Sensationen im Salon

| Lesedauer: 10 Minuten
Jörg Niendorf

Foto: Massimo Rodari

Zwei Grunewaldseen sind derzeit der ganze Stolz des Hausherrn. Gemälde von typisch märkischen Gewässern, mit Birken und Kiefern.

Zwei Grunewaldseen sind derzeit der ganze Stolz des Hausherrn. Gemälde von typisch märkischen Gewässern, mit Birken und Kiefern. Ein See im faden Dämmerlicht, einer im kräftigen Abendrot, wenn die Kieferstämme besonders leuchten. Sie hängen übereinander an einer zartgelben Wand, man kann durch eine lange Zimmerflucht auf die beiden Bilder schauen. Durch den pfirsichfarbenen Salon, den rostroten und den lindgrünen. Die Sonne fällt durch die Fenster auf das helle Parkett, draußen döst der Wannsee spiegelglatt vor sich hin. In solch einem Augenblick passt für Jörg Thiede, den begeisterten Hausherrn, einfach alles. Mehr Impressionismus geht nicht. Die Ölgemälde sind von Walter Leistikow und gerade erst eingetroffen. "Ein bisschen Erfrischung, ein bisschen Erregung" hatte Leistikow seinerzeit als Parole ausgegeben. Er wollte gegen Ende des 19. Jahrhunderts den Aufruhr im akademischen Kunstbetrieb. Sehr erfrischend geht nun auch der Sammler Thiede zu Werke, der in seiner Villa die Berliner Landschaftsmaler aus der Zeit um 1900 ausstellt. Ganz ohne museale Strenge. Die Fenster stehen in Thiedes öffentlichem Salon bisweilen offen, es gibt keinen strikten Hängeplan. Was wo an die Wand kommt, bestimmen nur Thiede und seine Frau Traute. Der Herr des Anwesens kommt ohne Anzug und Handy aus. Meistens begrüßt er seine Gäste persönlich. Vom heutigen Sonntag an sind auch die neuen Leistikow-Bilder zu sehen. Wer will, dem erzählt der Hausherr etwas dazu. "Ein Haus für alle Sinne" nennt Thiede seine Villa gern.

Kunsthistorisch schafft er eine Sensation. Der Salon wächst rasant, private Leihgaben werden ihm in großer Zahl zugetragen. Erst vor einem Jahr hat Thiede sein Haus eröffnet, fast zeitgleich mit der Liebermann-Villa, die auf dem Nachbargrundstück liegt. Dort die prominent besetzte Liebermann-Gesellschaft, hier der Selfmademan mit Kunstwerken seiner "Dr. Jörg Thiede-Stiftung". Das sind Bilder der Berliner Secession, darunter auch Liebermann-Zeichnungen, außerdem Kunst aus der Vorgängerbewegung, der "Vereinigung der XI" von 1892. Diesen Bestand hatte der Unternehmer aus Frohnau seit Mitte der 90er-Jahre zusammengekauft. Jetzt kann er sich kaum retten vor weiteren Exponaten für seinen Kunstsalon. Aus Wohnstuben und Schlafzimmern schaffen ihm private Besitzer kostbare Originale heran. Ein Liebermann-Ölgemälde vom Wannseegarten machte seinerzeit den Anfang, das teure Bild von 1916 kam in der Plastiktüte unter dem Arm seines Dahlemer Besitzers zu Thiede. "Das ist eine Bauchgeschichte", sagt dieser bescheiden. Man vertraue ihm halt.

"Ich unternehme hier etwas", sagt Thiede, "das rechnen mir viele hoch an." Der heute 69 Jahre alte Betriebswirt hat geforscht und gelehrt, die Systemanalyse ist sein Fach. Er war außerdem sehr erfolgreich mit einer Firmengruppe für Lernsoftware. Erst lag der Firmensitz am Kudamm, dann am Potsdamer Griebnitzsee. Jetzt residiert Thiede wieder an einer Goldküste. Eigentlich müsste seine Nachbarschaft, die frühere Colonie Alsen am Großen Wannsee, doch einer Millionärsmeile gleichen. Doch ist sie typisch Berlin mit Sportklubs und Bungalows. Mitten hinein in diese Mischung pflanzt nun ein bodenständiger Berliner sein offenes Haus am See. Wenn er ein Vorbild sucht, fallen ihm die Stiftungen "Park im Grüene" am Züricher See oder das Louisiana-Museum am Öresund nördlich von Kopenhagen ein. Orte, mit denen sich Großunternehmer verewigt haben. Die aber der Allgemeinheit dienen, Kunst und Natur bieten und partout nicht elitär sein wollen. Auch Thiede gibt nicht den Lord vom Wannsee, sondern eher den schweizerischen Chef, der für alle direkt ansprechbar ist: "Ich bin hier nur der Gärtner." Aber dass er es sehr ernst damit meint, Haus und Garten zu bestellen, glaubt ihm jeder. "Patron heißt schließlich auch Schutzherr, daher vertrauen ihm viele ihre Werte an", sagt einer derjenigen, die ihre Kunst bei ihm parken.

Soeben war es wieder soweit, insgesamt kamen sogar drei Bilder von Walter Leistikow. Die zwei Grunewaldseen und außerdem noch ein Birkenwald. Sie stammen aus der Familie Leistikow, genau genommen aus einem privaten Esszimmer. Die melancholischen Ansichten bissen sich dort allerdings ziemlich mit einer modernen Einrichtung, sodass bereits ein neuer Platz für die Erbstücke gesucht werden sollte. Zufällig kam Thiede ins Spiel, ein Vertrauter der Familie empfahl ihn. Binnen weniger Wochen wurde die Ausleihe auf unbegrenzte Zeit besiegelt, so geht es meistens. Handschlag, Versicherung, Überführung. Das ist die Reihenfolge. "Und immer mit Augenkontakt", fügt Thiede hinzu. Er sitzt an der Kasse in der großen Eingangshalle und unterhält seine Gäste, schwärmt im Garten von seiner Wildwiese oder oben im Grünen Salon von den Birken von Carl Hagemeister. Ein Motiv, das 1892 in Ferch am Schwielowsee entstand. Leuchtend, esoterisch. Hagemeister war ein Alternativer in der Elfergruppe von einst. Das Bild gehört Thiedes Stiftung. Daneben hängt nun das neu errungene Leistikow-Birkenwäldchen.

