"Schlagend? Mit Handtaschen?"

Sie tut es tatsächlich. Sie singt im Starbucks. "Rot-weiß-rot wollen wir uns zeigen/ganz als Frau die im Leben stehen/soll die Sonne sich auch neigen/für uns gibt's ein Wiedersehen.

- Sie tut es tatsächlich. Sie singt im Starbucks. "Rot-weiß-rot wollen wir uns zeigen/ganz als Frau die im Leben stehen/soll die Sonne sich auch neigen/für uns gibt's ein Wiedersehen." Wenn man die Stimme hört, hell und klar, fragt man sich, wann man selbst zum letzten Mal so frei von der Leber weg gesungen hat. Die Sängerin heißt Dominika. Sie ist Vorsitzende der studentischen Frauenverbindung Lysistrata.

Etwa 40 studentische Frauenverbindungen gibt es in Deutschland. Ihre Mitglieder sind Studentinnen und Berufstätige, die ihr Studium abgeschlossen haben. Sie wollen meist nicht mit vollem Namen genannt werden. Manche von ihnen arbeiten im öffentlichen Dienst, und außerdem gibt es Ressentiments gegen das Verbindungswesen der Männer. Zum Beispiel das Kampftrinken. "Das Bier, ja, das Bier", seufzt Dominika. "Ich bin sicher, wir trinken in der Kneipe nicht mehr als auf einer Studentenparty. Wir haben ein Mitglied, das zum Buddhismus übergetreten ist. Dass sie keinen Alkohol trinken darf, akzeptieren wir."

Die Namen der studentischen Frauenverbindungen klingen kämpferisch: Amazonia Jena, Lysistrata Berlin oder Concordia Feminarum Kiel. Lysistrata, das heißt soviel wie Heeresauflöserin. Es ist der Name einer Komödie des griechischen Dichters Aristophanes. Dort verweigern sich die Hausfrauen von Athen und Sparta ihren Männern, um dem Krieg ein Ende zu setzen. Kann man machen. Grausamer ist da schon das Schicksal der Amazonen. Den jungen Kriegerinnen wurde, so die Sage, die Brust ausgebrannt, um sie zu tapferen Kämpferinnen zu machen. "Wir empfanden den Namen als passend. Er spiegelt unser Selbstvertrauen wider", sagt Anja von der Verbindung Amazonia Jena. Selbstvertrauen ist wichtig, denn sie wollen anders als die Männer sein.

Dominika ist Anfang dreißig, geradeheraus und schlagfertig. In London und Miami hat sie Betriebswirtschaft studiert. In Berlin arbeitet sie jetzt für eine amerikanische Softwarefirma, die Marketingtools für Onlinemarktplätze anbietet. Kaum versinkt man in den tiefen Sesseln der Kaffeehauskette, kommt an ihrem Hosenbund etwas zum Vorschein, das wie ein Schlüsselanhänger aussieht. Es ist rot-weiß gestreift, ein wenig wie die Wimpel aus der närrischen Zeit im Fasching. "Das ist ein Geschenk meiner Bundesschwester. Wenn ich mal in Schwierigkeiten bin oder ein Taxi brauche", sagt Dominika und schraubt daran herum. Ein winzigklein gefalteter Zehn-Euro-Schein kommt zum Vorschein, ein Notgroschen. "Eine Verbindung ist mehr als nur ein Segelclub. Wir wollen füreinander da sein, wie eine Familie."

Das kann Vorteile haben. Sogar recht handfeste. Bei den Männern gibt es Verbindungsfreundschaften, die bis in die obersten Vorstandsetagen reichen. Das Corps Borussia Tübingen brachte gleich zwei Allianz-Vorstandvorsitzende hervor: Hans Goudefroy in den sechziger Jahren und Henning Schulte-Noelle in den neunziger Jahren. Im Corps Borussia Bonn waren Ende des 19. Jahrhunderts Herbert und Wilhelm von Bismarck, die Söhne des Reichskanzlers und preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck Mitglieder.

