"In seinem Garten freudevoll Geht hier ein Gärtner namens Knoll Doch seine Freudigkeit vergeht, Ein Maulwurf wühlt im Pflanzenbeet. Schnell eilt er fort und holt die Hacke, Dass er den schwarzen Wühler packe..."
Es ist wieder soweit. Viele werden dieser Tage zum Gärtner Knoll - der übrigens in der weiteren Folge dieses Gedichtes von Wilhelm Busch mit seiner Hacke zunächst sich selbst und nicht dem Maulwurf schweren Schaden zufügt.
Es ist Herbst, die Kühle stellt sich ein. Im Garten werden die Klappstühle eingesammelt, aus dem Stadtpark sind die letzen lärmenden Grillfreunde verschwunden. Stille kehrt ein auf Rasen und Wiesen. Das ist die Stunde der schwarzen Wesen aus dem Untergrund. Die Wärme geht, Talpa europaea kommt; der Maulwurf. Ein Häufchen wohlgelockerter Erde neben dem anderen schmeißt er nun aus der Tiefe des Bodens hinauf auf das Grün. Bisweilen kann man dies von oben beobachten, voller Respekt für die harte Arbeit da unten, oder - im Falle von Gärtner Knoll - voller Abscheu.
Ruhe braucht er für seine Wühlarbeit. Spielt sich oberirdisch in Sommerzeiten zu viel ab, ob Fußball im Tiergarten oder Kindergeburtstag hinterm Reihenhaus, verzieht er sich lieber anderswohin. Dorthin, wo keiner ihm aufs Dach steigt. Und wo die Maulwurfshaufen eben auch weniger auffallen, zwischen Baum und Busch. Jetzt aber stehen ihm die Grünanlagen wieder zur Verfügung, fast exklusiv, nahezu unbelästigt jedenfalls vom lärmenden Menschen. "Dieser Tage kommen sie wieder aus unserem Wald auf die Wiesen heraus", sagt Jürgen Götte, Inspektionsleiter des Grünflächenamtes im Tiergarten. Ein Problem sei die Wühlarbeit von unten allerdings nicht, "nur ab und zu beim Rasenmähen stören die Haufen".
Das war nicht immer so, und zu Zeiten von Wilhelm Busch mussten sich die Maulwürfe vom Menschen nicht nur belästigt, sondern regelrecht verfolgt fühlen. Pelzjäger stellten ihnen nach, in Russland war die Maulwurfjacke auch in besseren Kreisen durchaus gefragt. "Dabei fallen beim Maulwurf-Fell die Haare schnell aus, und das Material ist sowieso nicht lange haltbar", weiß Götte, der sich über seine Jahre im Tiergarten durchaus zum Maulwurf-Experten entwickelt hat. Alfred Brehm schwärmte von der "gleichmäßig schwarzen Behaarung", die er gar als "sammetartig" in "schillerndem Glanze" beschrieb.
Dies war allerdings schon fast das einzige, was Brehm dem Maulwurf an positiven Eigenschaften abgewinnen konnte. Der Altmeister der Tierbeschreibung ("Brehms Tierleben") lieferte letztlich die fachliche und ethische Rechtfertigung für die Maulwurfhatz, wie sie sein Zeitgenosse Busch auch noch so poetisch beschrieb. Wie stets und bei jedem Tier, so war Brehm auch bei diesem gut für ein saftiges Wort: "Der Maulwurf ist im Verhältnis zu seiner Größe ein wahrhaft furchtbares Raubtier" schreibt er, und fügt hinzu: "Er ist wild, außerordentlich wütend, blutdürstig, grausam und rachsüchtig und lebt eigentlich mit keinem einzigen Geschöpf im Frieden, außer seinem Weibchen, mit diesem aber auch bloß während der Paarungszeit und solange die Jungen klein sind."
Hätten wir so etwas gedacht, von dem kleinen possierlichen Bürschchen, das gerade mal ein gutes Dutzend Zentimeter misst und zwischen 60 und 120 Gramm auf die Waage bringt, im Durchschnitt also weniger als eine Tafel Schokolade? Blutdürstig? Rachsüchtig?
Immerhin, in einem hat Brehm recht: Talpa europaea ist kein friedlicher Pflanzenfresser, vielmehr ernährt er sich ausschließlich von Insekten, Gewürm, Käfern oder Kröten. Und manches, was er dort unten in seinen finsteren Höhlen veranstaltet, wollen wir lieber gar nicht wissen. Zum Beispiel, dass er sich in einer seiner vielen Kammern für die Wintermonate einen lebendigen Nahrungsvorrat anlegt. Einen regelrechten Haufen von wimmelnden Regenwürmern, denen er die vorderen Körpersegmente abgebissen hat, damit sie nicht fliehen können und so dennoch am Leben bleiben, verstümmelt, dem Tode geweiht.
Dass er so grundsätzlich grausam zu seinen Mitgeschöpfen ist, wie Brehm zu wissen meint, deutet immerhin Entwarnung an andere Stelle an: Der Gartenfreund kann beruhigt sein: Nie im Leben würde der Maulwurf auf die Idee kommen, sich an den Wurzeln oder Zwiebeln seiner Blumen- und Sträucherpracht zu vergreifen. Die Tiere fressen vieles, aber eben nur vom Tier. Vegetarisches lehnen sie ab. Anders etwa als die Wühlmäuse, die das Wurzelwerk so radikal verbeißen, dass sie auch junge Bäume schon mal zu Fall bringen können.
