- "Wie kommt der Spinat aufs Dach?" Diese Frage stellt sich Sonja Sonnenfeld noch heute gern. Ganz große Augen macht sie dabei. Früher war das schließlich ein Berliner Ausdruck für Erstaunen, sagt die alte Dame. Für einen besonderen Coup. In ihrer Familie sagte man das, als etwa ein Onkel Mitglied der mexikanischen Regierung wurde. Oder als Walther Rathenau, der Außenminister, sich bei ihnen zum Tee in der kleinen Wohnung ankündigte. Oder als sie selbst, gerade zwölf Jahre alt, zu Josephine Baker nach einer Vorstellung der "Revue nègre" in die Garderobe vorgelassen wurde, statt im hohen Bogen hinaus zu fliegen. Das war vor 83 Jahren. Sonja Sonnenfeld wurde danach selbst Tänzerin und Schauspielerin und blieb, solange der Weltstar Baker lebte, deren "kleine Schwester" und enge Freundin.
Sie steht im einstigen Femina-Palast an der Nürnberger Straße, da tauchen die alten Bilder vor ihrem geistigen Auge wieder auf. Das war hier einmal der größte Tanz-Tee Berlins, sie kennt den Ort gut. Die lasierten Kacheln glänzen wie einst, heute beherbergt der 20er-Jahre-Bau das "Ellington-Hotel". Fast scheint es, als würden die Fußspitzen der kleinen, weißhaarigen Frau anfangen zu wippen.
Dabei ist dieses wieder einmal ein sehr ernster Tag. Morgens saß sie bereits drei Stunden lang mit Schülern im "Haus der Wannseekonferenz". "Seid niemals gleichgültig und denkt immer selbst", sagt sie in solchen Runden, wenn sie von ihrer Berliner Jugend erzählt. Bis 1938 hatte sie als schwedische Jüdin in der Stadt leben können, dann floh sie. "Trotzdem bin ich immer eine Berlinerin geblieben", sagt die Frau aus Stockholm. Aufklärung ist ihre Mission, dafür ist die Stepptänzerin von einst längst zur Wanderpredigerin geworden. Deutsche Klassenzimmer und Schulaulen sind ihre Bühne. "Schwedische Menschenrechtlerin" wird sie genannt.
Auch mit 95 Jahren macht sich Sonja Sonnenfeld regelmäßig auf den Weg nach Deutschland. Vergangene Woche war sie wieder da, es war dieses Jahr die fünfte Reise in ihr altes Heimatland. Und die nächsten Termine sind schon wieder ausgemacht.
"Ich hatte das Glück des schwedischen Passes", erzählt sie den Jugendlichen in der Wannsee-Gedenkstätte. Das neutrale Schweden lieferte Hitler die Rohstoffe, die er wollte. "Daher wurden schwedische Juden geduldet." Aus der Walther-Rathenau-Schule im Grunewald sind ein Dutzend Neuntklässler in die Wannseevilla gekommen, außerdem drei Abiturienten aus dem Geschichte-Leistungskurs. In der Ausstellung haben sie mit ihrer Lehrerin Dokumente gesehen, in denen akribisch aufgezeichnet wurde, wie die Nationalsozialisten die Ermordung der Juden Europas organisiert hatten. Jetzt sitzen sie im ersten Stock in einem Seminarraum und hören der alten Dame zu, die sich ihnen nicht als Überlebende, sondern als Zeitzeugin vorstellt. Sie sei, wie sie betont, doch nie verfolgt worden. Ganz im Gegenteil: "Man konnte mich als Exotin offenbar ganz gut gebrauchen." Entdeckt wurde sie für den Film, weil sie steppen konnte und sehr dunkelhäutig war. Das stammte von brasilianischen Vorfahren ihrer Mutter.
Als sie zwei Jahre alt war, zogen ihre Eltern mit vier Kindern aus Malmö nach Berlin. Der Vater, Alexander Krenzisky, war Architekt und hatte erstklassige Beziehungen. Kaum dass sie angekommen waren, brach jedoch der Erste Weltkrieg aus. Architekten brauchte niemand, die Familie schlug sich durch, eine kleine Hinterhauswohnung musste reichen. Als sie neun wurde, hatten sie dennoch hohen Besuch. Der Vater hatte den Außenminister, den er kannte, eingeladen. Während er mit Walther Rathenau redete, durfte Sonja auf dem Schoß des Politikers sitzen. Fassungslos hörte sie ein Jahr später davon, dass der Außenminister von Reaktionären erschossen worden sei. Und gerade zum Berliner Rathenau-Gymnasium pflegt sie heute eine besonders innige Beziehung. Zwei Mal war sie diese Woche dort, um über Rechtsextremismus, Antisemitismus und Exil zu sprechen.
"Als Mädchen wollte ich nur tanzen, alles war so schillernd", erzählt sie ein ums andere Mal. Gleichzeitig war es ein Tanz am Rande des Vulkans. In der Charlottenburger Gervinusstraße, wo sie wohnte, erlebte sie den aufkeimenden Nationalsozialismus, Hitlers Machtübernahme und die Ausgrenzung vieler Nachbarn. "Viele Eurer Vorfahren waren eben gleichgültig", sagt die kleine Frau den Schülern, mit Nachdruck, aber nicht vorwurfsvoll. "Lasst Euch das Denken niemals abnehmen!"
