- Neun Monate nach der Inthronisierung des viereinhalbjährigen Tenzin Gyatso als 14. Dalai Lama brachte die Mutter des Gottkönigs von Tibet in einer Vorratskammer seines Sommerpalastes ihr 14. Kind zur Welt. Einen Tag später, am 8. Juli 1940, taufte der junge Dalai Lama seine Schwester auf den Namen Jetsun Pema. Kurz vor ihrem zehnten Geburtstag kam Jetsun Pema auf ein katholisches Internat in Nordindien. Dorthin flüchteten auch der Dalai Lama und viele Verwandte, nachdem die Chinesen 1959 einen tibetischen Aufstand niedergeschlagen hatten. Während der Dalai Lama in Dharamsala die tibetische Exilregierung aufbaute, setzte seine Schwester ihre Ausbildung in Europa fort. Nach ihrer Rückkehr begann sie für das Kinderhilfswerk "Tibetan Children's Village" zu arbeiten. Von 1964 bis 2006 war sie dessen Präsidentin, von 1990 bis 1993 Bildungsministerin der tibetischen Exil-Regierung. Sie ist in zweiter Ehe verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Kindern und lebt in Dharamsala. In Deutschland stellte sie gerade den Dokumentarfilm über ihren Bruder vor: "Zehn Fragen an den Dalai Lama" des US-Filmemachers Rick Ray läuft seit Donnerstag im Kino.
Der Dalai Lama selbst kommt am Freitag zu einem viertägigen Besuch nach Deutschland. Vorgesehen sind mehrere Treffen mit hochrangigen Politikern, Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat die Bitte nach einem Gespräch jedoch abgelehnt. Zum Abschluss seiner Reise will der Dalai Lama in Berlin vor dem Brandenburger Tor sprechen.
Berliner Illustrirte Zeitung: Wie spricht man Sie eigentlich richtig an?
Jetsun Pema: Sie können mich Mrs. Pema nennen, oder Pema, ganz egal.
Ok. Ich dachte, das wäre komplizierter - bei der Schwester eines Gottkönigs.
Oh nein, bitte! Seine Heiligkeit und die Familie, das sind zwei verschiedene Dinge. Ich bin nur Jetsun Pema.
Wie haben die Unruhen vor sieben Wochen in Tibet Ihren Bruder verändert?
Seit sieben Wochen ist die Situation sehr kritisch für die Tibeter, das hat ihn sehr aufgewühlt. Er fühlt sich hilflos. Er ist mental in einem ganz anderen Zustand als vor einem Jahr.
Also gibt es das Bild vom lächelnden Dalai Lama, das die ganze Welt kennt, gar nicht mehr?
Doch, doch, er lacht schon noch. Sein Lachen beruhigt die Menschen, und es steckt an. Ich glaube, Sie im Westen, Sie lachen nicht genug. Lachen macht das Leben leichter, aber im Moment macht er sich trotzdem große Sorgen um all die Tibeter, die gerade verhaftet und gefoltert werden.
Die Abgesandten des Dalai Lama sind am Mittwoch von den Verhandlungen mit den Chinesen in nach Dharamsala zurückgekehrt. Was wissen Sie über die Ergebnisse?
Nichts, ich kümmere mich nur um die Kinder.
Aber Sie sprechen doch mit ihrem Bruder?
Ja, wenn ich in Dharamsala bin und er auch, dann besuche ich ihn, aber nur etwa alle zwei Wochen.
Rufen Sie ihn gar nicht an?
Nein, er hat kein Telefon. Nur seine Sekretäre.
Wie sprechen Sie ihn an, wenn Sie alleine sind?
Ich nenne ihn "Kundun" wie alle Tibeter. Das bedeutet "die Präsenz". Oder "Yeshe Norbu" - "wunscherfüllendes Juwel".
Sie haben ihn noch nie mit seinem Namen angesprochen?
Nein.
Was für ein Verhältnis haben Sie zu Ihrem Bruder?
Ich habe große Achtung vor ihm. Er ist mein Lehrer, mein Guru, nicht mein Bruder.
Sie sind nur fünf Jahre jünger als er. Warum hatten Sie nie eine geschwisterliche Beziehung?
Er war schon oben im Potala-Palast, als ich geboren wurde. Ich sah ihn nur alle ein, zwei Monate, wenn meine Mutter uns hinbrachte.
Wie war der Dalai Lama als Kind?
Er war sehr reserviert, hatte immer Diener um sich.
