Am späten Abend, wenn der Romanverschlinger sich ins Schlafzimmer zurückzieht, um Morpheus noch eine Stunde abzuluchsen und ein halbes Hundert Seiten von Tolkien, Donna Leon oder Andrea Maria Schenkel zu lesen, macht das Fernsehen der Bettlektüre Konkurrenz. Da preist Elke Heidenreich im ZDF mit vielen Ausrufungszeichen ihre Lieblingsbücher ("Lesen!") und Deutschlandradio-Redakteur Denis Scheck - der Akrobat unter den Rezensenten - tobt in seiner ARD-Sendung über Rolltreppen, erklimmt Fassaden, interviewt Schriftsteller zwischen Strandlauf und Fußballwiese und spricht das ultimative literatur-päpstliche Wort zum Fernsehen: "Wenn alles blöder wird und sie im Fernsehen die Kakerlaken essen, dann ist es die beste Zeit für Literatur, weil sie sich genau dann beweisen kann."
Trotz des Literatur-Zoff-Erfinders Marcel Reich-Ranicki und seiner ungestümen Enkel ist Literatur im Fernsehen zwar eindrucksvoll und imagefördernd, aber im vollen Menü von "heute", "Tagesschau", "Traumschiff" und Florian Silbereisen wirkt das gedruckte Wort etwas verloren. Selbst wer sie liebt, muss sich eingestehen: Literatur ist nur begrenzt bildschirmtauglich. Im Radio dagegen kann Literatur sich entfalten. Radio ist das Medium des Wortes. Bücher kann man lesen, aber man kann sie auch hören. Das Radio leiht den Autoren seine Stimme.
Für Musik und Literatur gab es schon zu Zeiten der Weimarer Republik in den ersten Jahren des Radios viele und feste Programmplätze. Das hieß "Lesefunk" oder "Lesestunde" oder liebenswürdiger "Stunde der Lebenden". Die Literaturredakteure des Radios ließen in den 20er-Jahren nicht nur Werke von Goethe, Schiller und Gottfried Keller vortragen. Sie eröffneten ihre Lesereihen mit Heinrich Mann, vorgestellt von Hermann Kasack. Alfred Döblin empfand - allein im Studio - Horror vor dem "schauerlichen Schweigen jenseits des Mikrofons", aber er war der Erste, der in der Berliner Funkstunde aus seinen Werken vortrug. Thomas Mann las aus dem "Zauberberg". Auch Gedichte von Lichtenstein, Ernst Stadler, Georg Trakl, Georg Heym und Alfred Wolfenstein wurden im elektronischen Medium gelesen. Ringelnatz auch.
Und so sehr sich Gerhart Hauptmann auch über das Radio mokierte, das "durch Millionen und Abermillionen unsichtbarer Kanäle alles, was gesprochen, gesungen, gegeigt und trompetet wird, in Paläste und Bürgerhäuser, ja in die verschneite Hütte des armen Bergbewohners leitet", so gern posierte der Dichter auch als Coverstar auf dem Titelblatt einer Rundfunk-Illustrierten und so wenig hatte er dagegen, dass seine Dramen gut honoriert in 65 Hörfunkfassungen deutschlandweit von Königsberg bis Leipzig ausgestrahlt wurden.
Das Radio-"Potporri" (Gerhart Hauptmann), das auch heute durch alle Kanäle in Mietwohnungen, Reihenhäuser und in den Loft des Internet-Entrepreneurs dringt, ist eine Chance für die Literatur. Sie kommt ins Haus. Sie wird hörbar. Sie ist lebendig. Beim morgendlichen Wecken und beim Rasieren und bei der Fahrt ins Büro hören wir schon einen literarischen Text: beim SWR, "Anna Karenina", Max Herrmann-Neiße, Truman Capote und Martin Walser. Und beim Deutschlandradio Kultur unterhalten uns am späten Abend Katja Lange-Müller, Wolf Wondratscheck und Boccaccio in der Sendung "Erotikon" mit erotischen Texten. Erotik ist ein Stoff, aus dem Weltliteratur gemacht ist. Und - da klingelt der öffentlich-rechtliche Bildungsauftrag - eine editorische Notiz im Internet erschließt den Hörerinnen und Hörern den Kontext des jeweiligen Werks. Sinnlichkeitsverbote gelten für das Kulturradio nicht.
