Ein grausamer Hase

Umrahmt von Glückspilzen und Blümchen sitzt er auf einer unendlich frühlingsgrünen Wiese: der Schnuffelhase.

Foto: Jamba! GmbH

Umrahmt von Glückspilzen und Blümchen sitzt er auf einer unendlich frühlingsgrünen Wiese: der Schnuffelhase. Niedlich. Er bleckt zwei winzige Hasenzähnchen, plinkert aus handtellergroßen Plastikaugen, hebt das Stupsnäschen gen Sternenhimmel - und ein kleines, etwas magenkrankes Kichern ertönt. Dann beginnt ein zuckersüßes Stimmchen zu singen: "Kuschel, kuschel, kuschel, kuschel..." - Das Ding wiegt den sanft den Kopf mit den schlaffen, grauen Hängeohren - "...Du bist mein kleiner süßer Schnuffel"... Es streichelt eine überdimensionale Möhre in seinem Schoß - "...Du bist mein kleiner süßer Stern..." - Am Himmel zischt eine Sternschnuppe durch ein herzförmiges Sternenbild - "...Hab' dich zum Kuscheln gern".

Ein Hase erobert Deutschland. Oder sollte man sagen: foltert? Im Januar brachte die Firma Jamba das kitschige Hasending als Klingelton auf den Markt. Als sich Erfolg abzeichnete, schloss man einen Vertrag mit dem Musikriesen Sony BMG. Seit dem 8. Februar brilliert der Hase auf Platz eins der Single-Charts, wurde inzwischen in zehn Sprachen übersetzt, ein Album ist in Vorbereitung.

Bei den einen löst der singende Nager - er erinnert eher an ein billiges Riesenplüschtier vom Jahrmarkt als an ein echtes Kaninchen - mit der zwitschernden Plastikstimme wahre Hormonschübe aus: "Ach wie niedlich !" Andere werden von akuten Mordphantasien geschüttelt.

Sebastian Nußbaum, 30, findet das ganz in Ordnung. Er hat, zusammen mit mehreren Kollegen der Klingenton-Firma Jamba, den Hasen entwickelt. "Geschaffen" wäre wohl zu viel gesagt, denn zum einen ist das "Kuschel"-Tier eine digitale Erfindung. Außerdem sagt Nußbaum nüchtern: "Wir wollten kein Kunstwerk schaffen, sondern eine perfekte Marktstrategie." Das scheint gelungen.

Nicht zu Ostern, wie man glauben könnte, war der Hase geplant - da wäre die Konkurrenz wohl doch zu groß gewesen - sondern für den Januar. "Schon im letzten Sommer suchten wir einen Klingelton, der in der kalten Jahreszeit die Herzen erwärmen würde, nach Weihnachten, wenn der Frühling noch weit weg ist", sagt Nußbaum. Eine Grafikerin des Hauses erstellte die erste Zeichnung "vom süßesten Hasen der Welt" mit allen Attributen des Niedlichen: "Er sollte das Kindchenschema haben, große Augen, Stupsnase, dazu ein weiches Streichelfell", sagt Nußbaum. "Zielgruppe waren Frauen ab Mitte 20."

Denn Handy-Klingeltöne sind längst nicht mehr nur eine Sache für Jugendliche. Aus den "Tönen", einst ein Nebengeräusch des Alltags, sind heute animierte Bilder geworden, Musikvideos, Spiele. Stars wie Madonna veröffentlichen neue Songs zunächst als Handy-Klingelton - und sparen sich so aufwendige PR. Der Schnuffelhase ist dabei nur eines von unzähligen seltsamen (Un-)Wesen, die die Programmierer, Musik- und Marketingexperten des internationalen Konzerns Jamba unter die Mobiltelefonbesitzer der Welt gebracht haben.

Jamba, vor sieben Jahren von drei Kölner Brüdern gegründet, ist heute mehrheitlich in Besitz des Medienmoguls Murdoch, hat seinen Hauptsitz Berlin und einen weiteren in Beverly Hills in den USA mit 50 Mitarbeitern. Auf den drei Etagen im Dom-Aquarée in Mitte arbeiten inzwischen 650 Beschäftigte. Die Räume wirken wie eine Mischung aus Kinderhort - die Konferenzräume heißen nach Figuren der Simpsons oder Handy-Animationen - und internationalem Konzern. An den Schreibtischen sitzen junge Leute vor zwei oder drei Bildschirmen pro Person, spielen, surfen und telefonieren. Das Durchschnittsalter der Jamba-Mitarbeiter beträgt gut 30 Jahre. Zum Konzern gehören heute ein eigenes Musik-Download-Portal und ein eigener TV-Kanal. Insgesamt 1,5 Millionen eigene Produkte hat Jamba im Angebot. Ein Drittel der Mitarbeiter ist allein damit beschäftigt, Lizenzen für Hits und Spiele zu erwerben, die dann für insgesamt 2800 Handytypen programmiert werden.