Auch dies ist ein Grund dafür, dass der Gärtner zwar mit den Wühlmäusen so verfahren darf, wie es ihm bei fast allen anderen Geschöpfen der heimischen Fauna untersagt ist: Er darf sie vernichten. Doch der Maulwurf steht unter Schutz, allenfalls vergrämen darf man ihn, falls sein Erdaushub den Zierrasen mal allzu sehr beeinträchtigt. Dabei hilft oft schon das, was ihn den Sommer über sowieso von der Wiese vertrieben hat: Geräusche. Eine offene leere Flasche, ein wenig ins Erdreich versenkt, schickt bei Windzug ein Geräusch in den Untergrund, das ihn nachhaltig vertreibt. Natürlich hält das Gartencenter auch kompliziertes Gerät bereit. Beruhigend dabei ist, dass es sich - zu dieser Jahreszeit zumal - mit Sicherheit nur um einen einzigen Maulwurf handelt, auch wenn die Reihen der kleinen Hügel kreuz und quer durch den Garten ziehen. Denn der Maulwurf ist ein Einzelgänger. Ungeheure Reviere bearbeitet da der einsame Wühler. "Pro Hektar gehen wir von zwei bis vier Tieren aus", rechnet Götte für seinen Tiergarten aus. "Das käme dann bei etwa 60 Hektar Wiesenfläche bei uns auf knapp 200 Exemplare".
Kreuzen sich doch mal die Bahnen zweier Artgenossen, so fließt Blut im Tunnel, oft genug bis zum Tod des einen oder des anderen. Dies geschieht allerdings eher selten, denn von Ferne schon hört oder fühlt er die Nähe eines anderen und ändert den Kurs seines Tunnels - meist auch gewarnt durch die Markierung aus fremder Harnblase.
Lediglich zur Paarungszeit im Frühjahr dulden die Tiere die Nähe des anderen Geschlechtes. Die Säfte treiben die Tiere dabei öfter mal an die Oberfläche zur Balz, aber auch unter der Erde wird dann mal auf der Suche häufiger in die Kreuz und in die Quer gebahnt. Ob ober- oder unterirdisches Freien - das Aussehen ist da jedenfalls kaum entscheidend, denn auch wenn der Maulwurf sich eines wunderbaren Geruchs-, Gehör- und eines noch besseren Tastsinns erfreut, mit seinen Augen kann er nicht viel anfangen. Über einen Tunnelblick verfügt er dort unten schon gar nicht, in seinem Habitat muss - und kann - er sich auf seine vorzüglichen Sensoren an Haut und Barthaaren verlassen, denen weder Wurm noch Krabbeltier entgeht.
Der Maulwurf ist ein schnelles Tier. Mit gemessenen vier Kilometern pro Stunde durch seine fertigen Gänge erreicht er locker die Geschwindigkeit eines Fußgängers (der zügellose Brehm vergleicht sie sogar mit der "eines trabenden Pferdes"). Beim Graben schafft er pro Stunde immerhin neun Meter. Da er zwei Drittel des Tages arbeitet - in drei Fünf-Stunden-Schichten - kommen schnell Strecken von 50 Metern und mehr zusammen. Getrieben wird er dabei nicht nur von Futtersuche. Auch zur Verteidigung oder zur Flucht legt er sich ständig aufs Neue ein System aus Gängen, Vorratskammern und Schlafräumen an, immer mit mehreren Ausgängen, immer mit redundanten Verbindungen - falls von oben doch mal Hund oder Fuchs die Witterung aufnehmen und rabiat einbrechen.
Für einen routinierten, vielleicht drei oder vier Jahre alten Maulwurf mag dies kein Problem sein. Anders für den Nachwuchs, der sich etwa einen Monat nach der Balz, zwischen Ende April und Anfang Juni, einstellt. Anfangs gerade so groß wie eine dicke Bohne, müssen die Jungtiere nach vier bis sechs Wochen Stillzeit im Nest allein klarkommen. Durch heftige Bisse macht die Mutter sie darauf aufmerksam. Diese Zeit erkennt der Maulwurf-Experte von oben durch erhöhtes Hügelaufkommen: die Kleinen üben sich im Tunnelbau. Doch das Leben ist hart für sie, zehn bis 15 Zentimeter unter der Erde. Gerade mal ein Drittel der Jungtiere findet genügend Nahrung. Denn der Maulwurf ist auch noch äußerst "gefräßig", worauf Brehm natürlich auch noch hinwies, immer und immer wieder in seiner Suada gegen die Kreatur. Rund die Hälfte seines Körpergewichtes muss das Tier pro Tag zu sich nehmen, und die muss der unerfahrene Nachwuchs erst mal finden. Schafft er es nicht, geht er zugrunde. Übrigens auch dann, wenn er länger als einen Tag hungern muss. Im Sommer wie im Winter, auch zur kalten Jahreszeit ist ihm keine Ruhe gegönnt, er taucht nur tiefer ins Erdreich hinab, bis zu einem Meter.
Auch wer einen Maulwurf auf frischer Tat beim Hügelbau beobachtet - ob er ihn auch finden würde, ist dabei noch lange nicht ausgemacht. Der hat sich nämlich bei seiner Wühlarbeit auch noch eine Tarnung ausgedacht, und schmeißt das Erdreich etwa 15 bis 20 Zentimeter versetzt aus seinem Gang an die Oberfläche.
Wer dennoch suchen will, der beachte, was Konfuzius einst sagte: "Nicht über Berge stolpert der Mensch, sondern über Maulwurfshügel". Auch Gärtner Knoll stolperte übrigens.


