James Flynn gehörte in der High School einem Basketballteam an, das viele Spiele gewann. Als sein Team fünf Jahre später gegen die dann aktuelle Mannschaft der Schule antrat, wurde es völlig demontiert. Die etwas jüngeren Spieler warfen nicht nur mit rechts, sondern auch mit links. Das machte das Spiel dynamischer. Es waren die 50er-Jahre, und Basketball eroberte über die Bildschirme die USA. Hatte einer einen Trick entdeckt, lernten ihn die anderen, um mitzuhalten. So stieg das Niveau innerhalb weniger Jahre so sehr, dass Flynns Team gerade noch als mittelprächtig galt.

So müsste das auch mit der Intelligenz sein, dachte Flynn Mitte der 80er-Jahre. Er war Professor für Politikwissenschaft in Neuseeland. Ihm war aufgefallen, dass die IQ-Werte in einigen Ländern anzusteigen schienen. Er vermutete den gleichen Selbstverstärkungseffekt wie beim Basketball: Je mehr sich Intelligenz im Leben auszahlt, desto intelligenter werden die Menschen. Doch seine Kollegen hielten den nach ihm benannten Flynn-Effekt für einen statistischen Fehler. Man wusste doch aus Zwillingsstudien, dass Intelligenz zu 70 Prozent vererbt wird – der IQ müsste damit über Generationen stabil bleiben.

Flynn hatte doch recht. Gerade haben Forscher der Universität Wien erstmals einen weltweiten Anstieg des IQ seit Beginn des 20. Jahrhunderts nachweisen können. Um 30 Punkte höher liegt der Gesamt-IQ jetzt höher als im Jahr 1909. Wer es heute auf einen Durchschnitts-IQ von 100 bringt, hätte vor 100 Jahren als hochbegabt gegolten. „30 Punkte sind Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass dies die Grenze zwischen normaler Intelligenz und Hochbegabung markiert“, sagt Jakob Pietschnig, ein Studienautor. Mit einem Kollegen hat er 219 Studien aus 31 Ländern mit vier Millionen Versuchsteilnehmern ausgewertet, um den Flynn-Effekt zu überprüfen. Überall stieg der IQ seit Beginn des 20. Jahrhunderts massiv an, um drei Punkte pro Dekade.

Immer mehr Aufgaben gelöst

Das kann man berechnen, weil der IQ von 100 immer der durchschnittlichen Anzahl richtig gelöster Aufgaben zugeordnet wird, sagt Elsbeth Stern von der ETH Zürich. „Wenn früher im Durchschnitt etwa 20 Aufgaben eines IQ-Tests richtig gelöst wurden, hat man diesem Wert den IQ von 100 zugeordnet“, sagt sie. „Wenn heute im Schnitt 25 Aufgaben gelöst werden, dann weist man jetzt der 25 den Wert 100 zu.“ Im Durchschnitt lösten die Menschen mit den Jahren immer mehr Aufgaben.

Der IQ machte in Deutschland zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg und ab 1950 große Sprünge, während der Kriege blieb er gleich. In Asien, das auf einem niedrigeren Niveau startete, stieg der IQ ab 1950 ungleich dramatischer. In der Türkei, Brasilien oder Kenia sind die Zuwächse in den vergangenen Jahren höher als in Deutschland. Das gleiche gilt für den IQ-Vorsprung, den Männer vor Frauen hatten. Auch der verschwand vor zwei Jahren in den Industrieländern. Die Daten zeigen aber auch: Seit rund 40 Jahren nehmen die Zuwächse in vielen Ländern langsam ab. „In den skandinavischen Ländern ist ein Plateau erreicht, dort steigt der IQ seit einigen Jahren nicht mehr.“

Eine bessere Ernährung, bessere medizinische Versorgung und bessere Bildungschancen als vor 100 Jahren seien die wichtigsten Faktoren für die Zuwächse gewesen. Das erkläre auch, warum irgendwann eine Grenze erreicht sei. Irgendwann kann das Essen nicht mehr gesünder, die medizinische Versorgung kaum noch besser werden.

Doch auch Faktoren wie die Entfernung von Trinkwasserrohren aus Blei, der Umgang mit Technik und die Erfahrung mit Testverfahren haben den IQ in die Höhe schnellen lassen. Zwar sei der IQ bei Kindern wie bei Erwachsenen gestiegen, doch der Zuwachs war bei den Erwachsenen viel stärker. „Früher waren Tests eine Rarität, heute sind sie überall“, sagt Pietschnig. Früher hätten die Leute Aufgaben nicht bearbeitet, wenn sie die Lösung nicht wussten. „Heute raten sie. Und das ist gar keine so dumme Strategie – im Gegenteil.“

Dass Flynn wohl auch mit seiner Theorie der „social multipliers“ recht hatte – also des rasanten Anstiegs der Intelligenz, weil sie gebraucht und belohnt wurde – zeigt eine Besonderheit in den Daten. Psychologen unterscheiden zwischen der kristallinen Intelligenz, sie bezieht sich auf Sachwissen, auf Fakten und Daten. Und der fluiden, sie bezieht sich auf das abstrakte, schlussfolgernde Denken, unabhängig vom Bildungsstand. Zwar gab es in beiden Bereichen einen Anstieg, ungleich stärker aber war er in der fluiden Intelligenz.

Flynns Erklärung: Abstraktes Denken wurde zunehmend wichtig, also entwickelten mehr Menschen die Fähigkeit dazu. „Dort, wo immer Schnee ist, sind die Bären weiß. Am Nordpol liegt immer Schnee – welche Farbe haben die Bären dort?“ Diese Frage stellte der Psychologe Alexander Luria um 1920 russischen Dorfvorstehern. Sie antworteten: „Keine Ahnung, ich war noch nie da.“ Hypothetisches Denken war für sie eine nutzlose Spielerei.

Was sich aber nicht geändert hat, ist die Verteilung der IQ-Werte um den Mittelwert. Es gibt heute genauso viele Menschen wie vor 40 Jahren, die um den Wert 100 streuen. „Die Unterschiede in der Intelligenz zwischen den Menschen bleiben“, sagt Stern. Es sind also nicht mehr Menschen als zuvor superintelligent, sondern alle Menschen sind ein bisschen klüger geworden.