierkiste den Ton an: Der Neue hat beispielsweise mit dem Finger auf einen anderen Harrier gezeigt - streng verboten. Der Harrier deutet höchstens mit dem Ellenbogen, um beim Hash geschmeidig zu bleiben. "Lame One" kommandiert: "Ab in den Kreis", der Neue trinkt so schnell er kann, schafft es aber nicht ganz - und so klebt der Rest des goldenen Getränks schnell in seinen Haaren. Die Harriers stimmen frohgemut ihr Lied "What a wank" an. Wer nicht weiß, was das bedeutet, schlägt einfach im Wörterbuch nach. Am meisten bekommt an diesem Nachmittag der Hare ab, "No Blob" muss den Hashit-Helm für das schwere Vergehen, den Hare zu früh nach Bier angeraunzt zu haben tragen, und "Fister" freut sich über einen ordentlichen Schluck aus seinem teilgereinigten Joggingschuh. Fairerweise muss man sagen: Es besteht kein Zwang zum Biertrinken, es gäbe auch Softdrinks, aber Ehrensache ist Ehrensache.

Danach geht es noch in den Hash-Pub "Zum Anker" mit weiterem Bier und Boulette mit Bratkartoffeln zu Vierfuffzig. "Mighty Tighty" sagt: "Einmal Harrier, immer Harrier."

Anyone for football?

Die Berliner Hash House Harriers im Internet:

www.berlin-h3.de