Das waren noch Zeiten, als ein äußerst prominenter Buchautor es freimütig feierte, dass "die Ausrottung der Tiger ernstlich betrieben wird und man ihn fast vernichtet habe." Bejubelt hat der Schreiber dabei vor allem seine Landsleute: "Die Insel Cossimbazar ist durch den unerschütterlichen Muth eines Deutschen, welcher mehrere Male an einem einzigen Tage fünf von den Ungeheuern tödtete, gereinigt worden. Aber dieser Held steht immer noch hinter dem Richter Heinrich Rasmus zurück; denn dieser hat während seines Lebens eigenhändig 360 Tiger erlegt." Der so schrieb, war Alfred Brehm. Und der Altmeister der Tierbeschreibung, eigentlich ja doch Freund der Kreatur, zeigte im 19. Jahrhundert in seinem "Thierleben" nicht nur vollstes Verständnis dafür, dass der gefährliche "Panthera tigris tigris" vernichtet werde, er selbst verriet auch gute Tricks, wie man dies am besten bewerkstelligen könne. Ob Brehm die Situation, in der sich heute die indische Spezies Königstiger befindet, wohl als Erfolg buchen würde?
Auf gerade mal 1300 bis 1500 Tiere schätzen indische Wildtierexperten die heutige Population der Bengaltiger, wie die Art auch genannt wird. Auch wenn die Behörden des Landes, laut Tigerzählung von 2002, offiziell noch von gut 3000 Tieren ausgehen - ihr Überleben in freier Wildbahn ist so oder so stark gefährdet, zumal das Wohngebiet der Raubkatzen zerrissen ist in viele kleine, voneinander isolierte Habitate im Osten und Süden sowie in der Mitte Indiens. Der Genpool in freier Natur wird so jeweils immer enger. Valmik Thapar, Tigerexperte und Mitglied des Nationalen Wildtier-Ausschusses, sagt: "Es wäre ein Wunder, wenn der Bengaltiger gerettet werden könnte." Belinda Wright, die in den 60er-Jahren die indische Sektion des "Worldwide Fund for Nature" gründete und seither für das Überleben der Tiger kämpft, hält überhaupt nur noch zwei Tigergruppen im Lande für überlebensfähig. Eine im Corbett-Reservat in Uttaranchal und die andere im Kanha-Reservat in Madhya Pradesh. Immerhin handelt es sich bei diesem um den Urwald, der Rudyard Kipling im Jahre 1894 die Phantasien für sein "Dschungelbuch" geliefert haben soll. Shir Khan, Kiplings Königstiger, der die Menschen so abgrundtief hasst, könnte also noch leben.
Zu Beginn dieses Jahrzehntes gab es noch rund 5000 Tiere in Indien, und zur vorherigen Jahrhundertwende, kurz nach Brehm also, trotz aller Vernichtungsfeldzüge der Kolonialverwaltung allein auf dem Subkontinent etwa 40 000. Es gibt keine Ikone der Großtierwelt, deren Bestand derzeit so rapide schwindet wie der des Königstigers, auch wenn er noch der weitestverbreitete Tiger ist. Nur ein kleiner Trost: Seit mehreren Jahren schon gilt, dass weit mehr Tiere in Zoos und Tiergärten auf aller Welt leben und geboren werden als im Dschungel. Der Genpool der Art ist somit in seiner Existenz nicht akut gefährdet.
Die Ursachen des heutigen Niedergangs der Raubkatze, die sogar Brehm denn doch als "herrliche, wunderschön gezeichnete und gefärbte Katze" beschreibt, haben durchaus auch noch mit dem zu tun, was in alten Zeiten das Bedürfnis nach Ausrottung gebar. Auch Thebar, der die Tiger retten will, muss eingestehen: Tiger und Menschen können nicht zusammen leben. "Wenn man keine Reservate fernab jeglicher Siedlungen findet, gibt es keinen Platz für wild lebende Tiger." Ein Aussage, die in einem Land mit 1,1 Milliarden Einwohnern, zu denen pro Jahr 15 Millionen hinzukommen, die Probleme klar benennt. Die Bevölkerungsdichte ist mit 329 Menschen pro Quadratkilometer etwa eineinhalb Mal so hoch wie in Deutschland - ungleich verteilt zwar, aber die unwirtlichsten Gebiete werden von Tiger und Mensch gleichermaßen gemieden.
Eine friedliche Koexistenz, wie sie europäischen Wildtiermanagern etwa mit den Braunbären vorschwebt, und wie sie auch in den Abruzzen, den Pyrenäen oder Südosteuropa - mehr oder weniger - funktioniert, wäre mit Tigern undenkbar. Sie sind nicht nur bedroht, sie sind auch bedrohlich wie einst Shir Khan. Holzfäller, Honigsammler und andere, die im Wald zu tun haben, weigern sich, ihrer Arbeit nachzugehen, wenn von Tigern in der Nähe berichtet wird. Schätzungen belaufen sich auf knapp 100 Menschen, die immer noch pro Jahr einem Tiger zum Opfer fallen. Vor allem für ältere Tiere sind die vergleichsweise langsamen Zweibeiner bisweilen leichtes Opfer für eine oder mehrere Mahlzeiten.