Der Deutschlandfunk hat auch die Lyrik in einem neuen Format ins Programm gebracht. Er sendet täglich ohne festen Programmplatz, überraschend dreimal am Tag ein Gedicht - Lyrik als Überraschungsangriff. Daraus entsteht ein Lyrikkalender, der in diesem Jahr in einer Auflage von zehntausend Exemplaren im Wunderhorn Verlag publiziert wird. Das Radio als Lyrik-Liebhaber verschafft dem deutschen Gedicht Resonanz und beachtliche Auflagenhöhen. Im letzen Jahr war die 5000er-Auflage des "Lyrik-Kalenders" bereits zwei Wochen vor Weihnachten vergriffen.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat Literaturpreise gestiftet - der Nationale Hörfunk Deutschlandradio den Wilhelm Raabe Preis, der SWR den Peter-Huchel-Preis. Der Hessische Rundfunk lässt seine Hörer und die Bürger vor Ort das "Literaturland Hessen" erkunden und macht in Frankenhausen, dem Geburtsort des Dadaisten Richard Huelsenbeck, bei Grimmelshausen in Gelnhausen, bei den Grimms in Kassel und in Frankfurt im Hause Goethe mit Lesungen und Reportagen Station. Und so wie der Hessische Rundfunk sich dem Hessischen der Hesselbachs widmet, liest man im NDR auch platt, Radio Bremen hat jeden Samstag ein niederdeutsches Hörspiel im Programm, im Saarland schreiben saarländische Autoren Abiturreden für die saarländischen Abiturientenjahrgänge, und der Bayerische Rundfunk achtet bei seinen Lesungen "auf eine möglichst bunte Mischung aus älteren, zeitgenössischen, deutschen und ursprünglich fremdsprachigen Texten, wobei häufig Gewicht gelegt wird auf bis dahin unveröffentlichte Arbeiten junger, in Bayern ansässiger Autoren" (BR Hörfunkdirektor Johannes Grotzky).
77 Prozent der lektürewilligen Bürger geben an: "Es erscheinen so viele Bücher, dass es unmöglich ist, den Überblick zu behalten." Aber 69 Prozent der Lektüre-Interessierten sagen auch: "Durch Radio und TV kann ich mich schneller über das Wichtigste informieren" ("Media Perspektiven"). Das Kulturradio bietet Service für jeden Geschmack und für alle Generationen. Kinderliteratur wird in der WDR-Sendung "Lilipuz" präsentiert, Jugendliteratur beim Deutschlandfunk ("Die besten Zehn"). Für Krimifreunde sendet der WDR "Die telefonische Mord(s)beratung". In allen Programmen gibt es täglich Literaturkritiken, im Radiofeuilleton von Deutschlandradio Kultur gleich sechsmal am Tag zwischen 9 und 17 Uhr. So sind die öffentlich-rechtlichen Medien Servicestation und Kulturvermittler zugleich. Da Rezensenten selten einer Meinung sind, bleibt dem Hörer oder Zuschauer nur, selbst in den Bücherladen zu gehen, zu kaufen und sich seine eigene Meinung zu bilden.
Inzwischen hat sich das Internet als Freund des anspruchsvollen Wortradios etabliert. Literarische Features und Rezensionen kann sich der Literatur-Liebhaber orts- und sendezeitungebunden als Podcast anhören. Alle Kulturprogramme haben sie im Angebot. Rezensionen finden sich in den digitalen Datenbanken der Sender für jeden kostenfrei abrufbar als Audiofile oder als Text. Das Radio macht im Internet das Universum der Literatur für jeden überall nutzbar.
Gute Zeiten also für Hörer. Misslich für Redakteure. Hatte Heinrich Bölls Redakteur Murke im Kölner Funkhaus noch Muße, um die Sekunden verdutzten Innehaltens, das schwere Atmen der Rezensenten und Momente fassungslosen Staunens aus den Tonbändern herauszuschneiden und in gemütlichen Abendstunden als "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen" zu genießen, so hastet der Literaturredakteur heute von Aufnahmetermin zu Aufnahmetermin, blättert als geübter Schnellleser im Intercity ein paar Neuerscheinungen durch, beglückt die Literaturhäuser in der Region und managt Lesewettbewerbe. Und selbst Starkritiker müssen auf eine Dienstleistung verzichten, die der SFB dem Spiritus Rector der Gruppe 47 Hans Werner Richter noch großzügig gewährte. Richters Berliner Villa wurde vom Sender mit einem Aufnahmestudio ausgestattet, weil der Kritiker vertraglich verpflichtet war, einmal im Monat eine einstündige Hörfunk- oder Fernsehsendung zu produzieren. So viel Service für den Kritiker ist bei 17,03 Euro Rundfunkgebühr heute einfach nicht mehr drin. Selbst Marcel Reich-Ranicki durfte das "Literarische Quartett" nie aus seinem Wohnzimmer moderieren.
Prof. Ernst Elitz ist Intendant von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Er lehrt an der FU Berlin Kultur- und Medienmanagement.