Sie redet im Stehen, nur manchmal gestützt auf eine Stuhllehne. Sie gestikuliert, beantwortet Fragen und fragt selbst auch viel. Die einstige Tänzerin ist eine, die jeden Zuhörer glauben lässt, dass sie nur ihm allein etwas erzählt. "Warum ist das so? Weil ich allen in die Augen schaue", sagt sie. Außerdem ist es freilich so, weil sie ihre politischen Erinnerungen mit denen ihres illustren Lebens vermischt. Vieles überschlug sich für sie in über neun Jahrzehnten. "Das ist am spannendsten", sagt eines der Mädchen, die ihr am Wannsee zugehört haben. Wer erzählt sonst in einem Atemzug von der 1934 hochmodischen "Windstoßfrisur", die damals ein Muss für eine Tänzerin wie sie war, von politischen Straßenschlachten, absurden Rassegesetzen und berühmten Exilanten?
Sonja Sonnenfeld spart nichts aus, mit geradezu fotografischem Gedächtnis beschreibt sie heute noch "den hochanständigen Hausmeister Gustav Zepp", der half, in der Gervinusstraße Juden zu verstecken. Genauso wie sie Jean Gabin darstellt - "diese Stimme!" Mit ihm ging sie oft in die Dschungel-Bar an der Joachimsthaler Straße zum Tanzen. Auch Hans Albers war einer der Guten, "a Mensch", wie sie jiddisch sagt, weil er seine jüdische Frau beschützte. In Albers' "Peer Gynt"-Film war sie dabei. In diesen Jahren nannte sie sich allerdings Sonja Negri oder Sonja Krenz. Unter ihrem wahren Mädchennamen Krenzisky durfte sie nicht auftreten, den lehnte das Propagandaministerium ab. "Das war die einzige Verfolgung, die ich erlebt habe", sagt sie nüchtern. Als dann Ende 1938 die Juden in Berlin nicht mehr nur ausgegrenzt, sondern auch ganz offen angegriffen wurden, floh die junge Tänzerin mit ihrer Mutter in die schwedische Heimat. Sie wollten nicht länger weggucken und schweigen müssen. In Schweden heiratete sie den deutschen Mathematiker Werner Sonnenfeld. Sie arbeitete als Dolmetscherin, nicht mehr als Künstlerin.
Doch Sonnenfeld wurde auch in Schweden berühmt: Anfang der 60er-Jahre begann sie, Flüchtlingen zu helfen, und führte in Stockholm ein "offenes Haus". Die Philanthropin richtete ein Migrationsprojekt ein, lange bevor man es so nannte. Jeden Sonntag konnten Menschen egal welcher Kultur und Herkunft zu ihr kommen und sich kennenlernen.
Vor bald 30 Jahren übernahm sie außerdem die Leitung des Raoul-Wallenberg-Komitees in Stockholm, das das Schicksal des schwedischen Diplomaten Wallenberg aufklären wollte. Wallenberg hatte in Ungarn Zehntausenden Juden das Leben gerettet, war 1945 von den Sowjets verschleppt worden und nie wieder aufgetaucht. Die Recherchen in Moskau, die sie bis vor wenigen Jahren betrieb, haben Sonja Sonnenfeld unnachgiebig gemacht. Viele Unterstützer fand sie, nur kein Ergebnis. Gerade aus Amerika floss viel Geld, sogar Rettungsaktionen wurden geplant, weil man davon ausging, dass Wallenberg noch in einem Schweigelager am Leben sei. Der Diplomat hatte genau das Alter von Sonja Sonnenfeld.
"Man musste doch wenigstens versuchen, den Retter zu retten", sagt Eugen Kesarew, Arzt aus Stockholm, der ursprünglich aus St. Petersburg stammt. Unermüdlich forscht er nun weiter, er finanziert gerade einen Dokumentarfilm über Wallenberg - und über Sonja Sonnenfeld. "Diese beiden sind nicht mehr voneinander zu trennen", sagt Kesarew voller Überzeugung. "Schließlich geht Sonja schon seit 1980 damit an die Schulen." Sie erzählte Wallensteins Geschichte, in Schweden und in Deutschland, an Problemschulen genauso wie an Gymnasien.
Sie will weitermachen, bis sie 100 Jahre alt ist. Das hat sie Eugen Kesarew und seinen beiden amerikanischen Fernsehjournalisten, die nun mit in Berlin waren, vor laufender Kamera bestätigt. Und bewies ihnen auf ihren Streifzügen durch Berlin, dass es ihr an Energie dazu gewiss nicht fehlt. Einmal erlebte sie Kesarew dabei sogar ohne ihr obligatorisches rotes Halstuch. Sonst trägt sie es seit Jahrzehnten, als wäre es die Fahne für ihre Mission. Nur an dem Tag, an dem sie in der Wannseevilla war, nicht. Sie sagt. "Aus Pietät."