Seit einem Jahrzehnt hält ihn die Kunst des Kaiserreichs in Bann. Am Griebnitzsee hatte er nach 1990 eine Gründerzeitvilla gekauft, die einst für den wilhelminischen Marinemaler Carl Saltzmann erbaut worden war. Thiede sanierte sie von Grund auf. Die Bauplanung hat er sich selbst beigebracht, ganz der Systemanalytiker. Über dieses Haus kam Thiede zur Kunst von 1900. Mit Saltzmanns "Sommertag auf See" fing alles an. Thiede ersteigerte das Bild, das vielen ein Inbegriff für Ölschinken ist, in Hamburg. Doch zu seiner Herzenssache wurde die "Antithese", wie er sagt. Die Maler der Avantgarde, die gegen den Kunstgeschmack des Kaisers opponierten. Antipoden haben einfach mehr Reiz. Genau jene Motive von Leistikow, die Thiede jetzt zeigt, regten zum Beispiel Wilhelm II. besonders auf. Dessen Reaktion: "Der hat mir den ganzen Grunewald versaut." Also war Kunst-Revolution. Dann wurden die Revolutionäre berühmt und später waren sie selbst Reaktionäre gegenüber anderen jungen Künstlern.

Die palastartige Satzmann-Villa kaufte Thiede der Dirigent Christian Thielemann ab. Thiede kam es gelegen. Ihn zog es ohnehin zurück nach Berlin, so landete er am Wannsee. Im Jahr 2004 kaufte er die Villa Hamspohn für zwei Millionen Euro von der Deutschen Telekom. Das gewaltige Sommerhaus war 1906 für den AEG-Vorstand Johann Hamspohn gebaut worden, drei Jahre vor der Liebermann-Villa. Zuletzt war es ein Postruderklub. Wieder bestellte er sich selbst als Architekt und Bauingenieur, als Gartenbaudirektor, und dieses Mal eben auch als Gründungsrektor für einen öffentlichen Kunstsalon. Manchmal stöhnt er, dass alles so groß sei. Man nimmt es dem glühenden Idealisten nicht recht ab. Qualifizierungsgesellschaften, die benachteiligte Jugendliche fördern, haben das Baudenkmal hergerichtet. Und im Herrenzimmer hat Thiede eine Weißbierstube eingerichtet, die jener aus dem einstigen Berlin-Museum an der Lindenstraße nachempfunden ist. Mit Matjes und Bratkartoffeln, deren Duft bis in die Ausstellungsräume zieht. Nebenan, in der Liebermann-Villa, konnte man den hemdsärmeligen Nachbarn bislang nicht recht einordnen, so scheint es. Der wiederum hat eine Verbindungstür in den Gartenzaun gebaut.

Mehr als 80 Bilder und Plastiken sind in der früheren Hamspohn-Villa ausgestellt. Nur vier Werke stammen aus Museumsdepots, alle anderen aus Privatbesitz. Künstler der Vereinigung der Elf werden sonst gar nicht gezeigt, selbst die Berliner Secession taucht nur sporadisch auf. Es sei denn, es geht um die Person des mittlerweile als Berliner Großkünstler geltenden Max Liebermann. Neben ihm sind allenfalls noch Leistikow, Ludwig von Hofmann und Franz Skarbina prominent. Die anderen Namen der Elf, etwa Hans Herrmann, Jacob Alberts oder Konrad Alexander Müller-Kurzwelly, kennen nur wenige. Viele Entdeckungen sind darunter. In der Wannseevilla werden sie ins rechte Licht gerückt. Man staunt, wie viele es von diesen Berlin-und-Brandenburg-Bildern gibt und wie viele davon offensichtlich in der Gegend geblieben sind. Als Heimatbilder galten sie vielen bislang wohl als ein wenig angestaubt, als Impressionisten erlebten sie noch keinen rechten Durchbruch. Oft erfahren dafür Besucher bei Thiede, dass ein Original aus dieser Zeit , das bei ihnen zu Hause nur düster und schwer scheint, hier ganz anders aussähe. Und schon wird der Vertrag gemacht.

Der Kunstsalon ist auch eine Kunstpension. Etwa für den früheren Direktor eines Forschungsinstituts, der sonntags vorbeikommt, um sich sein Gemälde "Hochwasser an der Oder" anzuschauen. Von fast jedem Bild im Salon können Thiede oder seine Frau erzählen, wer es gebracht hat. Da war der Segler von nebenan mit dem Leistikow-Havelblick oder der Münchner Sammler mit einem Selbstporträt der Secessionistin Julie Wolfthorn. Dieser Künstlerin widmet Thiede derzeit einen Schwerpunkt. Kunsthistoriker beginnen sich ebenso für sie zu interessieren. Und als nächstes, das steht fest, wird der Künstler Hans Herrmann angeschoben. Thiede hat regen Kontakt zu drei Familien der Nachfahren mit zig Bildern. Eine echte Goldgrube.

Kunstsalon Berliner Secession - Haus der Begegnung, Am Großen Wannsee 40, Di.-So. 11-18 Uhr, Eintritt 3 Euro, ermäßigt 2 Euro.