Der Natur- und Tierfilmer Werner Fend, der vor Jahren all dies für pure Gerüchte hielt und mit dem festen Vorsatz nach Indien fuhr, seine Sichtweise zu belegen, ließ sich vor Ort von den Anwohnern eines Besseren belehren und schilderte dies auch später so. Artenschützer, die Angriffe von Tigern allein darauf zurück führen, dass Menschen ihnen den Lebensraum beschneiden, die Raubkatzen quasi einen Verteidigungskampf führen, können bei Brehm auch nachlesen, wie es war, als der Dschungel noch weitgehend intakt stand, wie ganze Dörfer evakuiert wurden, weil die Tiger-Attacken überhand nahmen. Heute sind die Tiger, so beklagen Entwicklungsexperten, deshalb Ursache dafür, dass bei allfälligen Umsiedlungen für Projekte im Verkehrs-, Energie- oder Industriesektor oftmals nur noch die Slums in den Vorstädten als Ausweichquartiere für die Bewohner in Frage kommen, nicht aber die Wälder, wo die Tiger mit ihren immensen Revieren wohnen.
Kein Tiger wird von staatlicher Hand getötet, nur weil er einem Infrastrukturprojekt oder einer Umsiedlung im Wege stand. Und doch sind die Nachrichten von "Problemtigern", und seien sie noch so spärlich, mithin die begrenzte Tigerakzeptanz in der Landbevölkerung, auch ein Grund dafür, dass die Hauptursache für das Verschwinden der Tiger nur verhalten bekämpft wird: Der kriminelle Abschuss durch Wilderer. Der Anreiz für sie, Tiger zu erlegen, ist nach wie vor groß. Besonders das benachbarte China ist für Tigerprodukte nach wie vor ein lukrativer Markt: Ein Fell bringt umgerechnet etwa 3500 Euro ein, Tigerpenisse werden für 9500 Euro pro Kilo gehandelt, berichtete kürzlich der Indienkorrespondent der britischen Zeitung "Independent". Der Aberglaube, Tigerprodukte aus Knochen, Geschlechts- oder anderen Körperteilen hätten wundersame Kräfte als Potenzmittel, ist in der Volksrepublik nach wie vor weit verbreitet. Dies ist auch der Grund dafür, dass die südchinesische Unterart von Panthera tigris, von der in den 50er-Jahren noch etwa 4000 das Land zur Revolutionszeit zusätzlich unsicher machten, heute gerade mal noch 30 Tiere umfasst. Sie hat keine Chance. Etwas besser sieht es um den Sibirischen Tiger - auch Amur-Tiger genannt - aus, der zwischen dem Baikalsee und Korea lebt. Die letzte Zählung ergab für ihn zwar nur rund 500 Exemplare, doch der Bestand scheint nicht nur stabil, sondern sogar zunehmend zu sein. Gerade diese Art fiel in den 80er-Jahren dem Hang vieler Chinesen nach Wundermittelchen zum Opfer. In den 90er-Jahren jedoch half ein konsequentes Vorgehen gegen Wilderer und Schmuggler, die Population wieder gesunden zu lassen.
Drei Unterarten sind bisher vollständig ausgestorben: Der Kaspische Tiger, der schon seit 1815 nicht mehr gesehen wurde. Er fiel der Jagd zum Opfer, aber auch den Projekten der russischen Armee zur Urbarmachung von Land. Den Java-Tiger gab es nur unwesentlich länger, bis 1844, als er auch durch Jagd und die Zerstörung des Lebensraumes auf der Hauptinsel Holländisch Ostindiens ausgerottet wurde. Bis 1912 konnte sich auf der Nachbarinsel noch der Bali-Tiger, die kleinste aller Unterarten, halten, bis auch für ihn Schluss war.
Es gibt auch hoffnungsvolle Nachrichten: Erst im September dieses Jahres wurden 20 Tiger in einer Bergregion im indischen Staat Maharashtra entdeckt, in der man schon seit vielen Jahren keinen Vertreter der Art mehr vermutet hatte.
Längst vorbei sind die Zeiten, da Tiger und Löwen sich sogar mal direkt die Reviere streitig machen konnten. Alfred Brehm konnte noch erleben, wie am westlichen Südufer des Kaspischen Meeres, im "Lenkoranschen Kreis", Panthera tigris und Panthera leo gleichermaßen zu Hause waren. Leider überlieferte uns Brehm in seinem "Thierleben" nicht, wie sich beide vertrugen, und wer von ihnen das Feld behauptete. Womöglich sind dem Löwen die Begegnungen schlecht bekommen: "Der Tiger ist nicht bloß dreist, sondern geradezu frech", schreibt Brehm. Dafür lässt er es, wenn wir Brehm Glauben schenken wollen, in anderer Hinsicht ruhiger angehen als andere Großkatzen. "Die Begattung erfolgt meist ohne die üblichen Tatzenschläge", beobachtete er, "obschon nicht gänzlich ohne Murren".
Möge im Sinne der Arterhaltung jenes Murren noch lange durch den Dschungel Indiens schallen.


