Baracke mit Weltruhm

 Kaum ein Berliner schert sich im Moment um seine Laube. Auch Osman Kalin nicht. Der alte Mann aus Kreuzberg lässt Häuschen und Garten ruhen.

Foto: Massimo Rodari

Kaum ein Berliner schert sich im Moment um seine Laube. Auch Osman Kalin nicht. Der alte Mann aus Kreuzberg lässt Häuschen und Garten ruhen. Nur der Grünkohl muss in Kürze noch abgeerntet werden, da muss der Sohn Mehmet noch einmal ran. Dann ist für dieses Jahr aber wirklich Schluss. Winterschlaf. So jedenfalls sieht es Osman Kalin. Und doch wird es um seinen Garten am Bethaniendamm nie richtig ruhig.

Die Neugierigen kommen trotzdem. Andere wollen das kleine Privatreich des aus Anatolien stammenden Gärtners sehr wohl sehen, egal zu welcher Jahreszeit. In manchen Berlin-Führern ist dieses Unikum verzeichnet, das lockt viele an. Regelmäßig halten sogar Touristenbusse an. Ein Kleingarten mitten auf dem Bürgersteig, das ist doch selbst in der Laubenpieperhochburg Berlin eine echte Überraschung. Und dann mit solch einer Hütte, in der nichts im rechten Winkel zusammengezimmert ist und die sofort als Kulisse für einen Pippi-Langstrumpf-Film taugen würde. Jeder Kleingartenvereinssatzung zum Hohn. Kreuzberg eben.

Außerdem ist dieser Garten ein Stück Mauer-Geschichte, ein Fall von zivilem Ungehorsam und "Instandbesetzung". Irgendwie spiegelt sich in der windschiefen Bude, die Osman Kalin um zwei Bäume herum gebaut hat, sogar die ganze Berliner Entwicklung seit den achtziger Jahren. "Alles fing damit an, dass mein Vater den Koran nicht mehr lesen wollte", erzählt der Sohn Mehmet Kalin. 1983, gerade in Rente, hatte sich Osman Kalin an das arabische Original des heiligen Buches gemacht, er las tagein, tagaus, sagt der Sohn. Doch dann musste der Mann, der auf dem Bau immer schwer geschuftet hatte, wieder etwas mit seinen Händen bewegen. Direkt vor seiner Haustür am Bethaniendamm schritt er zur Tat. Da lag die Mauer, genau davor gab es ein Geländedreieck voller Müll. Kalin räumte erst einen kleinen Flecken frei und pflanzte Zwiebeln. Dann breitete er sich auf dem herrenlosen Grund weiter aus und legte einen großen Gemüsegarten an, ganz wie in seiner alten Heimat nahe der Stadt Ankara. Erst später merkte er, dass er munter das Hoheitsgebiet der DDR bewirtschaftete. Die Grenze verlief hier im Zick-Zack, aber die Mauer war gerade durchgezogen worden, um an Beton zu sparen. So war das türkische Gemüse, das Kalin jahrelang auf dem Markt am Maybachufer verkaufte, eigentlich "Made in GDR".

Genau das teilte ihm auch ein Grenzoffizier mit, der eines Tages aus einer Tür in der Mauer erschien und sich vor ihm aufbaute. In aller Schärfe, wie überliefert wurde. Kalin bellte zurück: "Ich bin ein Nachfahre der Osmanen, der nur ein wenig gärtnern will auf seine alten Tage." Da zogen die Grenzer verdattert wieder ab. Heute ist der 82 Jahre alte Kalin sehr krank, sein Sohn Mehmet spricht für ihn. Der damalige Auftritt des Vaters amüsiert die ganze Familie noch immer. Der Arbeiter- und Bauernstaat ließ den sturen Bauern mit der Betkappe auf dem Kopf und dem Rauschebart gewähren. Nur einmal gab es Ärger: Als die Sonnenblumen über die Mauerkrone hinauswuchsen. Sie gediehen in der prallen Sonne am Betonwall einfach zu gut. Kalin musste sie kappen.

Dafür pflanzte er Kirsch- und Pflaumenbäume. Außerdem schaffte er wieder viel Kreuzberger Sperrmüll heran: Jetzt aber nur das, was er gebrauchen konnte, um seine Bude zu bauen und Beete einzufrieden. Nach und nach wuchs ein zweistöckiges Häuschen empor, kunterbunt verkleidet mit Blech, Kühlschrankgittern, alten Türen und Parkett - allem, was sich auf Baustellen so fand. Ein paar Wände sind sogar aus Beton gegossen, darauf weist der Sohn stolz hin. Wein rankt an der Wetterseite empor und aus dem Dach ragt ein krummes Ofenrohr. Mächtige Holzbalken tragen die Konstruktion, Kalin konnte sie ergattern, als nebenan Kanalbauarbeiten im Gange waren. Jeden Sturm hat die Bude überstanden, auch Einbrecher und Brandzünder. Sie gerät nicht einmal ins Wanken, wenn sich die große Familie Kalin mit allen Kindern und Enkeln im Sommer in den zwei guten Stuben des oberen Stockwerks trifft.

Viele Tonnen und Kanister fangen Regenwasser auf, außerdem spendierte der Pfarrer der gegenüberliegenden Thomaskirche im Laufe der Jahre immer wieder Wasser. Ohne dieses ist das Gärtnern doch schwierig. Und so weit ging auch der Respekt der DDR-Grenzer nicht, dass sie Kalin jemals mit Wasser versorgt hätten. Wohl aber bekam er, bis die Mauer fiel, von den Soldaten jedes Jahr einen Weihnachtsgruß herausgereicht.

Nach 1989 musste er ohne behördliche Präsente auskommen. Stur gärtnerte Kalin weiter. Im Recht fühlte sich der "osmanische Enkel" ja sowieso: Nach alter Überlieferung darf man in der Türkei schließlich das Land, auf dem man sich über Nacht eine Hütte baut, behalten. "Gecekondu" heißt das dann. Und als Osmane hatte Kalin schon die DDR-Obrigkeit beeindruckt - warum sollte das nicht auch im wiedervereinten Berlin gehen? Es funktionierte. Die Bezirksämter Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg, die nun das Sagen auf dem alten Mauerstreifen hatten, ließen ihn weiter machen. Nun sind die Straße und Bürgersteige saniert und Spazierwege angelegt. Alles ist neu. Nur das Gecekondu genießt einen Bestandsschutz, keine Behörde mischt sich ein. Das will etwas heißen. So wird Osman Kalin auch im nächsten Frühjahr, wenn es warm wird, wieder seinen Ausguck beziehen können. Oben in der ersten Etage hat sich der alte Mann einen Sessel direkt an eine große Glasscheibe gerückt, von da aus hat er alles im Blick auf seiner Scholle und auf der Straße. Manchmal stehen die Touristenbusse, die anhalten, dann genau vor seiner Nase.