Ganz klar, Netzwerken wie in einer Familie, das möchten auch die Damen. Doch haftet den Verbindungen selbst nach dem Erfolg der Web-2.0-Portale wie StudiVZ, Facebook oder Xing noch immer der Ruch an, das Klüngelwesen zu fördern. "Wenn man es so nennen will. Ich kann die Scheu davor nicht verstehen", sagt Dominika. "In England und den USA gibt es unzählige Clubs und Organisationen. Von einer Weinverkostungsgesellschaft bis zur mauretianischen Partygesellschaft. An der Universität kommen auf dem Campus alle zusammen. Die Studenten sind nicht nur auf ihre Fachrichtung fixiert."

In den studentischen Frauenverbindungen wird gesungen oder geturnt, es werden Vorträge organisiert oder Weihnachtsdekoration gebastelt. Was aber den Unterschied zum gemütlichen Beieinandersein ausmacht: Man sieht die Gemeinschaft in einem größeren Zusammenhang. Die Grundsätze der VBSt Lysistrata hören sich wie ein Parteiprogramm an. Man bekennt sich zu den ganz großen Werten, die beinahe keinen Platz mehr im Alltag haben, ohne pathetisch zu klingen: die freiheitlich-demokratische Grundordnung des Staates, die religiöse und weltanschauliche Freiheit des Einzelnen.

Es ist Samstagabend im Irish Pub am Hackeschen Markt. Auf der Großleinwand läuft Bundesliga. Die Luft ist dunstig. Siege werden mit Bier begossen, Niederlagen schön geprostet. Etwas abseits des Leinwandgefühls sitzt die VBSt Lysistrata an einem Ecktisch. Dominika trägt eine Mütze, die wie ein Elbsegler aussieht. Die anderen Frauen haben ein rot-weißes Band über der Brust. Über die Internet-Seite invyte.de wurden alle Mitglieder aufgefordert, mitzuteilen, wer zu dem Treffen kommt. Weniger modern sieht es beim Kleiderkodex aus. Der wurde von den Männern übernommen. Es ist nicht einfach, die Dinge auseinanderzuhalten. Bierbänder, Prunktönnchen und Biertönnchen heißen althergebrachte Accessoires, alle gehalten in den Farben der Verbindung. Wer Trachten mag, sollte kein Problem haben. Doch das weibliche Geschlecht kann Modetrends nicht links liegen lassen. Piercings in den Verbindungsfarben sind derzeit der letzte Schrei.

Das Treffen der VBSt Lysistrata ist offiziell. Die Farben müssen getragen werden. Das ist nicht immer einfach. Der Auftritt irritiert die Passanten. "Wer nach außen etwas zeigt, bietet eine größere Angriffsfläche. Ob es eine fremde Hautfarbe oder eine Uniform ist, scheint keine Rolle zu spielen. Manche Verbindungsschwestern haben Angst davor, mit dem Band oder der Mütze die Straße entlangzulaufen. Es gibt Leute, die extrem aggressiv reagieren", sagt Dominika P. Die anderen Gäste im Irish Pub nehmen indessen keine Notiz vom Ornat der Damen. Sie sind zu beschäftigt mit sich, dem Fußball und dem Bier.

Es kommen immer mehr Mitglieder. Die Heilpädagogin Gritt bestellt eine Flasche Wasser und vier Gläser für ihre Tischnachbarinnen mit dazu. Es ist also kein Kampftrinken angesagt. Das erledigen die Kneipentouristen draußen beim binge drinking auf der Oranienburger Straße. "Ich trete jetzt routinierter vor Gruppen auf", sagt Gritt auf die Frage, wie die studentische Verbindung ihr Leben verändert hat. Eine angehende Lehrerin, die gerade ihr Referendariat absolviert, ist an diesem Abend mit ihrer Arbeit unzufrieden. Aber am Stammtisch der VBSt Lysistrata darf man sein Herz ausschütten und auch mal meckern.

