Berliner Illustrirte Zeitung: Herr Müller, e.o. plauen, der eigentlich Erich Ohser hieß, war einer der legendärsten Zeichner der Weimarer Republik. Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit ihm?
Detlef Manfred Müller: Ich habe im Februar 1992 seinen Sohn Christian Ohser hier in Plauen kennengelernt. Damals war ich Kulturamtsleiter und Ohser kam zum ersten Mal in die Heimatstadt seines Vaters. Er hat mir dann bald einen dieser großen "Vater und Sohn"-Bände des Südverlags gewidmet und seitdem beschäftigt mich der Zeichner e.o.plauen.
Sie haben sich seit dieser Zeit kontinuierlich mit dem Werk von Erich Ohser beschäftigt?
Mehr oder minder. Ausschließlicher seit etwa 2002, 2003. Zuerst hat mich vor allem der politische Zeichner interessiert. Es gibt ja einige Brüche in Ohsers Biographie. Ohser war zuletzt Zeichner für "Das Reich", jenes Flaggschiff der Goebbels-Publizistik. Mit den dort veröffentlichten Arbeiten habe ich mich nachhaltig auseinandergesetzt. Seit zwei Jahren sind es jedoch vor allem die "Vater und Sohn"-Cartoons, die mich faszinieren.
Haben Sie einen Lieblingsstrip von "Vater und Sohn"?
Den letzten - vom 9. Dezember 1937. Vater und Sohn verabschieden sich von den Lesern der "Berliner Illustirten Zeitung" und wandern auf einer langen Chaussee in den Himmel. Im letzten Panel des Strips zitiert Ohser Wilhelm Busch und dessen ebenfalls letztes Panel aus "Schnurrdiburr oder die Bienen". Insgesamt sind 157 Strips in der "Berlill" erschienen - wie Erich Kästner die Zeitung genannt hat.
Gehen wir an den Anfang der Biographie e.o.plauens. Ohser wurde 1903 in Untergettengrün im Vogtland geboren, 1909 zogen die Eltern nach Plauen. Nach der Schlosserlehre entschloss er sich zum Studium an der "Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe" in Leipzig...
Eine spannende Zeit. Er hat nebenher bei der Neuen Leipziger Zeitung gearbeitet und dort Erich Kästner kennen gelernt, der bereits fester Redakteur war.
Wie war das Verhältnis zwischen beiden?
Die waren kongenial. Ohser ein sehr begabter Zeichner und Kästner ein außerordentlicher Texter. Das waren stimmige Temperamente. Ohser hat später die ersten Gedichtbände von Kästner illustriert. Anfang 1927 gab es jedoch jenen Skandal um einen zweideutigen Faschingsspaß, der zufällig im Jahr des 100. Todestag von Ludwig van Beethoven erschien und als eine absichtsvolle Persiflierung des Meisters gedeutet wurde. Beide mussten die Redaktion verlassen. Kästner ging sofort nach Berlin - Ohser folgte Ende des Jahres.
Ist er dann gleich zur "Berliner Illustrirten" gekommen?
Eigentlich nicht. Er hat für die "Neue Revue" gearbeitet und für den von Alfred Flechtheim gegründeten, ab 1924 im Propyläen-Verlag der Ullsteins erscheinenenden "Querschnitt". Das war ein bedeutendes Kunst- und Kulturmagazin der zwanziger Jahre. Auch im sozialdemokratischen "Vorwärts" konnte Ohser eine Menge Karikaturen veröffentlichen. Zur "Berliner Illustrirten" kam er erst nach 1933. Inzwischen war er mit seiner Studienkollegin Marigard Bantzer verheiratet und hatte mit ihr den gemeinsamen Sohn Christian, der Erich Ohser auch für die Serie inspirierte.
Wie hat Ohser die Machtergreifung der Nationalsozialisten erlebt?
Ohser hat als Demokrat und Karikaturist sehr deutlich die Gefahren des nationalsozialistischen und des kommunistischen Terrors gesehen - und in seinen Veröffentlichungen gezeigt. Über 30 seiner Sottisen gelten allein Adolf Hitler und auch Goebbels bekam sein Fett weg. 1933 war Ohser durchaus gefährdet.
Wie kam er zur "Berliner Illustrirten"?
Es war so: Er konnte nach 1933 zwar weiter veröffentlichen und hatte auch kein definitives Berufsverbot, aber natürlich Schwierigkeiten. Der gleichgeschaltete Verband der Pressezeichner hatte ihm nur eine provisorische Erlaubnis erteilt und nicht endgültig in die so genannte Schriftleiterliste eingetragen. In dieser Situation kam ein Redakteur der "Berliner Illustrirten" auf ihn zu.
Konnte er mit "Vater und Sohn" in den nächsten Jahren ein Auskommen finden?
Ein recht gutes sogar. Die Verlagsleitung - Ullstein war ab Mitte 1934 arisiert und im Besitz der Nationalsozialisten - hat sich natürlich bei Goebbels rückversichert. Doch Goebbels hat Ohser dann tatsächlich für die "Berliner Illustrirte" zeichnen lassen, wenn auch nur unter dem Pseudonym. Bis 1937 hat der Zeichner dann seine Bilderstrips allein in der "Illustrirten" veröffentlicht.
Gab es einen besonderen Grund, warum er mit "Vater und Sohn" aufgehört hat?
