Berlin liegt im Zillertal

Auch Berlin hat einen Hausberg, einen echten Dreitausender sogar: Das Schönbichler Horn im Naturpark Zillertal.

Auch Berlin hat einen Hausberg, einen echten Dreitausender sogar: Das Schönbichler Horn im Naturpark Zillertal. Majestätisch thront es über einer Alpe, einem Plateau also, das seit mehr als einem Jahrhundert fest in Berliner Hand ist. Hier liegt auf einer Höhe von 2042 Metern die Berliner Hütte. Stramme preußische Alpinisten haben sie erbaut, ihre Erben aus der Berliner Sektion des Alpenvereins unterhalten die hochalpine Großstadtexklave bis heute. Meistens ist ein Bär über der Alpe geflaggt, so wie an diesem Wochenende, wenn die Saison beginnt. Bis Oktober steht das Klein-Berlin wieder allen Wanderern offen. Drei Stunden dauert der Aufstieg von einem Parkplatz in Ginzling hinauf zur Schutzhütte. Von dort aus kann man auf die Berliner Spitz klettern, außerdem rufen gleich mehrere Dreitausender: Schwarzenstein, Zsigmondyspitze oder eben das Schönbichler Horn. Viele gehen auch von der Hütte aus auf den Berliner Höhenweg, das ist eine Viertageswanderung durch die südösterreichischen Alpen in Marathonlänge. Auf diesen 42 Kilometern sind gleich zwei weitere Stationen, das Friesenberghaus und das Furtschaglhaus, in der Hand der Berliner Alpinisten. Insgesamt besitzen sie sogar sechs Hütten in Tirol. Selbst in dünner Höhenluft bleibt sich die deutsche Hauptstadt treu. Von Bescheidenheit keine Spur.

"Einen Monat früher als sonst geht es dieses Jahr los", sagt Hubert Fritzenwallner, der das Friesenberghaus, das auf stolzen 2500 Metern Höhe liegt, den Sommer über bewirtschaftet. Alle Eisplatten sind schon weg, der Wanderzirkus kann beginnen. Superlative böte der Berliner Hochgebirgsmarsch allenthalben, rühmen Bergsteiger. Wanderer alten Schlags, aber auch junge Kletterer schätzen die sehr ambitionierte Tour, die zudem immer gut in Schuss ist. Das heißt, alle Markierungen stimmen und Drahtseile zur Sicherung sind vorhanden. Dafür sorgen ehrenamtliche Wegewarte aus dem fernen Berlin.

Hier oben ordentlich heranzuklotzen war von Beginn an die Devise der Großstädter. Als das Bürgertum im späten 19. Jahrhundert begann, die Berge zu stürmen, waren Bergsteiger von der Spree besonders eifrig dabei. Eine erste Hütte errichteten sie im Jahr 1879 auf der Alpe am Waxeckgletscher, ganz nahe an der damaligen Gletscherzunge. Wie das echte Berlin wuchs auch dieser alpine Außenposten rasant heran, in gründerzeitlichem Stil und teils protzig, mit immer neuen Schlaf- und Wirtschaftsgebäuden. Vor dem Ersten Weltkrieg war das Berliner Ensemble das Flaggschiff aller deutschen und österreichischen Alpenvereinshütten. Es gibt Salons, im Haupthaus sogar Einzelzimmer - und Teppiche. Das ist der Gipfel. Und es ist bis heute so. Die Berliner ist die einzige Berghütte in Europa, die unter Denkmalschutz steht. Sie ist im kaiserzeitlichen Zustand erhalten, ein Relikt aus einer fernen Zeit. "Man staunt nicht schlecht, wenn man nach dem Aufstieg mit klobigen Bergstiefeln in eine Eingangshalle mit Kristalllüstern rumpelt", sagt Bernd Schröder vom Berliner Alpenverein.

Zudem ist sie mit annähernd 200 Lagerplätzen die größte Schutzbehausung des Alpenvereins. Und die "verpimpelste", wie viele spötteln. "Sissyhaft" nennen sie solch einen Luxus in der abgeschiedenen Welt der Berge - und kommen trotzdem mit Freuden. So ist die alpine Nobelherberge ein Magnet, an die 7000 Gäste zählt sie pro Sommersaison. Mitglieder des Alpenvereins zahlen zehn Euro pro Nacht, andere Gäste achtzehn. Noch günstiger ist es im Matratzenlager. Und wenn es im Juli oder August einmal ganz voll wird, schläft man auch im Speisesaal. Das skurrile Hochgebirgshaus hat eine feste Fangemeinde, viele meinen, man müsse ihr Belle-Epoque-Ambiente einfach erlebt haben. Die 500 Hektar große Alpe bietet für jeden Geschmack etwas. Neben Wanderern etwa Botanikern, Geologen und Mineralogen. Nur der Gletscher liegt nicht mehr vor der Haustür. Er hat sich weit zurückgezogen.

Die Hütten zu unterhalten ist teuer, aber eine Sache der Ehre für den Berliner Verein. Vorbildlich wurde das zwei Tagesmärsche entfernte Friesenberghaus saniert. Nun erinnert es an ein dunkles Kapitel Bergsteigergeschichte und ist eine Gedenkstätte für verfolgte jüdische Alpinisten. Auch das zählt zum Erbe hier oben. Bereits 1925 hatte sich wegen zunehmender Diskriminierungen ein eigener jüdischer Alpenverein in Berlin gründen müssen, er baute das Friesenberghaus am Hohen Riffler. 1934 löste die Gestapo den Verein auf, 1968 erhielt die Sektion Berlin dessen Hütte.

Immerhin, vor wenigen Jahren würdigte das offizielle Berlin auch einmal all diese Anstrengungen, die der Alpenverein im Hochgebirge als Werbung für die Stadt unternimmt. Da kletterte Parlamentspräsident Walter Momper vom Zillertal hinauf zum 125. Jubiläum der Berliner Hütte. Im Juli 1976, als der Berliner Höhenweg eingeweiht wurde, war ein ähnlich hoher Besuch dagegen noch kläglich gescheitert. Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz musste seine Festrede kurzfristig absagen, weil er sich daheim einem Misstrauensvotum der Opposition stellen musste. Und der Alpenverein hatte sich mit einer gespendeten Landesflagge zu begnügen. Die allerdings kann man oben immer gut gebrauchen, der Verschleiß an Flaggen ist wegen der Höhensonne und des Winds extrem hoch.