Es heißt, er soll sich mit seinem Bruder geprügelt haben, als die Mönche ihn als Vierjährigen nach Lhasa brachten, so dass fast die Sänfte umgekippt wäre.
Ja, das stimmt, aber das war vor meiner Geburt.
War er neidisch auf Ihre Freiheiten?
Uns gegenüber hat er sich nie beklagt. Aber in einem Buch erwähnte er, dass er manchmal mit seinem Fernglas vom Palast aus die Kinder auf der Straße beim Spielen beobachtete. Oder meinen älteren Bruder beim Schlittschuhlaufen mit Heinrich Harrer, dem Bergsteiger aus Österreich.
Wie kann ein kleiner Junge so etwas aushalten?
Er ist so erzogen worden. Seine Tutoren sorgten für einen dichten Stundenplan. Dieses System gibt es schon seit Hunderten von Jahren.
Wie haben Sie als Kind das prunkvolle Leben Ihres Bruders im Potala-Palast erlebt?
Es hat mich nicht sehr beeindruckt. Wir anderen Geschwister sind ja selbst sehr privilegiert aufgewachsen. Wir hatten ein schönes Haus, Diener und Besitzungen im ganzen Land.
Was für ein Leben hätten Sie geführt, wenn die Mönche vor gut 70 Jahren die Reinkarnation des 13. Dalai Lama in einem anderen Kind gesehen hätten?
Ich wäre wahrscheinlich Bäuerin in einem kleinen Dorf im Osten Tibets. Aber darüber denke ich nicht nach. Wir Tibeter sagen: Die Vergangenheit ist Vergangenheit, die Zukunft kümmert sich schon um sich selbst, also machen wir das Beste aus dem Heute. Wir stellen nicht immer alles in Frage wie ihr Westler, es ist ja unser Karma.
Wie konnte es dann zu der Krise in Tibet im März kommen?
Es war einfach der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. In den Jahren der Besetzung haben die Chinesen den Tibetern so viel versprochen, es aber nie gehalten. Deshalb haben die Menschen in Tibet jetzt einfach die Nase voll.
Diesmal haben beide Seiten Gewalt angewendet.
Ja, obwohl es eigentlich gar nicht zu den Tibetern passt. Aber sie sind sehr verzweifelt.
Glauben Sie, dass Gewalt eine Lösung bringen kann?
Seine Heiligkeit setzt auf Frieden und Mitgefühl, aber nicht jeder ist Seine Heiligkeit.
Was bewundern Sie am meisten an Ihrem Bruder?
Seine Weisheit, seinen Humor und dass er so vereinfacht. Wenn ich meine Sorgen mit ihm bespreche, denke ich nachher immer, warum habe ich das vorher nicht auch so einfach gesehen?
Was haben Sie mit ihm gemeinsam?
Ich weiß nicht. Er ist eher ein Vorbild. Seit ich in Rente bin, besuche ich jede Vorlesung, die er in Delhi oder Dharamsala hält.
Auch Sie verstehen es, Aufmerksamkeit zu erregen. So wie damals, als sie in der Hollywood-Verfilmung von "Sieben Jahre in Tibet" Ihre Mutter spielten.
Das müssen andere beurteilen.
Hat der Dalai Lama auch Vorbilder?
Seine Heiligkeit ist ein großer Bewunderer von Gandhi, von Mutter Teresa, auch von Nelson Mandela oder Bischof Tutu.
Was unterscheidet ihn von diesen Menschen?
Er ist ein wunderbarer Zuhörer. Wenn er einen neuen Flüchtling empfängt, lässt er ihn einfach reden. Der Flüchtling schüttet ihm dann sein Herz aus, oft in Tränen, aber wenn er geht, hat er alles Schreckliche losgelassen. Einen Moment später kann dann schon wieder ein Journalist vor ihm stehen oder ein Politiker. Er räumt jeden den Platz ein, den er braucht.
Sie sind selbst Flüchtling und haben Tibet erst wiedergesehen, als Sie 40 waren. Sie leiteten eine Erkundungsdelegation. Wie wurden Sie empfangen?
Die Chinesen machten es uns so schwer sie konnten, aber die Menschen empfingen uns mit offenen Armen. Jeder hatte Schreckliches zu erzählen. Wir blieben mehr als 108 Tage, es gab keinen einzigen, an dem ich nicht geweint habe.
Was bekamen Sie zu hören?
Eine Mutter erzählte, dass ihr siebenjähriger Sohn so schwach vor Hunger gewesen sei, dass er nicht mehr gehen konnte. Da schnitt sie sich in den Finger, machte eine Suppe aus dem Blut und gab sie ihrem Sohn.