Es gab mehrere Gründe, denke ich. Einer war, dass Stimmen auftauchten, die Ermüdungstendenzen bei Ohser feststellten - und möglicherweise griff auch in ihm diese Stimmung Raum. Und dann wurde die Serie in verschiedener Hinsicht instrumentalisiert. Er hat das im vorletzten Strip selbst dargestellt.
Wie sah das genau aus?
Die "Vater und Sohn"-Strips mussten unter anderem für die Winterhilfe werben. Und Ohser hat zum Beispiel für die Ullsteinbelegschaft einen Wahlaufruf zu den Reichstagswahlen 1936 gestaltet.
Ohser wurde 1944 wegen regimekritischer Äußerungen verraten.
Er ist richtiggehend denunziert worden. e.o. plauen war ein passionierter Witzerzähler und hat vor allem sehr scharfe Gags über die Nazis erzählt. Ein Hauptmann namens Schultz hat alles aufgeschrieben, was Ohser da über die Reichsführung äußerte und ihn bei der Gestapo angezeigt. Am 28. März 1944 wurden er und sein langjähriger Freund Erich Knauf verhaftet. Der Prozess war schon für den 6. April angesetzt.
War das Ende unausweichlich?
Auch das ist eine sehr spannende Geschichte. Goebbels hat zuerst versucht, Ohser vor dem Fallbeil zu retten, natürlich aus ganz pragmatischen Gründen: Er brauchte e.o. plauen als Zeichner für "Das Reich". Doch dann schwenkte Goebbels auf die scharfe Linie des Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, um. Ohser wurde klar, dass am Ende ein Todesurteil stehen würde - dem kam er zuvor und nahm sich in der Nacht vom 5. zum 6. April 1944 in der Haftanstalt Alt-Moabit das Leben.
Wie erklären Sie sich die große Beliebtheit der "Vater und Sohn"-Geschichten?
Das wird ganz klar, wenn man sich andere Zeichner jener Zeit ansieht. Man fragt sich oft, was an deren Cartoons überhaupt witzig sein soll. Die Zeichnungen sind ornamental, sie ersticken förmlich in zeichnerischem Überfluss. Und dann kam Ohser. Unglaublich lapidar und stimmig. Ohsers Bilderfindungen sind transparent und sehr modern. Er konnte sehr genau erzählen, Pointen setzen. Der Tübinger Rhetoriker Gert Ueding hat das treffend die "hohe Kunst der kleinen Wendungen genannt." Es ist ausgesprochen geistvoll, was Ohser macht. Das hat Jung und Alt begeistert. Er war der populärste Strip-Zeichner der 30er Jahre in Deutschland und es hat nach dem Krieg eigentlich nichts der Art wieder gegeben.
Über Erich Ohser existiert jenes Klischee, dass er ein eher naiver, unpolitischer, unkritischer Zeichner gewesen sei. Ist das zu halten?
Dieses Bild ist unglaublich und eine typische Ente der fünfziger Jahre. Unpräziser geht es gar nicht. Er war ein ausgesprochen intelligenter Zeichner und ein politischer Mensch. Und inzwischen wissen wir, dass er seine Haltung - auch nach der Machtergreifung - durchhielt. Der Zeichner von Vater und Sohn ist um vieles komplexer als es e.o. plauen in den bisherigen Darstellungen sein konnte und durfte.
Sie haben eine oppositionelle Haltung in den "Vater und Sohn"-Strips entdeckt?
Mir fiel zuerst jene Geschichte auf, in dem er Adolf Hitler im Auto zeigt. Ich war bass erstaunt, diesen Strip zu entdecken. Das war der Punkt richtig weiterzumachen und zu graben. Es gibt sie tatsächlich diese beispiellose Veröffentlichung von 1937. Eine kleine Adolf-Hitler-Figurine sitzt vorn neben dem Fahrer im Auto, mit dem Vater und Sohn als Herrschaften kutschiert werden.
Was haben Sie noch gefunden?
Vieles. Gut ein Drittel der in der Berliner Illustrirten Zeitung veröffentlichten Bildergeschichten hat einen subtil-satirischen Hintergrund. Auf einem anderen Bild etwa wird Goebbels' beim Posieren mit seiner Familie verspottet.
Leistete Ohser so etwas wie Opposition von innen?
Eher eine Art Dissidenz. Es gibt in Diktaturen die Möglichkeit eines Schreibens zwischen den Zeilen. Ohser hat zwischen den Zeilen gezeichnet. Man muss dazu klar stellen: Es ist etwas ganz anderes, mit Worten zu jonglieren, als den Hitler oder auch Goebbels bildhaft darzustellen und etwa in persona ins Blatt zu bringen. Das ist um Vieles greifbarer und angreifbarer. Und wenn man von der Höhe der Auflage ausgeht, ist es eigentlich sensationell.
Wird er das Gesamtwerk Erich Ohsers Revue passieren lassen?
Er wird nur Vater und Sohn beleuchten - ausführlich und en detail diese Analysen bringen und zeigen, wie Vater und Sohn mit ihrem feinsinnigen Spott die Nazis persiflierten.
Das Gespräch führte Felix Müller.
Detlef Manfred Müller, geboren 1956 in Plauen, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kulturbetriebes von Plauen, wo eine Ausstellung zum Thema vorbereitet wird (Start: 28. Juni). Im Frühsommer soll darüber hinaus ein Katalog erscheinen.

