"Schrei', lärm oder quietzsche, das schenk' ich meinem Nietzsche"

Mit "ja" kommentierte Friedrich Nietzsche eine Passage in dem Buch "Psychologie in Umrissen auf Grundlage der Erfahrung", das Harald Høffding und Friedrich Bendixen 1887 in Leipzig publiziert hatten.

Mit "ja" kommentierte Friedrich Nietzsche eine Passage in dem Buch "Psychologie in Umrissen auf Grundlage der Erfahrung", das Harald Høffding und Friedrich Bendixen 1887 in Leipzig publiziert hatten. Seine Zustimmung galt dem Satz: "Die Biologie muss einen Begriff des Lebens aufstellen, der zu allen Stufen desselben passt, vom organischen Ernährungsprozesse in seinen einfachsten Formen bis zum ideellsten Gefühls- oder Gedankenprozess." Wenige Seiten später ersetzt er das Wort "Bewegung" durch "Einwirkung": "Das allererste Prinzip auf welches die exakte Naturwissenschaft baut, ist dieses, dass der Zustand eines körperlichen Punktes (Ruhe oder geradlinige Bewegung) nur durch die Bewegung eines anderen körperlichen Punktes verändert wird."

Auch die Schwester des Philosophen kommentierte gern, hatte außerdem eine Schwäche für lyrische Widmungen. Für Harry Graf Kessler, den Leiter des Museums für Kunst und Kunstgewerbe in Weimar, notierte Elisabeth Förster-Nietzsche in der 1914 bei Alfred Kröner in Leipzig erschienenen Ausgabe von "Also sprach Zarathustra: "Meinem lieben Freunde Graf Harry Kessler am Sonnenwendtag, als sich alles zum Hellen und Guten wendete, zur frohen Erinnerung. Haus Orplid, 21. Dezember 1913."

Solche Eintragungen sind Zeugnisse ihrer Zeit und geben Auskunft über die Vorbesitzer vieler Bücher, die heute in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek aufbewahrt werden. Sie sind Unikate, die durch keinen Neukauf ersetzt werden können. Ihr Wert ist kaum zu beziffern.

Zahlreiche Marginalien finden sich auch in der Herder-Bibel von 1789, in die Familienmitglieder ihre Eintragungen vorgenommen haben. Auf dem inneren Buchdeckel weist ein Exlibris auf den Dichter und Theologen Johann Gottfried von Herder hin: "Geschenkt von Dr. J. G. v. Herder." Daneben, auf dem Vortitel, befinden sich die Einträge anderer Familienmitglieder: "Wiederum zum Geschenk von meiner Schwester Luise Herder" - "Rinaldo Herder" - "Wiederum an den ersten Besitzer zurückgegangen und bleibt bei ihm. München 31. Juli 1812. Emil Herder" und "Von meinem Vater Emil Herder, erhalten den 1. November 1837 zu Augsburg, Th. M. G. Herder".

Auch in Wörterbüchern haben sich Vorbesitzer verewigt. Zum Beispiel der Kunsttheoretiker und Weimarer Bibliothekar Carl Ludwig Fernow, der aus bäuerlichen Verhältnissen in der Uckermark stammte, sich über den Beruf des Apothekers und das Studium der Philosophie einen Namen beim gebildeten Adel machte. Bei Mäzenen war er ein gern gesehener Gast, begleitete sie auf Reisen nach Italien. Für einige Jahre ließ er sich in Rom nieder, schrieb für deutsche Zeitungen und studierte italienische Literatur. Schließlich kam er mit etwa 2000 Büchern im Gepäck nach Weimar. Die Schriftstellerin Johanna Schopenhauer, Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer, veröffentlichte sogar eine Biografie des rastlosen Literaten. Um Fernows beiden Söhne aus der Ehe mit einer Römerin abzusichern, erwarb Goethe nach dem Tod derer Eltern die Büchersammlung Fernows für die Anna Amalia Bibliothek. In einem seiner Wörterbücher, es trägt in sinngemäßer Übersetzung den Titel "Sammlung römischer Ausdrücke und Bezeichnungen nach der Ordnung des Alphabets mit den toskanischen Entsprechungen, um jedem das Studium der Sprache zu erleichtern", gibt es viele mit Tinte eingetragene Vokabelergänzungen . Fast genauso viel Kommentar wie Ursprungstext findet sich in dem vom Sächsischen Hofprediger Abraham Langen im Jahr 1608 verfassten Katechismus "Christliche Kinderlehre. Darinnen der Heilige Catechismus D. Martini Lutheri aus der Heiligen Schrifft erkleret" aus dem Besitz der Dorothea Sophie von Sachsen-Altenburg (1587-1645), Äbtissin von Quedlinburg und Tochter von Herzog Friedrich Wilhelm I. von Sachsen-Weimar-Altenburg. Leider ist ihre Handschrift kaum zu lesen. Es wird aber vermutet, dass sie sich Notizen für ihre Predigten gemacht hat.

Was Richard Wagner am Allerseelentag 1873 Friedrich Nietzsche aus Bayreuth mitzuteilen hatte, findet sich in der Ausgabe von "Gesammelte Schriften und Dichtungen", erschienen 1871 bei Fritzsch in Leipzig. Auf dem Vorsatzblatt des ersten Bandes des neunbändigen Werkes steht:

"Was ich mit Noth gesammelt, neun Bände eingerammelt, was darin spricht und stammelt, was geht, steht oder bammelt, - Schwert, Stock und Pritzsche, kurz was im Verlag von Fritzsche schrei', lärm oder quietzsche, das schenk' ich meinem Nietzsche,- wär's ihm zu 'was nütze!

Schräge Dichtung des großen Komponisten Wagner an den Jahrhundert-Philosophen Nietzsche. Randnotizen, die eine zusätzliche Facette zur Interpretation eines Lebens beitragen.