Setzen Sie sich seit damals für tibetische Kinder ein?
Nein, schon als ich aus Europa zurückkam, bat Seine Heiligkeit mich, meiner älteren Schwester mit dem "Tibetan Children's Village" zu helfen.
Ein Waisenhaus?
Nein, nicht nur. Die ersten tibetischen Flüchtlinge in Indien arbeiteten fast alle im Straßenbau. Sie lebten sie in Zelten entlang den Straßen. Seine Heiligkeit sandte Beamte, um die Kinder einzusammeln, die es dort sehr schwer hatten. 1960 waren es 63.
Wie viele sind es heute?
Mehr als 16 000. Davon leben 2700 bei ihren Eltern, sie bekommen von uns nur finanzielle Unterstützung. Mehr als die Hälfte haben ihre Eltern über die Grenze schmuggeln lassen, damit sie in Indien eine tibetische Schule besuchen können. Jedes dieser Kinder hat einen ausländischen Sponsor, der 38 Dollar pro Monat für sie zahlt.
Was planen Sie als nächstes?
Im Moment sammle ich gerade Geld für eine tibetische Universität in Bangalore. Ich bin zuversichtlich, dass im Juli die ersten Studenten anfangen können.
Unter den jungen Menschen in Dharamsala sind viele, die mit der Politik der Gewaltlosigkeit Ihres Bruders nicht einverstanden sind.
Sie sind jung und hitzköpfig. Die Mehrheit von ihnen ist in Indien aufgewachsen, sie wollen jetzt nicht mehr warten. Aber seine Heiligkeit verlangt nicht, dass jeder wie er denkt. Er sagt: Ihr habt auch ein Recht auf die Lösung des Tibet-Problems. Aber ihr müsst konstruktiv sein, Alternativen entwickeln.
Und was würden Sie ihnen sagen?
Wenn sie Unabhängigkeit fordern, werden die Chinesen ihnen niemals zuhören. Seine Heiligkeit sagt: Tibet ist ein Teil Chinas. Aber gebt uns die Möglichkeit, unseren way of life zu praktizieren, damit die tibetische Kultur nicht untergeht. Aber er sagt auch, dass die Chinesen im Moment kulturellen Genozid an den Tibetern begehen.
Haben Sie aufgehört, von der Unabhängigkeit Tibets zu träumen?
Wir müssen uns der Realität stellen. Wir brauchen einen Dialog mit den Chinesen, damit wir wieder in Tibet unser Leben und unsere Religion leben können. Die EU ist ein Land ohne Grenzen. Warum können wir keine EU in China haben? Wir werden keine Probleme machen.
Aber Sie wirken gar nicht wie eine besonders traditionelle Tibeterin. Anfang der Neunziger wurden Sie die erste weibliche Ministerin in der tibetischen Exil-Regierung. Nach dem Tod Ihres Mannes heirateten Sie wieder, obwohl viele Menschen von Ihnen erwartet hatten, Nonne zu werden.
Seine Heiligkeit sagt immer: Wenn eine Tradition hilfreich ist im 21. Jahrhundert, wenn sie uns ruhiger oder weniger egoistisch macht, behalten wir sie, wenn nicht, weg damit.
Was haben Sie verworfen?
Na, es wäre zum Beispiel ziemlich lächerlich, wenn ich mich in der indischen Hitze so anziehen würde wie früher in Tibet. Und gerade weil wir ihnen eine moderne Ausbildung ermöglicht haben und Seine Heiligkeit die Exil-Regierung nach demokratischen Prinzipien aufgebaut hat, sind wir Tibeter heute so erfolgreich. Denken Sie nur an die weltweiten Proteste, die die Olympische Fackel begleitet haben.
Haben Sie nie Angst?
Nein, nie. Wir haben gelernt, positiv zu denken.
Und Ihr Bruder?
Der erst recht nicht. Den Optimismus haben wir ja von ihm.
Wird er nie müde?
Nein, er ist so aktiv. Manchmal mache ich einen Tag sein Programm mit. Danach bin ich immer völlig gerädert und er noch ganz frisch.
Was macht er, um sich zu entspannen?
Er liest. Oder er arbeitet im Garten. Er liebt Blumen, vor allem Orchideen, aber er hat Schwierigkeiten mit ihnen in Dharamsala, sie gehen ihm oft ein. Es ist zu trocken im Sommer und zu feucht in der Monsunzeit. Aber er hat sie noch nicht aufgegeben.
Das Gespräch führte Elisalex Clary.