Das Herzstück der Jamba-Etagen ist jedoch eine Art riesiger Tresor. 1300 verschiedene Handytypen liegen darin in Schubladen, jedes in einem eigenen Fach, ordentlich sortiert. Was aussieht wie ein aus den Fugen geratener Teenager-Traum oder die Sammlung eines irren Handy-Junkies, ist schlicht dazu da, auszuprobieren, ob die Jamba-Angebote auch funktionieren.

In einer Ecke sitzt ein überdimensionaler blauer Frosch, ein "Walker" genanntes Kostüm, mit dem einst Werbung für den großen Bruder des Schnuffelhasen gemacht wurde: Mit dem "Crazy Frog" kam 2004 der durchschlagende Erfolg der Klingeltöne bei Erwachsenen. Der nervige Frosch, eine blaue, glubschäugige Gummi-Amphibie auf zwei Beinen, bekleidet mit einer altmodischem Motorradbrille und einem Halbschalenhelm, stand in dem Handy-Filmchen x-beinig auf der Straße, machte "reennn-deng-deng-deng digigigi deng deng deng" - und raste er mit diesem Sound eines schlecht eingestellten Zweitaktmotors direkt in die Männerherzen.

Der Frosch war unsagbar peinlich. Und unsagbar erfolgreich. Angeblich spielte er 15 Millionen Euro Gewinn ein. "Der Erfolg kam, als Banker ihn für sich entdeckten und ihn damit in den Mittagspausen amüsierten", sagt Niels Genzmer, bei Jamba zuständig für PR. Der "Crazy Frog" sei damals für viele Handynutzer der erste Klingelton gewesen, den sie heruntergeladen hätten - seitdem hat die Firma auch ältere Nutzer im Blick. Neulich, sagt Nußbaum, habe sogar seine eigene Mutter ihn auf den niedlichen Hasen angesprochen: "Sie ist immerhin 63 und wusste gar nicht, dass ich ihn erfunden hatte."

So wie der Frosch schafft es offenbar auch der "Schnuffelhase" ohne Umweg direkt in den Teil des Gehirns, wo Gefühle ausgelöst werden, ohne zuvor das Gehirn einzuschalten. "Der Kuschelsong soll eine Grußkarte sein, die man seinem Liebsten schickt, mit Worten, die man öffentlich nicht unbedingt aussprechen würde", sagt Nußbaum. Zielgruppe sei der Typ Frau, "die auch eine Tasse mit Herzaufdruck verschenken oder sich eine Diddlmaus ins Auto hängen".

Das Peinliche ist dabei durchaus Teil der Strategie. "Have it or hate it" heißt das Motto der Firma Jamba, auf Deutsch etwa: "Besitze es oder hasse es". Das funktioniert offenbar international. "Den Song gibt es bereits in zehn Sprachen", sagt Sebastian Nußbaum. Den "Songtext" - man wagt das Geschnuffel kaum so zu nennen - übersetzten Profi-Autoren. Begriffe wie "Schnuffel" und "Kuschel" stehen schließlich in keinem Wörterbuch, zumindest nicht mit Angaben zum Peinlichkeitsfaktor. Und selbst in Ländern mit derselben Sprache raunen sich Pärchen offenbar unterschiedliche Schnuffeleien ins Ohr oder verschicken sie per SMS: "In der englischen Version heißt das Wort "Snuggle-Bunny', in der australischen "Cutie'", sagt Genzmer. In Italien besingt der Hase seine "Carotina Coccolina", was zurückübersetzt etwa "Schmusemöhre" heißt, und deutlich schmutziger klingt, als es gemeint ist. Sexuelle Anspielungen enthalte der Schnuffelhase nicht, versichern die Hasenerfinder von Jamba. "Der Hase sollte einfach nur nett sein."

Nußbaum hatte die Idee zum Hasen. Den Entwurf übernahm eine Grafikerin, Text und Melodie schrieben Nußbaum und sein Kollege Andreas Wendorf, der dann die Produktion des Songs übernahm. Das fertige Lied - eine an die Schlümpfe erinnernde Quäkstimme - sang eine Kollegin von Jamba. Wie damals wurde die Stimme elektronisch verfremdet, mit einem Unterschied: Während der Sänger des "Schlumpfliedes", der Niederländer Vader Abraham, 1977 mit dem Song weltberühmt wurde, bleibt die Stimme des Schnuffelhasen anonym. "Für die fremdsprachigen Texte haben wir jeweils eigene Sängerinnen gesucht, die ähnliche Stimmen haben, was gar nicht so einfach war", sagt Sebastian Nußbaum. Auch wenn der Hase nun die Charts erobert und gerade ein ganzes Album vorbereitet wird, bleibe es dabei: Mit Kunst habe das nichts zu tun.

So, und jetzt die schlechte Nachricht: Trotz seines durchaus der Haptik verpflichteten Aufrufs zum Kuscheln existiert nicht ein einziger, echter Schnuffelhase zum Anfassen. Nein, es ist nicht die direkte Folge eines Anschlages. Die Hasen wurden aufgehalten. "Eigentlich wollten wir spätestens bis Ostern Kuscheltiere und andere Merchandisingprodukte auf den Markt bringen", sagt Genzmer, "aber das chinesische Neujahrsfest kam dazwischen." Nur ganz, ganz vielleicht kämen die Hasen noch vor Ostern an.