An diesem Abend bleiben die Damen der Lysistrata nicht allein. Zwei Herren aus dem Jagdcorps Masovia gesellen sich zu ihnen. Männer sind also erlaubt? Natürlich. Andersherum ist es manchmal schwer für die Frauen, akzeptiert zu werden. "Seid ihr schlagend mit Handtaschen, oder was?", wird ihnen schon mal von Mitgliedern anderer Männerverbindungen entgegnet, die oft nicht wissen, dass es Frauenverbindungen gibt.

Dass das Jagdcorps Masovia eine schlagende Verbindung ist, daraus wird kein Hehl gemacht. "Wir gehen in Brandenburg jagen. Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, gäbe es uns wahrscheinlich nicht mehr. Innerhalb von Berlin ist es eben kaum möglich, zu jagen. Unsere Mitglieder können den Umgang mit der Waffe lernen. Der Erwerb des Jagdscheins ist Teil des Verbindungslebens", sagt André Z. Der Jurist ist im Jagdcorps für die Ausbildung der Neumitglieder, den sogenannten Fuxen verantwortlich. Doch das ist nicht das Einzige, was man dort lernen kann. Auf der Internetseite des Jagdcorps ist zu lesen, dass es Unterricht im Jagdhornblasen gibt. An jedem zweiten und vierten Montag im Monat wird geprobt.

Dass das Jagdcorps Masovia schlagend ist, stört die Damen nicht. "Schlagend" bedeutet, dass nach bestimmten Regeln ein Fechtkampf ausgetragen wird. Früher konnte das für die Vorsichtigen unter den Fechtern äußerst unangenehme Folgen haben. Eine Narbe war eine Tapferkeitstrophäe. Wer es zu keiner ordentlichen Verletzung brachte, legte sich ein Rosshaar in die Wunde, damit der Heilungsprozess unterbrochen wurde. Die Narbe sollte so unehrenhaft vergrößert werden und das war als feige verpönt. Doch das war im 19. Jahrhundert. "Viele unserer befreundeten Männerverbindungen sind schlagend. Aber es ist ein schmaler Grat zwischen in Ordnung sein und nicht in Ordnung sein. Wir waren einmal in ein Haus einer Verbindung eingeladen. In dem Regalen waren lauter Bücher, die auf dem Index stehen. Wir fühlten uns da nicht wohl und sind geschlossen gegangen", sagt Dominika.

Keine der studentischen Frauenverbindungen in Deutschland ist schlagend. In Österreich soll jedoch eine bestehen. Keine wird vom Verfassungsschutz überwacht, anders als bei den Männerverbindungen. "Wir beobachten nur, wenn es einen konkreten Hinweis für extremistische Bestrebungen gibt. Bei den Damenverbindungen ist das nicht der Fall", sagt Tânia Puschnerat, die Pressesprecherin des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Manchmal klingt es an dem Abend so, als ob man an einem Stammtisch der Jungen Union irgendwo in Bayern sitzen würde. Man hat keine Angst davor, konservativ genannt zu werden. Ein bisschen Trachtenverein, das Jagen, das Bier und die Politik gehören zum Leben dazu. Aber das Verbindungswesen - sogar das der Damen - ist älter als die CSU. Die erste Verbindung für Frauen hieß Verein studierender Frauen Hilaritas Bonn und wurde 1898 gegründet.

Das Jagdcorps Masovia besitzt ein Haus im noblen Stadtteil Zehlendorf. Man ist gemeinsam gesellig und organisiert Partys. Auch ein Heiratsmarkt? "Wir sind gerngesehene Gäste. Es gibt Bundesschwestern, die mit Farbenbrüdern verheiratet sind", sagt Dominika und lacht. "Bei mir war es umgekehrt. Ich fand das Verbindungswesen gut und bin der VBSt Lysistrata beigetreten. Mein Freund hatte dafür überhaupt kein Verständnis. Das hat sich aber geändert. Als ich ihm von dem Verbindungsleben erzählte, begann er sich zu interessieren und ist einer Turnerschaft beigetreten."

Sie wollen anders sein als die Männer

"Wir wollen füreinander da sein, wie eine Familie."